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„The Romanoffs“: Moderne Märchen mit bitterem Happy End
Die Serie „The Romanoffs“ weckt mit opulenten Bildern zärtliche Regungen für die russische Seele.

„The Romanoffs“: Moderne Märchen mit bitterem Happy End

Foto: Jan Thijs/Amazon Studios
Die Serie „The Romanoffs“ weckt mit opulenten Bildern zärtliche Regungen für die russische Seele.
Kultur 1 2 Min. 02.12.2018

„The Romanoffs“: Moderne Märchen mit bitterem Happy End

Zapping: In der neuen Serie „The Romanoffs“ trifft amerikanische Serienästhetik auf die dramatische Geschichte eines alten europäischen Adelsgeschlechts.

Von Kathrin Schug 

Wenige Familiennamen der Weltgeschichte sind so klangvoll wie der der Romanoffs: Dekadent und dunkel ist die Aura dieses Adelsgeschlechts, das über Jahrhunderte die Herrscher des russischen Reiches stellte. Die Dynastie endete mit Zar Nikolaus II., der 1918 mitsamt seiner Familie von den Bolschewiki erschossen wurde. Nicht nur um die glanzvolle Vergangenheit und das blutige Ende des Hauses Romanoff, auch über sein vermeintliches Fortleben ranken sich unzählige Legenden.

Die Erben der Romanoffs – sind sie bis heute unter uns? Diese Idee inspirierte Serienschöpfer Matthew Weiner zu seinem neuesten Coup: Die Protagonisten in „The Romanoffs“ sind die heutigen Nachfahren des russischen Adelsgeschlechts – oder glauben zumindest, dies zu sein. In acht abendfüllenden Episoden à eineinhalb Stunden öffnet Weiner ein Fenster in die Welten von acht Paaren und Familien mit ihren sehr gegenwärtigen Problemen.

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„The Romanoffs“ ist weniger eine klassische Serie, sondern vielmehr eine Film-Anthologie: Die einzelnen Folgen sind in sich abgeschlossen, voneinander unabhängig und in unterschiedlichen erzählerischen Genres angesiedelt. Als einzige Klammer eint sie ein Bezug zu den Romanoffs – mal als vordergründiges Narrativ, mal als unscheinbare Randnotiz.

Klischees und liebevoller Blick

Von der Grande Dame Anuschka, die in ihrem Pariser Apartment sitzt und nach dem Tod ihres Sohnes das Ende der Familie kommen sieht, über das amerikanische Paar, das in Wladiwostok sein Glück mit einem russischen Adoptivkind krönen will, bis zur grandiosen Isabelle Huppert, die als Regisseurin in Österreich die letzten Stunden ihrer Vorfahren als Historiendrama inszeniert.

Eine grandiose Isabelle Huppert spürt als Regisseurin den letzten Stunden der Zarenfamilie nach.
Eine grandiose Isabelle Huppert spürt als Regisseurin den letzten Stunden der Zarenfamilie nach.
Foto: Jan Thijs/Amazon Studios

Mit einer Vorliebe für moderne Märchen mit leicht bitterem Happy End erzählen die Episoden vor dem Hintergrund eines berühmten Familiennamens sehr klassische Geschichten über Liebe, Enttäuschung und Betrug. Der Kitt, der all diese Einzelgeschichten zusammenhält, sind die Russland-Referenzen zwischen Klischee und liebevoller Beobachtung: Die Kamera gleitet über Fabergé-Eier, Teller voller Kaviar und Wodka trinkende Russen, die ihre geleerten Gläser an die nächstbeste Wand werfen.

Formvollendet und opulent

Wer angesichts dieser kalten Pracht keine zärtliche Regung für die russische Seele fühlt, dem ist nicht zu helfen. Tschaikowski und Prokofjew beschallen diese opulenten Bilder, denen man das Budget von 70 Millionen Dollar bis ins letzte Detail ansieht.

Sind die Figuren tatsächlich Nachkommen der Zaren, oder ist die ewig beschworene Blutlinie nur eine fixe Idee? Die Serie lässt es offen, sinnigerweise. Denn weniger als die Frage, wer wir sind, interessieren Matthew Weiner die Geschichten, mit denen die eigene Vergangenheit und Gegenwart begründet und ausgeschmückt werden. Das geschieht jeden Tag und überall, aber selten so formvollendet wie in der Fusion eines amerikanischen Serienästheten mit einer Familiengeschichte, deren Drama bis heute fortlebt.
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„The Romanoffs“ ist bei Amazon Prime Video abrufbar.


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