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Tief in die Abgründe der menschlichen Seele
Matilda macht sich auf eine Spurensuche nach der eigenen Identität.

Tief in die Abgründe der menschlichen Seele

Foto: Netflix
Matilda macht sich auf eine Spurensuche nach der eigenen Identität.
Kultur 1 2 Min. 01.04.2018

Tief in die Abgründe der menschlichen Seele

Unsere Zapping-Serienkritik zu "Requiem": Der rätselhafte, scheinbar grundlose Selbstmord ihrer Mutter schickt die Londoner Cellistin Matilda auf eine Reise in die Vergangenheit, nach der nichts mehr so ist, wie es war.

Von Kathrin Schug

Im Leben der jungen Londoner Cellistin Matilda Gray (Lydia Wilson) scheint es im Moment nur eine Richtung zu geben: steil nach oben. Als gefeierte Klassik-Interpretin reißen sich Konzerthäuser in der ganzen Welt um die Musikerin. Und auch privat läuft es rund – ihr schlimmstes Laster ist das heimliche Zigarettenrauchen.

Als ihre Mutter sich in einem Parkhaus vor Matildas Augen die Kehle durchschneidet, liegt dieses vielversprechende Leben innerhalb eines Augenblicks in Trümmern. Der rätselhafte, scheinbar grundlose Selbstmord schickt die Tochter auf eine Reise in die Vergangenheit, nach der nichts mehr so ist, wie es war.

Die Fährte führt Matilda und ihren besten Freund Harlan (Joel Fry) in den fiktiven walisischen Ort Penllynith, wo die verschworene Dorfgemeinschaft ein dunkles Geheimnis zu hüten scheint: Vor 23 Jahren verschwand hier ein Mädchen spurlos von einem Spielplatz und ward nie mehr gesehen. In dem abgelegenen Ort zwischen dichten Wäldern und nebelverhangenen Bergen scheinen nicht nur übersinnliche Kräfte zu wirken, auch in Matilda beginnt es zu arbeiten: Warum besitzt sie keine Erinnerungen vor ihrem fünften Lebensjahr? Wieso hat sie das sichere Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein?

Ihre Recherchen über den Freitod der Mutter werden zu einer Spurensuche nach ihrer eigenen Identität, die im wohlgeordneten Dorfleben ordentlich Staub aufwirbelt: Eine Reihe von Selbstmorden, unheimliche Visionen und ganz weltliche kriminelle Machenschaften flankieren Matildas unbeirrbare Suche nach der Wahrheit.

Ihr Weg führt sie immer tiefer in eine Parallelwelt von Geheimgesellschaften, Alchemisten und Engelswesen. Folge für Folge fügen sich die einzelnen Fäden zu einer Gesamtgeschichte zusammen, die nichts für schwache Nerven ist.

Ein ordentliches Kleinstadtporträt

Für die erfrischend furcht- und rücksichtslose Protagonistin Matilda eine zunehmend einsame Angelegenheit, in der sie niemandem trauen kann. Denn, wie es sich für ein ordentliches Kleinstadt-Porträt gehört, stehen natürlich auch honorige Bürger und Lokalpolizisten mit den dunklen Kräften im Bunde. Für die Dorfgemeinschaft gilt Matilda bald als wahnsinnige Stalkerin, deren Geschichte sie bestenfalls für die Psychiatrie qualifiziert. Und so ist die Serie auch eine Studie über den Kampf um Deutungshoheit und die Konstruktion von Wahrheit.

Mit sorgsam komponierten Schreckmomenten, bedächtigen Kamerafahrten und einer vielschichtigen Handlung führen die sechs Folgen der ersten Staffel tief in die Abgründe der menschlichen Seele. Die Sehgewohnheiten der Zuschauer fordert die Serie allerdings nicht heraus.

Der Topos der Kleinstadt, die etwas zu verbergen hat, kennt zahlreiche Vorläufer in der Film- und Fernsehgeschichte: vom jüngsten englischen Serienerfolg „Broadchurch“ bis zum Meilenstein „Twin Peaks“, der bis heute als Messlatte für das Übersinnliche im Alltäglichen herhalten muss.

„Requiem“ ist mit Sicherheit keine Serie, die über Generationen hinweg Maßstäbe im Gruselgenre setzen wird, aber eine durchaus solide Abendunterhaltung für die Freunde paranormaler Phänomene

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„Requiem“: alle Folgen auf Netflix.