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"The Wolf of Wall Street": Sex, Drugs und Penny Stocks
Martin Scorseses Film erzählt von Aufstieg und Fall des Brokers Jordan  (Leonardo Di Caprio)

"The Wolf of Wall Street": Sex, Drugs und Penny Stocks

(FOTO: UIP)
Martin Scorseses Film erzählt von Aufstieg und Fall des Brokers Jordan  (Leonardo Di Caprio)
Kultur 3 Min. 02.01.2014

"The Wolf of Wall Street": Sex, Drugs und Penny Stocks

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Martin Scorseses fünfte Zusammenarbeit mit Leonardo Di Caprio: ein wahrer Höllenritt in die Finanzwelt.

(vac) Mal ehrlich: Wenn man zwischen Pest und Cholera wählen müsste, wer würde einem da verdenken, dass man sich für Leonardo Di Caprio entscheidert? Genau: Kein normal (mit)fühlender Mensch! Zur Erklärung: Da wir Lars Von Triers skandalumwitterten „Nymphomaniac, Vol. 1“ bereits vorgestellt haben, in der ersten Kino-Kalenderwoche mit „Paranormal Activity: The Marked Ones“ – in diesem Falle also die Pest – und „Justin Bieber’s Believe“ – demnach die Cholera – ansonsten zwei eher mittelmäßig interessante Filme (abgesehen für Zuschauern mit leicht masochistischen Tendenzen) anliefen, besprechen wir in der ersten Filmkritik eines hoffentlich an erfreulichen Überraschungen reichen neuen Jahres als dritte, wenngleich eigentlich „außer Konkurrenz laufende“ Option, die eine Woche lang angesetzte „Vorpremiere“ von „The Wolf of Wall Street“ – und zwar nicht wegen der schönen Augen von Leonardo Di Caprio, der mit besagtem Film seine fünfte Zusammenarbeit mit Kultregisseur Martin Scorsese feiert. 

506 Mal das böse "F***"-Wort

Und dies sicherlich nicht als einfache, geschweige denn bequeme Lösung, denn die Verfilmung des Lebens des Wall-Street-Brokers Jordan Belfort fordert mit ihren 180 Minuten vom Zuschauer immerhin ein ebenso durchtrainiertes wie strammes Sitzleder ein – zum rein mathematischen Vergleich: ganze 51 Minuten mehr, als der Kenianer Geoffrey Mutai im vergangenen Jahr zum Absolvieren des New York-Marathons brauchte!

Wie kann man eigentlich einen Film als „Premiere“ ansetzen und ihn dann eine Woche lang – fast schon regulär – im Programm laufen lassen? Nun ganz einfach: Aus ebenfalls rein rechnerischen Gründen, denn wenn er dann erst mal „offiziell“ startet, kann zum Premierenwochenende schon gleich ein kleiner „Zuschauerbonus“ hinzugerechnet werden. Und, um bei den Zahlen zu bleibe, noch eine letzte Information am Rande, das böse „F***“-Wort kommt – als neuer Scorsese-Rekord – ganze 506(!) Mal vor.

Mit „The Wolf of Wall Street“ erzählt Scorsese den raketenhaften Aufstieg – und Fall – des Brokers Jordan Belfort am Finanzhimmel Amerikas vor dem Hintergrund der 80ern bis hin zur aktuellen Zeit. Dass die vom Geld verliehene Macht Menschen enthemmt, ist bekannt, wie zügellos es sie jedoch wirklich macht, dürfte – auch wenn Scorseses Film keinesfalls für bare Münze genommen werden sollte – bei so manchem Zuschauer das Kinn herabfallen lassen.

Nicht wertend, gar zuweilen bewundernd

Wenn man den Film formal beschreiben müsste, täte man wohl am einfachsten daran sich – „à la“ Dantes Inferno – einen kleinen Spaziergang durch das Sodom und Gomorra der Finanzwelt mit Scorsese als Vergil vor dem geistigen Auge vorzustellen. Und die angekündigten drei Stunden vergehen förmlich wie im Fluge – so intensiv und attraktiv ist diese Höllenfahrt, die ungeahnte Spitzen der Unmoral erreicht.

Dass der Film ab 16 Jahren zugelassen ist, mag insofern verwundern, als die Anhäufung von ebenso freizügigen wie ausschweifenden Drogen- und Sexorgien die Anhebung der Altersgrenze auf die Volljährigkeit nahe gelegt hätte.Scorsese wählt hier bewusst den Ansatz der nicht wertenden, ja zuweilen von einer gewissen Bewunderung durchwobenen Präsentation und lockt dabei mit einer atemberaubenden Leichtigkeit, Eleganz und Wirkungskraft (aber hätte man vom Altmeister auch etwas anderes erwarten können?) den Zuschauer förmlich – mit subjektiver Kameraführung und direkter Anrede , die den Zuschauer buchstäblich zum „Mittäter“ macht – in den emotionalen und physischen Maelstrom, den die Figuren auf der Leinwand durchleben, hineinsaugen.

Leonardo di Caprio zeigt zum wiederholten Mal, dass ihm „übergroße“ Charaktere auf den Leib geschrieben sind und steigert sich in der Rolle des drogenabhängigen Jordan bis hin zu kurzzeitig regelrecht angsteinflößenden Energieentladungen an.

In den ebenso sorgfältig besetzten Nebenrollen stechen besonders Matthew McConaughey und das Wiedersehen, nach zehn Jahren Abwesenheit vor der Kamera, mit Regisseurkollege Rob Reiner als Jordans cholerischem Vater hervor.

Ein aufreibendes Opus, das hinter seiner Hochglanzfassade schmerzliche Tiefen offenbart.