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Tarantino: „Ich mag Spaghetti-Western und Winnetou“
Kultur 11 1 5 Min. 16.08.2019

Tarantino: „Ich mag Spaghetti-Western und Winnetou“

Regisseur Quentin Tarantino war bei der Premiere seines jüngstes Films in Moskau präsent.

Tarantino: „Ich mag Spaghetti-Western und Winnetou“

Regisseur Quentin Tarantino war bei der Premiere seines jüngstes Films in Moskau präsent.
Foto: AFP
Kultur 11 1 5 Min. 16.08.2019

Tarantino: „Ich mag Spaghetti-Western und Winnetou“

Fünf Jahre hat Quentin Tarantino an seinem „Once Upon a Time ... in Hollywood“ geschrieben, das er nun mit Weltstars wie Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie und Al Pacino auf die Leinwand bringt. Im Interview verrät ein gut gelaunter Kultregisseur unter anderem, ob er ein Romantiker ist und was er für seinen Ruhestand plant.

Interview: Mariam Schaghaghi

Quentin Tarantino, Ihr Film spielt im Hollywood der späten 1960er- Jahre. Wenn es Zeitmaschinen gäbe, in welche Zeit würden Sie zurückreisen, um zu drehen? 

Definitiv in die 1970er! Die Ära war mit ihren Schauspielern für den Film einfach grandios. Wenn Sie aber fragen, wann ich am liebsten in Hollywood gelebt hätte, würde ich die frühen 1960er wählen, die Zeit von Dean Martins Club „Dino's Lodge“ auf dem Sunset Boulevard – eine unglaublich coole Zeit.

Ihr Film ist überraschend splatterfrei, wirkt wie eine nostalgische Liebeserklärung an das alte Hollywood. Sind Sie etwa zum Romantiker geworden?

Ich bin romantisch! Oder ich werde auf meine alten Tage noch ganz sanft ... Margot Robbie bezeichnet mich gern als großen Softie! Sagen wir so: Sie sehen hier eine andere Seite von mir. 

Gab es bei einigen Szenen keine Lachkrämpfe am Set, z. B. wenn DiCaprio singt und tanzt?

Gott bewahre, ich hätte in der Szene nie gelacht! Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich Leo wirklich dazu gebracht habe. Ich hätte diesen grandiosen Moment nie ruiniert – ich verjage ja auch keinen Schmetterling, nur um ihn zu berühren! Jedes Mal, wenn ich diese Szene sehe, kann ich mein Glück nicht fassen. Das war echt cool, witzig und mutig von Leo. 

Wann begann für Sie die Neuzeit der Traumfabrik – mit Blockbustern wie „Der weiße Hai“?

„Der weiße Hai“ kam 1975 raus, damals fing die Mentalität der Branche an, sich zu ändern. Das lag auch an „Star Wars“ und „Rocky“, die 1976 anliefen. Die führten das Konzept des Happy End damals groß ein. Zuvor ließ man den Hauptdarsteller am Ende immer sterben, meist als echten Loser. Man war zynisch und dachte, so ließe sich die Realität besser abbilden. „Rocky“ hat alles verändert – und jetzt werden wir das Happy End gar nicht mehr los!


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Ist Ihr Film ein Tribut an die Traumfabrik?

Ich würde nicht sagen, dass es meine Liebeserklärung an Hollywood ist. Es gibt ein paar romantische Momente, aber ich habe auch einen zynischen Blick auf die damalige Zeit. Ich liebe die Figur Rick, aber teile seine Meinung zu bestimmten Dingen gar nicht: Er hasst Spaghetti Western, ich liebe sie! Ich mag „Winnetou“-Filme – Rick hätte sich die nie angesehen!

Hat Hollywood in gewisser Weise seine Unschuld verloren, als Sharon Tate 1969 von Charles Mansons Clan ermordet wurde?

Darüber habe ich viel sinniert. Joan Didion schrieb mal, dass die Sechziger offiziell mit den Manson-Morden endeten, und die ganze Welt scheint in dieses Zitat verliebt zu sein. Ganz so einfach ist es nicht. Während die Hippies von Frieden und Liebe sprachen, wurden in Vietnam Menschen abgeschlachtet. Die Polizeibrutalität geriet außer Kontrolle. Leute wanderten fünf Jahre in den Knast, nur weil sie einen Joint in der Tasche hatten. Rückblickend hat die Hippie-Bewegung viel Aufsehen erregt, aber die Gesellschaft nicht nachhaltig geprägt. Da ist auch viel schiefgegangen.

Mussten Sie für den Film überhaupt recherchieren oder stammt alles aus der riesigen Cine-Enzyklopädie in Ihrem Kopf? 

Ich habe mein ganzes Leben lang Recherchen für diesen Film betrieben, weil mich alles interessiert, was mit Hollywood zu tun hat. Allerdings habe ich mich noch mal intensiv mit dem Manson-Clan und den Machtstrukturen auf der Spahn-Ranch beschäftigt. Auch über die Beziehung von Sharon Tate und Polanski habe ich viel gelesen und Freunde von Sharon ausgefragt. Für eine lange Redeszene von Manson musste ich mich in seinen Sprachduktus hineinversetzen. Am Ende habe ich das aber wieder rausgeschnitten. Übrigens brauchte ich ein Jahr, um mich durchzuringen, diesen Film zu drehen, und zwar aus diesem Grund: Ich mochte es nicht, dass die irren Gedanken von Manson in meinem Kopf rumgeistern.

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Bei der Uraufführung in Cannes sagten Sie, dass Sie Polanski nicht über Ihr Vorhaben in Kenntnis gesetzt hätten. Wie wichtig war dann, dass Sharons Schwester Debra Ihnen Ihren Segen gab?

Das bedeutete mir alles! Wenn man einen Film wie diesen dreht, wird der nicht jedem gefallen. Ich wusste, dass ich ein Risiko eingehe. Mir ist egal, was jeder Einzelne, ob Kritiker oder nicht, von diesem Film hält. Aber wenn Debra Tate zufrieden ist, bin ich das auch. Ihre Meinung zählt. 

Ist Ihnen wirklich egal, was geschrieben wird? 

Bevor ein Journalist früher mit mir sprach, kannte ich seine veröffentlichten Artikel und konnte mit ihm ein gehaltvolles Gespräch führen. Die Branche hat sich aber grundlegend geändert. Ich gebe mir noch immer Mühe bei einem Interview, der Journalist sucht nur das Aufsehen erregendste Zitat, reißt es aus dem Kontext und veröffentlicht es auf 30.000 Plattformen von Indien bis Irland. 


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Warum geben Sie dann überhaupt noch Interviews?

Die gute Seite ist: Offenbar regen wir eine öffentliche Diskussion an. Und das ist wichtig. Als der Film in den USA anlief, wurden sofort klassische Kritiken durch intensive Diskussionen über die Inhalte und Ebenen des Films verdrängt. Es gab Debatten über das Ende und verschiedene Aspekte der Story. Selbst wenn einigen mein Film nicht gefiel, fand ich gut, was sie dazu zu sagen hatten. Sie haben sich wirklich Gedanken gemacht – toll! Das heißt, dass dieser Film die Leute interessiert und wir etwas geschaffen haben, das für die Öffentlichkeit von Bedeutung ist.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

Die macht mir zum einen etwas Angst, aber gleichzeitig ist es wahnsinnig aufregend, nicht zu wissen, in welche Richtung sich eine ganze Branche entwickeln wird. Eine ähnliche Umbruchphase hat die Filmindustrie der 1970er-Jahre so spannend gemacht. Hollywood ist immer dann am besten, wenn Hollywood keine Ahnung hat, wie es weitergeht!  


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Dies ist Film Nr. 9 – nach zehn soll Schluss sein. Ist das Ihr Plan? 

Der Plan ist weiterhin, die zehn Filme zu drehen. Aber es steht noch nicht fest, was Nr. 10 sein wird. Vielleicht „Star Trek“. Ich hatte auch eine Idee zu „Kill Bill 3“ und habe in den letzten Monaten intensiver darüber nachgedacht und Uma Thurmans Meinung dazu eingeholt – sie war sehr interessiert! Aber vielleicht wird's was ganz anderes, was noch in mir schlummert. Ich könnte natürlich auch so tun, als zähle Star Trek nicht, weil ich natürlich zehn Originale meinte und Star Trek dann unmöglich mitzählt … Kurz: keine Ahnung! 

Ruhestand: Was ist Tarantino ohne Filme? 

Nun, ich bin ja auch Autor. Vielleicht schreibe ich Bücher über Filmgeschichte. Oder Romane. Vielleicht Theaterstücke … Mal sehen!