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Therapie mit dem Messer
Kultur 2 Min. 31.07.2018

Therapie mit dem Messer

Amy Adams spielt die Serienheldin Camille Preaker in der Serie “Sharp Objects”

Therapie mit dem Messer

Amy Adams spielt die Serienheldin Camille Preaker in der Serie “Sharp Objects”
Foto: HBO
Kultur 2 Min. 31.07.2018

Therapie mit dem Messer

Dass im Leben der Journalistin Camille Preaker einiges aus dem Lot ist, schwant dem Zuschauer schon in der Ouvertüre dieser düsteren, dichten Serie, als die Protagonistin ihren lädierten Volvo in Gang setzt.

von Kathrin SCHUG

Ein überquellender Aschenbecher, Wodka aus Evian-Flaschen und laute Rockmusik von einem Handy mit gesprungenem Display – fertig ist die Exposition einer Antiheldin, die man so schnell nicht vergisst.

Die Journalistin, gespielt von Amy Adams, wird von ihrem Chefredakteur in ihre Heimatstadt geschickt, das Provinznest Wind Gap im südlichen Missouri. Ein Mädchen wurde dort im letzten Jahr ermordet, ein weiteres wird vermisst. Während ihr Vorgesetzter eine große Story wittert, hadert Camille mit dem Auftrag. Die alte Heimat ist ihr suspekt und je tiefer man mit ihr in die Vergangenheit eintaucht, desto mehr fröstelt man mit ihr. In der Südstaatenvilla, wo die Haushälterin sie warmherziger begrüßt als ihre eigene Mutter, in den Kneipen, in denen man chauvinistische Sprüche über sich ergehen lassen muss, in den Gesprächen mit den Abgehängten und den Damen der Upper Class, die das Schweigekartell der Kleinstadt beharrlich befolgen. Vordergründig ist „Sharp Objects“ ein Krimi-Thriller, der konventionellen Parametern folgt: Der Kleinstadtkosmos als Ort abgründiger Verbrechen, die gereifte Heimkehrerin, die sich ihrer Vergangenheit stellt, eine Journalistin, die festgefahrenen Ermittlungen durch kluge Fragen neue Impulse verleiht. Dass man während der rund einstündigen Folgen dennoch den Eindruck hat, hier etwas radikal Neues zu sehen, dürfte auch an dem dezidierten Fokus auf weiblichen Figuren liegen.

Mehr als ein normaler Krimi

So ist es kein Zufall, dass es zwei junge Mädchen sind, die entführt und gefoltert werden und ganz sicher streift die Kamera auch nicht ohne Grund das Plakat der Feministin Gloria Steinem. Das Verhältnis von Frauen und Gewalt ist der Basso Continuo dieser Miniserie: Wie sie erlitten und erlebt wird, aber auch, wie sie in Härte gegen sich selbst und andere umgewandelt wird. Die scharfen Gegenstände, die der Serie den Titel geben, sind nicht nur die Messer, Schrauben und Nadeln, mit denen Camille sich ein Ventil für den stummen Schmerz schafft, indem sie sich Worte tief ins Fleisch ritzt; messerscharf beobachtet sind auch die (vor allem: Frauen-) Figuren, die diese Serie bevölkern. Von der eiskalten, repräsentationsorientierten Mutter („Mach mir keine Schande, dein Verhalten fällt auf mich zurück!“), die sich in nervösen Momenten die Wimpern ausreißt, bis zur charakterlich mäandernden Halbschwester Amma, die zu Hause selig mit ihrem Puppenhaus spielt und nachts als Teenie-Vamp auf Rollschuhen durch die Innenstadt gleitet. Die Hauptattraktion sind jedoch die Rollenarbeiten von Amy Adams, die eine der interessantesten und authentischsten Frauenfiguren der jüngeren Vergangenheit zum Leben erweckt. Sie ist mitfühlend und ironisch, stark und hilflos, quicklebendig und versteinert, alles gleichzeitig. Vor allen Dingen ist sie aber nicht das eindimensionale Rollenklischee einer Frau, das man noch viel zu oft in Filmen und Serien zu ertragen hat. Dass dieser Umstand immer noch hervorgehoben werden muss, ist eigentlich eine Schande – dieser Serie anzulasten ist er aber nicht. Im Gegenteil.

Die englische Originalversion der Miniserie ist seit dem 9. Juli auf Sky Ticket verfügbar, jede Woche wird eine weitere Episode freigeschaltet. Auf Deutsch oder Englisch gibt es die Episoden ab 30. August auf Sky Atlantic HD.