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"The Man who killed Don Quixote"
Kultur 1 2 Min. 28.07.2018 Aus unserem online-Archiv

"The Man who killed Don Quixote"

Terry Gilliam hat, in bekannter Manier, einen opulenten und durchgeknallten Film geschaffen.

"The Man who killed Don Quixote"

Terry Gilliam hat, in bekannter Manier, einen opulenten und durchgeknallten Film geschaffen.
Foto: Alacran Pictures
Kultur 1 2 Min. 28.07.2018 Aus unserem online-Archiv

"The Man who killed Don Quixote"

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Wer in Don Quijotes Abenteuer einen verstaubten Literaturklassiker sieht, wird von Terry Gilliams Film schnell eines Besseren belehrt.

Es gibt eine einfache Erklärung, warum eine Figur, die ein spanischer Autor 1605 erschuf, heute weltweit noch immer brandaktuell ist: Ein Fünkchen Don Quijote schlummert nämlich in jedem Menschen. Und es wartet nur darauf, entfacht zu werden, um in den Kampf gegen die Windmühlen der Existenz zu ziehen.

Terry Gilliam hat es seinem Helden einfach nachgetan: Denn als alle glaubten, dass sein Festklammern an einem Filmprojekt, das vom Schicksal geradezu verflucht schien, Wahnsinn sei, hat der Ex-Monty-Python einfach durchgehalten – und zwar ganze 25 Jahre lang. Genau ein Vierteljahrhundert hat es nämlich gedauert, um „The Man Who Killed Don Quixote“ endlich fertigzustellen und dem Publikum präsentieren zu können.

Und das Resultat ist ... ein echter Gilliam: opulent, durchgeknallt, liebenswert und dabei stets auch kritisch und relevant.

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Wie nur wenige seiner Kollegen – der Monty-Python-Schule sei wohl Dank – vermag der Regisseur von „Brazil“, „The Fisher King“ oder „The Imaginarium of Doctor Parnassus“ das Bittere des Lebens mit seiner Süße zu vermischen. Nicht von ungefähr hat „Captain Chaos“ dabei seinen Spitznamen verdient und hat trotz seiner 78 Lenze nichts von seinem Biss verloren.

18 Jahre sind ins Land gezogen zwischen Gilliams ersten Aufnahmen, die alle im Papierkorb landeten, und dem Moment, in dem der Ritter ohne Furcht und Tadel mit seiner Rosinante über die Leinwand reitet.

Erfunden wurde er 1605 von Miguel de Cervantes als „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ und ist seitdem zugleich Sinnbild der Aussichtslosigkeit einer Auflehnung und des Wunders des Glaubens geworden, dessen Nachhall bis hin zu Camus' Revolte reicht. Bei der Zeitlosigkeit dieser Themen wundert es nicht, dass 2002 einhundert weltbekannte Autoren bei einer vom Osloer Nobelinstitut und dem norwegischen Buchclub organisierten Wahl Cervantes' Werk zum besten Buch der Welt kürten.

Mehr Ritterlichkeit braucht die Welt

Frei nach dem Schema von Mark Twains „A Connecticut Yankee in King Arthur's Court“, erzählt Gilliam nicht die klassische Geschichte, sondern erweitert ihre Perspektive um die Geschichte eines erfolgreichen Werbefilmers, der sich zufällig in Spanien da wiederfindet, wo er seinen Studienabschlussfilm gedreht hat und der nun mit den Konsequenzen seines damaligen Handelns konfrontiert wird. Dabei vermischt Gilliam reale und fiktionale Erzählebenen, was ihm erlaubt, seiner visuellen Fantasie freien Lauf zu lassen und zahlreiche (Selbst-)Referenzen hineinzuflechten.

Dass der Zuschauer dabei nicht alle Anspielungen verstehen kann bzw. zuweilen die Orientierung verliert, ist klar – und nicht schlimm, denn letztlich geht es hier um die Wirkkraft des Gesamtkunstwerks, nicht um Prinzipienreiterei auf Details. Mit dem Hauptdarstellerduo Adam Driver und Jonathan Pryce hat der Regisseur denn auch das große Los gezogen: Ihre unglaubliche Leinwandpräsenz lässt nämlich erfolgreich über so manche Drehbuchlänge hinwegsehen.

So ist „The Man Who Killed Don Quixote“ eine philosophisch ansprechende und visuell packend inszenierte Reflexion über Verantwortung, Opferbereitschaft und die ewige Frage nach dem Sinn des Lebens – die diesen Don Quijote zu einer doppelten Lektion über die Macht der Ausdauer und einem eindringlichen Appell zu mehr Ritterlichkeit in der Welt macht. Und die Moral der Geschicht'? Sie ist genau die, die auch Cervantes schon vor über 400 Jahren fand: Glücklich ist am Ende nur, wer verrückt lebt und weise stirbt.