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Thrillerserie "1983" unterhält nur mäßig gut
Kultur 1 2 Min. 23.12.2018

Thrillerserie "1983" unterhält nur mäßig gut

Ermittler Janów (Robert Wieckiewicz) wittert eine Verschwörung.

Thrillerserie "1983" unterhält nur mäßig gut

Ermittler Janów (Robert Wieckiewicz) wittert eine Verschwörung.
(Foto: Wiktor Krzysztof/Netflix)
Kultur 1 2 Min. 23.12.2018

Thrillerserie "1983" unterhält nur mäßig gut

Die Serienkritik der Woche: „1983“ will eine Premiere auf internationalem Niveau hinlegen, den polnischen Patriotismus pflegen und mit der kommunistischen Vergangenheit abrechnen. Ein Anspruch, an dem man sich nur verheben kann.

Von Kathrin Schug - Der Streaming-Dienst Netflix probt die Ost-Expansion: Polen, bislang ein weißer Fleck auf der globalen Karte der Eigenproduktionen, trägt mit „1983“ erstmals eine Serie bei. Der ambitionierte Versuch einer kontrafaktischen Erzählung scheitert aber am Wunsch, alles richtig zu machen.

Die Unerbittlichkeit, mit der Geschichte voranschreitet, macht es zu einem beliebten Gedankenspiel in Literatur und Film, über ein Weltgeschehen zu fantasieren, das eben nicht stattgefunden hat: Was wäre, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte? („The Man in the High Castle“). Was wäre, wenn die Russische Revolution nicht stattgefunden hätte? („Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“).

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Die erste polnische Netflix-Produktion bedient sich dieses Prinzips der kontrafaktischen Fiktion, um einem unbeschrittenen Weg der eigenen Nationalgeschichte nachzuspüren: Was wäre, wenn die Solidarnosc-Bewegung Anfang der 80er-Jahre nicht den Anfang vom Ende der Sowjetunion eingeläutet hätte? In „1983“ ist eben das eingetreten, der Eiserne Vorhang nie gefallen und das weiterhin kommunistische Polen ein wirtschaftlich prosperierender, aber dystopischer Unterdrückerstaat im Jahr 2003.

Attentate, Nukleares und Liebe

Die historische Weggabelung ist das Jahr 1983: Ausgangspunkt der Erzählung ist eine Anschlagsserie, die das Land erschüttert. Alle großen Städte von Danzig bis Krakau werden Ziel verheerender Bombenattentate. Ein nationales Trauma, das die gespaltene Bevölkerung eint und die Machtbasis der Kommunistischen Partei sichert.

20 Jahre später kommt der idealistische Jura-Student Kajetan (Maciej Musiał), dessen Eltern bei den Attentaten starben, gemeinsam mit dem renitenten Polizeiinspektor Anatol (Robert Wieckiewicz) einer Verschwörung auf die Spur, die bis in die höchsten Regierungskreise reicht. Schnell gerät die offizielle Version der Anschläge in Zweifel, gegen die übliche Verschwörungstheorien zum 11. September harmlos wirken.

Die Handlung der acht Episoden folgt den Nachforschungen des Gespanns und gibt dabei einen Überblick über die Prämissen dieser Fiktion: Geheime Widerstandsgruppen im Untergrund, internationale Machenschaften um ein nukleares Arsenal und nicht zuletzt eine Liebesgeschichte zwischen dem zunehmend misstrauischen Studenten Kajetan und der kronloyalen Tochter des Wirtschaftsministers.

Ästhetisch einfallslos

Dieser verwickelte und komplizierte Plot kommt nur schleppend in Fahrt und vermag bis zuletzt nicht zu fesseln. Das liegt auch an der ästhetischen Einfallslosigkeit der Serie: Eigenartig unbeholfen werden hier sämtliche Agententhriller-Klischees recycelt, die man sich ausdenken kann – eine eigenständige Bildsprache entwickeln die Folgen nicht.

„1983“ will vieles auf einmal: Eine Serienpremiere auf formal und inhaltlich internationalem Niveau hinlegen, den polnischen Patriotismus pflegen und gleichzeitig mit der kommunistischen Vergangenheit abrechnen, die in dem katholischen Land besonders verhasst ist. Ein Anspruch, an dem man sich nur verheben kann. Wer sich für die Geschichte Polens interessiert, kann mit der Serie sicher einige vergnügliche Stunden verbringen. Alle anderen bleiben eher mäßig gut unterhalten zurück.
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Alle Folgen von „1983“ sind auf Netflix abrufbar.


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