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Theodor Fontane: Bilanz eines Gedenkjahres
Kultur 3 Min. 30.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Theodor Fontane: Bilanz eines Gedenkjahres

Das Fontane-Denkmal, geschaffen von Max Wiese, erinnert in der Stadt Neuruppin im deutschen Landkreis Ostprignitz-Ruppin an den berühmten Literaten.

Theodor Fontane: Bilanz eines Gedenkjahres

Das Fontane-Denkmal, geschaffen von Max Wiese, erinnert in der Stadt Neuruppin im deutschen Landkreis Ostprignitz-Ruppin an den berühmten Literaten.
Foto: Soeren Stache/dpa
Kultur 3 Min. 30.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Theodor Fontane: Bilanz eines Gedenkjahres

„Effi Briest“ als Oper, eine App und ein Computerspiel über Theodor Fontane: Das sind nur ein paar Höhepunkte des Gedenkjahrs, das demnächst zu Ende geht.

„Effi Briest“ als Oper, eine App und ein Computerspiel über Theodor Fontane: Das sind nur ein paar Höhepunkte des Gedenkjahrs, das demnächst zu Ende geht. Am 30. Dezember wäre der Schriftsteller 200 Jahre alt geworden. Das Land Brandenburg hat den berühmten Sohn ausgiebig gefeiert.

Und die Bilanz fällt positiv aus: So habe sich die Zahl der Besucher im Fontane-Archiv in Potsdam im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht, wie Rainer Falk sagt. Auch die Digitalisierung wissenschaftlicher Beiträge über den Dichter stoße „auf anhaltendes Interesse“, so der Archivar. Eine soeben eröffnete mobile Ausstellung soll das Angebot über das Jubiläumsjahr hinaus verstetigen.

In vielen Projekten ging es nicht allein um Rückschau und Würdigung, sondern auch um eine kritische Aktualisierung. So sorgen inzwischen etwa manche Aussagen des Schriftstellers zur „Judenfrage“ für Irritation. Die Gedankenwelt des Autors sei „von jenen Ambivalenzen durchzogen“, mit denen sich Menschen auch heute plagten, schrieb der Literaturkritiker Ijoma Mangold in der „Zeit“. Daher habe Fontane dem heutigen Leser viel zu sagen. Von ihm lasse sich Ambiguitätstoleranz lernen: die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen, widersprüchliche Handlungen oder auch kulturell bedingte Unterschiede zu ertragen.

„Riesiges Œuvre“

Vereinfachungen seien bei Fontane besonders schwierig, fügt die Literaturwissenschaftlerin Anett Lütteken im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) hinzu – „weil er so ein riesiges Œuvre hinterlassen hat. Die Forschung muss seine Gedichte genauso im Blick haben wie die ,Wanderungen durch die Mark Brandenburg‘.“

Geboren 1819 in Neuruppin als Sohn eines Apothekers, war Fontane auch selbst in diesem Beruf tätig. Allerdings nur für zwei Jahre: Ab 1849 entschloss er sich, als freier Schriftsteller zu leben. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten schuf er Romane und Erzählungen, die bis heute hoch geschätzt werden: „Vor dem Sturm“, „Grete Minde“, „Schach von Wuthenow“, später „Effi Briest“. Einer seiner bekanntesten Romane, „Der Stechlin“, wurde erst in seinem Todesjahr 1898 fertiggestellt. Detaillierte Beschreibungen zeichnen Fontanes Werk aus, ein feiner Sinn für Ironie und nicht zuletzt unvergleichliche Wortschöpfungen.

Die Vielzahl der Orte, die sich am Jubiläumsjahr beteiligt haben, spiegelte die Verbundenheit des Dichters mit seiner Heimatregion. Zum Beispiel das havelländische Ribbeck: Fontane machte das Dorf weltbekannt mit seiner Ballade über den Gutsherrn, der seine Birnen an Kinder verschenkt. Laut Umfragen ist „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ das beliebteste Gedicht der Deutschen. Der Birnbaum, der lange aus der Familiengruft derer von Ribbeck wuchs, wurde 1911 von einem Sturm umgeweht. Findige Touristiker sorgten dafür, dass es in Ribbeck heute wieder einen Birnbaum gibt.

Nicht zuletzt ging es im Jubiläumsjahr um Bücher. „Lies mehr Fontane“, so der klare Appell eines Plakats, das der Grafikdesigner Sebastian Franzka in Anlehnung an die berühmte Werbung der US-Army gestaltet hat. Ab und zu, erklärte der Künstler, solle man „an die Quelle zurückgehen“. Das lohne sich insbesondere im Sinne der häufig ersehnten Entschleunigung: „Wenn man in Fontanes Büchern erstmal drin ist, dann sucht man nicht mehr die kurze literarische Anekdote, sondern man versinkt, taucht richtig ein.“

Ähnlich äußerte sich der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen. Fontane sei besonders spannend für Menschen, „die sich für religiöse Gegenwartsfragen interessieren“, schrieb er kürzlich in der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“. Der Autor habe „gerade zum Christentum manches geschrieben, das heute noch des Nachdenkens wert ist.“

Fontane sei „sicherlich kein strenggläubiger Mensch gewesen“, erklärt Expertin Lütteken. Er habe es jedoch stets respektiert, „wenn er sieht, dass jemand es ernst meint, authentisch ist und zu seinen Glaubensüberzeugungen steht, und wenn die noch so krude sind“. Die Kämpfe der Menschen, auch ihre Widersprüche, hätten ihn stets bewegt: „Fontanes Respekt gilt denen, die für den Menschen tätig sind.“