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Tintin und Milou werden 90 Jahre jung
Die Comic-Figuren rund um das Tintin-Universum waren 2018 auf der 69. Internationalen Nürnberger Spielwarenmesse am Stand des deutschen Vertriebs Franko-Belgischer Comic-Produkte Atomax zu sehen.

Tintin und Milou werden 90 Jahre jung

Foto: DPA
Die Comic-Figuren rund um das Tintin-Universum waren 2018 auf der 69. Internationalen Nürnberger Spielwarenmesse am Stand des deutschen Vertriebs Franko-Belgischer Comic-Produkte Atomax zu sehen.
Kultur 3 Min. 12.01.2019

Tintin und Milou werden 90 Jahre jung

Hergés Comic-Universum um Tintin feiert den 90.. An die Kritik, die sie ihrem Vater einbrachten, erinnert da wenig

(KNA) - Sie gehören in jeden guten Comicladen: Reporter Tintin, Terrier Milou, Capitaine Haddock und ihre rot-weiß-karierte Mondrakete. Mit dem abenteuerlustigen Tintin schuf der Zeichner Hergé (bürgerlich Georges Remi, 1907-1983) vor 90 Jahren einen Charakter, der der US-Übermacht von Disney und Co. echte Konkurrenz machte. Weil Hergé, wie er selbst glaubte, nicht gerade virtuos mit dem Zeichenstift umgehen konnte, beschränkte er sich auf ein kindliches Prinzip: Punkt, Punkt, Komma, Strich.

Tintins Mondgesicht mit dem einsamen Haarbüschel ist buchstäblich ein Allerweltsgesicht. Und in aller Welt ist der Reporter denn auch zu Hause, immer im Dienst der guten Sache. Am 10. Januar 1929 erblicken Tintin und sein schneeweißer Terrier Milou im „Petit Vingtième“, der Kinderbeilage der katholischen Zeitung „Le Vingtième Siècle“, sozusagen das Licht der Welt. 

Der belgische Comic-Künstler Herge. Hinter dem Künstlernamen verstecken sich die französisch gesprochenen Anfangsbuchstaben «RG» für Georges Remi.  «Tintin» war sein genialster Einfall. Die erste Geschichte mit den beiden erschien vor 90 Jahren.
Der belgische Comic-Künstler Herge. Hinter dem Künstlernamen verstecken sich die französisch gesprochenen Anfangsbuchstaben «RG» für Georges Remi. «Tintin» war sein genialster Einfall. Die erste Geschichte mit den beiden erschien vor 90 Jahren.
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Für „Tintin au Congo“ fand Hergé, der selbst nie in Afrika war, Inspiration im Afrikamuseum von Tervuren bei Brüssel – und verewigte sie in dem Album. Etwa die „Anioto“-Skulptur von Paul Wissaert: Dargestellt ist ein in ein Leopardenfell gehüllter Mann, der sein am Boden liegendes Opfer mit krallenbewehrten Händen töten will. Um die Geheimbünde der „Leopardenmenschen“ rankten sich in der Kolonialzeit viele Mythen.

Belgien dagegen, so die Botschaft des Kunstwerks, brachte dem Kongo die Zivilisation. Ein anderes Beispiel kolonialer Stereotype: Tintin, der mit Tropenhelm als Lehrer eine naive „Neger“-Klasse unterrichtet. 

Die „Ligne claire“prägte seinen Stil

Nach und nach kommen beide um die ganze Welt. 1953/54 lautete sogar das „Reiseziel Mond“. Der detailverliebte Hergé sammelte Berge von Material, um daraus die Kulissen für die Abenteuer seiner Helden zu machen. Brüsseler Museen verweisen noch heute stolz darauf, dass dieses oder jenes Exponat Hergé als Vorlage gedient habe. Die „ligne claire“, die klare Linie, die seinen Stil prägt, wurde Vorbild für ganze Generationen von Comiczeichnern. Georges Remi, dessen Künstlername „Hergé“ sich aus der französischen Aussprache seiner umgedrehten Initialen RG herleitet, hatte eine Kindheit und Jugend verbracht, die typisch für das Belgien des frühen 20. Jahrhunderts ist: katholische Schule, Pfadfinder und später Mitarbeiter beim konservativen Wochenblatt „Le Vingtième Siècle“.

Als er dort Chef der Jugendbeilage wurde, begann er mit dem Comiczeichnen. Unmittelbar nach dem Krieg erhielt Remi als angeblicher Kollaborateur ein kurzes Publikationsverbot, weil er an der Zeitung der deutschen Besatzer mitgearbeitet habe. Historiker wollen wissen, dass Remi auch selbst der faschistischen Bewegung in Belgien, den Rexisten, nahestand. 1973 gab er zu, auch ihm sei die versprochene „Neue Ordnung“ als ein Hoffnungszeichen erschienen. Er sprach von einer „Dummheit“ und „Idiotie“.

Die ab 1946 in der neu gegründeten Zeitschrift „Tintin“ veröffentlichten Fortsetzungsepisoden wurden oft von Hergé inhaltlich und künstlerisch überarbeitet, bevor sie in Buchform erschienen. Die 22 Bände um den alterslosen Helden mit der blonden Haartolle und seine Gefährten Capitaine Haddock und Professeur Tournesol wurden in 58 Sprachen übersetzt. Die Gesamtauflage erreichte weit mehr als 200 Millionen Exemplare. Ein weltweiter Erfolg. 

Tintin wurde nach Hergés Todnicht weitergeführt 

Vor seinem Tod durch Leukämie am 3. März 1983 hatte Hergé verfügt, dass niemand Tintin und Milou weiterführen dürfe. „Tintin chez les Picaros“ von 1975 blieb das letzte vollendete Werk. Belgien, das den Zeichner schon mit Orden und Ehrungen gewürdigt hatte, erfüllte ihm seinen letzten Wunsch: die Beisetzung auf dem Friedhof am Dieweg im Brüsseler Stadtteil Uccle, der eigentlich schon seit 1950 für Neubestattungen geschlossen war.

Zum 90. Geburtstag von Tintin und Milou veröffentlichte die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ kürzlich eine regelrechte Eloge. Kurz vor Weihnachten brachte das Blatt auf einer kompletten Doppelseite gleich vier Beiträge zum Thema, die nach Vereinnahmung klingen. Tintin, so heißt es dort, sei ein „natürlicher Christ“. Zwar sehe man ihn nie beim Gebet oder ein Kreuzzeichen machend. Doch seine ganze aufrechte, ehrliche und auf Verstehen angelegte Art entspreche der eines „guten Katholiken“. Dann wäre also auch das geklärt.