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„The Bitter Years“: Steichen nicht heroisieren, sondern verstehen lernen
Zwischen gefühlter Herausforderung und mutiger Vision: Gerade im Pomphaus neben dem Wasserturm soll Kuratorin Daniela Del Fabbro Besuchern mit Wechselausstellungen, Vorträgen, Workshops und vielem mehr Edward Steichens Konzepte einer neuen Generation vorstellen.

„The Bitter Years“: Steichen nicht heroisieren, sondern verstehen lernen

(Foto: Serge Waldbillig)
Zwischen gefühlter Herausforderung und mutiger Vision: Gerade im Pomphaus neben dem Wasserturm soll Kuratorin Daniela Del Fabbro Besuchern mit Wechselausstellungen, Vorträgen, Workshops und vielem mehr Edward Steichens Konzepte einer neuen Generation vorstellen.
Kultur 4 Min. 19.09.2012

„The Bitter Years“: Steichen nicht heroisieren, sondern verstehen lernen

Am 29. und 30. September öffnet der „Düdelinger Wasserturm“, der die Steichen-Bildersammlung „The Bitter Years“ beherbergen wird. Kunsthistorikerin Daniela Del Fabbro soll für den Dialog zwischen den historischen Konzepten Steichens und der heutigen Sichtweise sorgen.

Interview: Daniel Conrad

Nach dem Festungsmuseum im ehemaligen Fort Thüngen in Kirchberg ist die am Wochenende vom 29. und 30. September anstehende Eröffnung des „Düdelinger Wasserturms“, der die Steichen-Bildersammlung „The Bitter Years“ beherbergen wird, das zentrale Ereignis der Museums- und Ausstellungslandschaft in diesem Jahr. Für den Dialog zwischen den historischen und wegweisenden Konzepten Edward Steichens und der heutigen Generation von Betrachtern soll die junge Kunsthistorikerin Daniela Del Fabbro sorgen.

  • Frau Del Fabbro, Sie sehen Steichen, der aus Fotoauftragsarbeiten der Farm Security Administration (FSA) von 1935 bis 1941 in „The Bitter Years“ für das New Yorker „Museum of Modern Art“ im Jahr 1962 auf besondere Weise zusammenstellte, aus einem Unterschied von zwei Generationen heraus. Ist das eine Herausforderung?

Ja, schon – gerade auch weil ich erst spät zu dem Projekt hinzugekommen bin. Aber die Arbeit wurde mir insofern leichter gemacht, als dass die ganzen Recherchen und der Aufwand um die Ausstellung schon geplant waren. Jean Back und Françoise Poos haben sich sehr lange mit der Aufarbeitung der Werke, die Steichen zusammengetragen hat, auseinandergesetzt und später das Konzept für die Präsentation entworfen. Ich musste mich besonders mit dem Inhalt auseinandersetzen: den historischen Ereignissen, die die Bilder der Steichensammlung aus den verarmten ländlichen Regionen Amerikas zeigt, und Steichens späterer Präsentation in New York

  • Steichens Konzepte waren zu seiner Zeit aktuell, aber heute doch wohl schon etwas angestaubt ...

Nein, das stimmt so nicht. Steichen hat als Kurator sehr viel bewegt und ist auch heute immer noch sehr aktuell. Im Ausstellungswesen gibt es immer noch Vergleiche mit seinen Ideen. Und obwohl es so scheint, haben wir längst noch nicht alle Fragen geklärt. Wir bekommen immer wieder Fragen, gerade auch von Hochschulen zu seinem Werk. Natürlich hat man heute einen anderen Blick darauf und ohne eine weitere Dimension sollte man diese Ausstellung auch nicht zeigen. Sie ist ein Ausgangspunkt, von dem aus wir weiterbauen können.

  • Steichen wird vorgeworfen, seine Ausstellungen zu dramatisch, zu emotional gestaltet zu haben, anstatt objektive Kriterien anzulegen ...

Ja, sie haben ihre Dramaturgien. Steichens Ausstellung „The Family of Man“ von 1951, die ja zum Unesco-Weltdokumentenerbe gehört, zeigt das auch deutlich – das war bewusst so gewollt. Aus heutiger Sicht können wir seinen Ansatz kritisch kommentieren, aber man sollte auch verstehen, warum sich Steichen für diesen Weg entschieden hat. Eine Heroisierung sollte es aber nicht geben.

  • Was können Sie heute aus Steichens Arbeit lernen?

Er hat mit seinem Vorgehen etwas gewagt. Sein Wagnis war, Bilder in eine Konstellation zu setzen, die vorher so nicht vorgesehen war, um dadurch eine Stimmung zu erzeugen. Mein Wagnis ist, sein Erbe, das er uns hinterlassen hat, in die Aktualität zu bringen. Es gilt einerseits, dieses Stück amerikanisch-luxemburgischer Geschichte mit Konferenzen und Führungen zu betreuen, es zu erklären, warum die Ausstellung hier ist und aber dann auf unterschiedlichen Wegen die Auseinandersetzung und die Diskussion anzukurbeln, was diese Bilder heute für uns bedeuten können. Denn es ist oft erschreckend, wie nah Kontexte wie „Krisenzeiten“, „Armut“, „Hoffnungslosigkeit“ heute sind.

  • Das CNA hat den britischen Fotografen Stephen Gill ausgewählt, zur Eröffnung mit seinen Bildern im neben dem Wasserturm liegenden Pomphaus Akzente zu setzen. Wie hat er sich mit den historischen Bildern und Steichens „Themen“ auseinandergesetzt?

Gill hat im Prinzip eine Auftragsarbeit bekommen – wie die Bilder in „The Bitter Years“. Gill machte Fotos rund um den Wasserturm und in Düdelingen. Er hat sich viel mit der Industriegeschichte, dem Strukturwandel und auch dem „italienischen Viertel“ beschäftigt. Er hat eine starke Nähe zu den fotografierten Personen und Orten aufgebaut und das macht seine Bilder sehr stark.

  • Viele werden aber nicht beide Ausstellungen sehen und vergleichen können. Schon jetzt muss man sich für einen Platz am Eröffnungswochenende im Wasserturm online anmelden. Was bieten Sie den Menschen an, die nicht das Glück haben, die neuen Räume zu sehen?

Aus Sicherheitsgründen können wir es leider nicht anders machen. Aber die gesamte erste Woche herrscht freier Eintritt, so dass möglichst viele den historischen Teil sehen können. Am Wochenende um den 29. September wird zu einem Fest der Fotografie und ihrer Geschichte rund um den Wasserturm eingeladen. Es gibt Ateliers für alle Generationen, Musik und vieles mehr.

    Das ungekürzte Interview finden Sie im Luxemburger Wort vom Mittwoch.

    Das Eröffnungsprogramm und das Anmeldeformular für die Führung im Wasserturm gibt es unter www.chacunsatour.lu