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Tina Gillen: Hinter der Wirklichkeit
Kultur 6 Min. 18.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Tina Gillen: Hinter der Wirklichkeit

Tina Gillen hat eine Vorliebe für architektonische Formen, die Gegenstand vieler ihrer Bilder sind

Tina Gillen: Hinter der Wirklichkeit

Tina Gillen hat eine Vorliebe für architektonische Formen, die Gegenstand vieler ihrer Bilder sind
Foto: Gerry Huberty
Kultur 6 Min. 18.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Tina Gillen: Hinter der Wirklichkeit

Die vielschichtigen Arbeiten von Tina Gillen basieren auf Fotos, die sie geschickt abstrahiert. So lenkt die Künstlerin die Aufmerksamkeit auf das Wichtigste: das Sehen. Bis zum 21. Januar  2014 ist die Einzelausstellung der Künstlerin im Espace Corniche, Galerie Nosbaum und Reding, zu sehen.

VON ULI BOTZLER

Nachdenklich blickt Tina Gillen in ihrem Malatelier nahe Brüssel auf die Leinwand. Ihr Motiv ist ein Gebäude. Da fehlt ein Farbkontrast, befindet sie, greift zum Pinsel, geht ein paar Schritte zurück, schüttelt den Kopf, nimmt rasch ein Tuch und reibt sorgfältig die soeben erst aufgetragene schwarze Farbe wieder ab. Dies ist eine Szene aus „Atelier Luxembourg“, einem neuen Dokumentarfilm über zeitgenössisches Kunstschaffen  von vier teils im Ausland lebenden Luxemburgern. Der Filmemacher Yann Tonnarbegleitete die Künstler Tina Gillen, Catherine Lorent, Marco Godinho und Jean-Marie Biwer über längere Zeit.

Vorliebe für architektonische Formen

Tina Gillen hat er drei Tage lang im Atelier über die Schulter geschaut und ihr Fragen gestellt. Natürlich als erstes sofort nach ihrer auffallenden Vorliebe für architektonische Formen. Sie ziehen sie magisch an. Menschen hingegen fehlen immer in ihren Bildern, was den Betrachter dazu verführt, sich selbst oder andere Personen auf imaginäre Weise in die vorhandene Szene hineinzuprojizieren. „Ich mag durchaus Porträtmalereien“, sagt die Künstlerin „ aber selbst bin ich überhaupt nicht daran interessiert, das würde mir folglich auch nicht glücken.“

Tina Gillen, Jahrgang 1972, besuchte nach dem Abitur in der E-Sektion die Hochschule für angewandte Kunst in Wien von 1992 bis 1996. Nach dem Meisterdiplom wechselte sie nach Antwerpen zu einem dreijährigen postuniversitären Studium. Die Kunstszene dort wurde ihre neue künstlerische Heimat. Seit 2007 unterrichtet sie sogar dort im Fachbereich Malerei der „Royal Academy of Fine Arts“. Ihren Lebensmittelpunkt und ihr eigenes Atelier hat sie nach der Geburt ihrer beiden Töchter jedoch ins Grüne verlagert, an den Stadtrand nahe Brüssel. „Ich benutze zudem immer noch auch mein altes Atelier in meinem Elternhaus, wenn wir in Luxemburg sind“, erzählt sie.

Die Elster im Atelier

„Meine Motive stammen alle immer aus der Umgebung, in der ich mich aufhalte, also früher Wien, dann Antwerpen, jetzt Brüssel“, sagt sie. „Das Bild mit der Tankstelle etwa, das im Dokumentarfilm zu sehen ist, ist eine Ansicht hier in meinem unmittelbaren Wohnumfeld. Auch der Vogel darauf hat mit einem konkreten Erlebnis zu tun. Es hatte sich nämlich eine Elster in meinem Atelier verirrt und ließ sich nicht mehr vertreiben. Ich war erst total abgelenkt durch sie, bis ich merkte, dass ihre schwarzen Konturen meinem Bild mit den weißen Gebäudeflächen und dem sanften Licht den noch fehlenden Kontrapunkt setzen würde.“ 

Thematisch sind ihre Werke so konkreten Alltagsansichten zuzuordnen, wie Tankstelle, Einfamilienhaus, Spielplatz, Bergwelt, Sonnenuntergang oder Segelboot. Sie arbeitet dabei mit Fotografien, Postkarten, Skizzen, Zeitungsbildern oder Filmszenen als Gedankenstütze, ohne jedoch eine realistische Abbildung anzustreben. Vielmehr geht es der Künstlerin darum, so weit alles wegzulassen, auszublenden, bis nur noch das in ihren Augen Wesentliche bleibt. Über diesen Reduktions- und Abstraktionsprozess sagt die Künstlerin: „Ich lasse Elemente weg, um so auf paradoxe Weise eine bestimmte Lesbarkeit zu erzielen. Ich unterstreiche das Abstrakte und bewahre nur das äußerste Minimum."

Blick der Malerin, Blick des Betrachters

Nicht zuletzt versteht Tina Gillen die Malerei selbst als Spielfeld für das Spiel mit unterschiedlichen Bildtiefen, mit Bildthemen und Hintergründen, mit Bildräumen und Bildoberflächen. In ihren Gemälden ist der Bildgegenstand jedoch nie so stark reduziert, dass es zu völliger Abstraktion kommt. Tina Gillen setzt vielmehr mitunter abstrakte Einzelformen ein, die einen Kontrapunkt zu den gegenständlichen Bildwelten bilden. Diese sind oft geometrisiert, oft flächig und befinden sich meist vor großflächigem, großzügig gemaltem Hintergrund und weisen deutliche Spuren des malerischen Prozesses auf, bis hin zu den ihr schon fast zum Markenzeichen gewordenen Art Farbklecksen, die sie scheinbar willkürlich und wie ein Schlusspunkt auf die Leinwand gesetzt hat.  „Es ist mein Blick, auf den ich den Blick der Betrachter meiner Malereien lenke“, beschreibt sie ihr Konzept.

Vor wenigen Wochen zeigte sie bei ihrem deutschen Galeristen neue Werke, was dem renommierten Feuilleton der FAZ zum Saisonstart der Galerien unter dem sinnigen Titel „ Lasst uns in Farbmeeren schwimmen“ auch einen Beitrag wert war: „Zum Abschluss des Rundgangs lohnt die Rückkehr in den Süden Frankfurts. Die Luxemburger Künstlerin Tina Gillen zeigt bei hanfweihnacht unter dem Titel ‚Rain or Shine“‘neue Acrylgemälde. Die vielschichtigen Arbeiten basieren auf Fotos, die Gillen abstrahiert: Sie zeigt Landschaften, in die man durch Hindernisse, zerbrochene Glasscheiben etwa, blickt. Durch diesen Umweg lenkt die Künstlerin die Aufmerksamkeit auf das Sehen, auf den Wahrnehmungsvorgang selbst.“

3D-Welten und Dioramen

In Luxemburg gehört Tina Gillen seit 2001 zu den führenden Künstlern, die in der Luxemburger Galerie Nosbaum und Reding ausstellen. Derzeit bestreitet sie dort ihre siebte Einzelaustellung unter dem Titel „Real to Reel“. Bestechend ist etwa ihre Arbeit, aus der Vogelperspektive und wie durch einen „View Master“ einen Blick auf eine grüne Bergwelt zu werfen, die einem ein 3-D-Gefühl vermittelt. Oder ein Segelboot hoch oben in einem Bild schweben zu lassen. Tina Gillen gewinnt banalen Objekten durch ihre Spielerei mit Perspektiven und Schärfen eine neue Sicht ab.

Beeindruckt hatte Tina Gillen 2012 für ihre Ausstellung im "Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean" (Mudam), in dessen Sammlung sie auch vertreten ist, durch ein eigens angefertigtes Panorama-Gemälde von 22 Meter Länge, das auf einer runden Tragestruktur eine Kurve im Ausstellungssaal beschreibt und seine Inspiration von den illusionären Landschaften solch artifizieller Umgebungen wie den Dioramen in zoologischen Museen oder den Schlachtenpanoramen des 19. Jahrhunderts bezieht.

Ausgangspunkt für die Installation im Mudam war ein gemalter Hintergrund, den Tina Gillen in einem Zoo entdeckt hatte. Die motivische Reduktion und die wiederholte Spiegelung des Bildes betonten die Künstlichkeit der dargestellten Natur und ließen einen an Werke wie die Seerosenpanoramen Claude Monets in der Pariser Orangerie denken.

Ihren Karriereweg geht Tina Gillen mit einer Beharrlichkeit und einem Sinn für freies Schaffen jenseits von Markttrends, der ihr Respekt einbringt. Die Tücken des Kunstbetriebs kennt sie mittlerweile gut. Einzelausstellungen sind etwa nur in größeren Abständen zu machen, daher ist sie in mehreren Ländern vertreten. Aus privaten Gründen ist die Crown Gallery in Brüssel, die sie vertritt und deren Inhaber im Dokumentarfilm sehr schön erklärt, was er an Tina Gillens Bildern liebt, derzeit aber geschlossen.

 Info:

Bis zum 21. Januar  2014 ist die Einzelausstellung von Tina Gillen im Espace Corniche, Galerie Nosbaum und Reding, 4, rue Wiltheim, L-2733 Luxemburg, zu sehen. Geöffnet dienstags bis samstags von 11 bis 18 Uhr.

Es gibt keine eigene Internetseite von Tina Gillen, aber eine auf Englisch verfasste Monografie zu Tina Gillens Werk, das alle ihre zwischen 1996 und 2009 entstandenen Arbeiten vorstellt auf 152 Seiten. Tina Gillen: Necessary Journey, im Buchhandel erhältlich, ISBN: 978-3775722780.

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(Erstmals erschienen im "Télécran" Nr. 50 vom 4. Dezember 2013)