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Starke Mudam-Retrospektive um Wojnarowicz
Kultur 21 1 4 Min. 30.11.2019

Starke Mudam-Retrospektive um Wojnarowicz

Werbeplakate nutzt David Wojnarowicz um seine Kunst auf verfügbarem billigen Malgrund zu entwickeln und gleichzeitig kommentiert er die Welt der Konsumgesellschaft.

Starke Mudam-Retrospektive um Wojnarowicz

Werbeplakate nutzt David Wojnarowicz um seine Kunst auf verfügbarem billigen Malgrund zu entwickeln und gleichzeitig kommentiert er die Welt der Konsumgesellschaft.
Foto: Steve Eastwood
Kultur 21 1 4 Min. 30.11.2019

Starke Mudam-Retrospektive um Wojnarowicz

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Diesen Mann, der 1992 an Aids starb, gelte es, so der Kurator David Kiehl, endlich den Respekt als Künstler zu zollen, den er verdient habe.

David Kiehl wollte diese Schau unbedingt im Zentrum Europas präsentieren – und das Mudam sei dem Curator Emeritus am Whitney Museum of American Art dabei sehr entgegengekommen (siehe Interview unten). Wer Kiehl über das Werk von David Wojnarowicz (1954-1992) sprechen hört, bemerkt darin nicht nur die Analyse eines gewieften Kunsthistorikers.

Hier bricht eine Art Sendungsbewusstsein durch – und das stark emotional aufgeladen. Das geht so weit, dass er nur von „David“ spricht, über den er jahrelang geforscht hat, in dessen Werk er eingetaucht ist. Diesen Mann, der 1992 an Aids starb, gelte es, so Kiehl, endlich den Respekt als Künstler zu zollen, den er verdient habe – auch mit einer Träne im Auge. Die späte Erkenntnis, zu wenig bisher getan zu haben, schwingt bei Kiehl mit.

Bildpoesie und Poesiebilder

Warum das bisher nicht geschehen ist? Kiehl spricht von der Ausdrucksvielfalt des Autodidakten, der im New Yorker Straßendschungel wie in einem „Kunst-Laboratorium“ der 1970er und 1980er mit verschiedensten Medien experimentierte – und gleichzeitig aber auch in Zeiten aktiv war, in denen die Aidskrise und der extreme US-amerikanische Kulturwandel stark polarisierten. Und das macht sicher sein Werk bis heute unbequem und für US-Amerikaner zu bespiegelnd.  

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Kurz vor dem Welt-Aids-Tag 2019 wird aber gerade daran deutlich, welche Dimensionen diese auch heute noch nicht besiegbare Erkrankung, die auf dem HI-Virus beruht, hatte und hat.

Natürlich rücken dann besonders die Fotos in den Blick, die er am Totenbett seines einstigen Partners, dem Fotografen Peter Hujar, machte – „a teacher of sorts for me, a brother, a father“, wie Wojnarowicz über Hujar schrieb. An den Bildern wird nicht nur der tragische Verlust vor dem Hintergrund von HIV-Infektionen deutlich. Hier gibt Wojnarowicz den Sterbenden ein Gesicht, von denen sich die US-amerikanische Gesellschaft abgewandt hatte.

Neben den Bildinhalten spielt die Poesie eine entscheidende Rolle. Überall finden sich in den Werken, die im Erdgeschoss des Mudam zu sehen sind, Bezüge zur Literatur – das beginnt mit der Foto-Reihe „Arthur Rimbaud in New York“ bis hin zu den textuellen Ebenen in den Bildern; besonders in dem Fotostat-Abzug „Untitled (One Day This Kid...), 1990-91“, in dem Wojnarowicz die eigene Jugend und die Zerstörung von Kindheit thematisiert.

Die USA im Fokus

Der schwere Katalog kann eine Hilfe sein, um diese Ebenen wirklich tief verstehen zu können. Das setzt allerdings überdurchschnittlich gute Englischkenntnisse voraus – vieles bleibt kaum entschlüsselbar, gar mysteriös. Aber genau das macht die Arbeiten, die durchaus als Richtschnur für eine Kritik an den heutigen Verhältnissen in den USA gesehen werden können, so entdeckungsreich.

Wojnarowicz braucht Zeit – vielleicht sogar mehrere Ausstellungsbesuche. Bis zum Ende der Schau im Februar 2020 ist Gelegenheit genug dazu.

Neben dieser Ausstellung wird auch ein Bezugspunkt von Direktorin Suzanne Cotter deutlich: der Blick Richtung USA. Hier in der Zusammenarbeit mit dem Whitney, an anderer Stelle mit den American Friends of Mudam (die im letzten Mai gegründet wurden) und den Leihgaben des Industriellen Raymond J. Learsy (aktuell zu sehen), einer der wichtigsten internationalen Kunstsammler mit Luxemburger Wurzeln.

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DREI FRAGEN AN... David Kiehl

David Kiehl wurde 1993 Kurator für Druckgrafik am Whitney Museum of American Art in New York, mit dem er heute, emeritiert, immer noch in Verbindung steht. Zuvor war er unter anderem stellvertretender Kurator für Drucke und Bildbände am Metropolitan Museum of Art. Er setzt sich besonders für die Arbeiten von David Wojnarowicz ein.

David Kiehl
David Kiehl
Foto: Steve Eastwood

David Wojnarowicz stellt dem Betrachter ganz unverhohlen die Frage: „What is your job in this world?“. Das ist für Sie ein Kern seiner Passion ...

Ich denke, dass das schlicht sein Testament an uns alle ist. Das ist am Ende seines Lebens eine Selbstreflexion und gleichzeitig ein Aufruf. Er weist darauf hin, dass wir alle über das, was uns beschränkt, hinausgehen.Wir alle haben unsere Vorurteile, unseren Hass, unsere Zu- und Abneigungen. Aber er führt uns mit der Frage über die Befindlichkeiten hinaus. „Komm aus deiner Box raus, beweg deinen Arsch.“ Aber das zeigt er besser, als ich es erklären kann. Wir geben uns leider zu stark mit den Oberflächlichkeiten zufrieden – und das macht diese Schau noch wichtiger.

Warum Wojnarowicz im Mudam?

Das Mudam bietet ein gutes Heim für ihn. Wir haben mit vielen Museen und möglichen Partnern gesprochen. Aber hier war die Offenheit da, mitten im Kern Europas seine Wirkmacht darzustellen – und das wird bestimmt den ein oder anderen Museumsmacher erstaunen. Ich habe auch gemerkt, wie stark sich die Direktorin Suzanne Cotter und ihr Ausstellungsleiter Christophe Gallois für David einsetzen. Und das ist ein Gewinn.

Warum hat Wojnarowicz bisher aus Ihrer Sicht keine allgemeine Anerkennung in der Kunstwelt gefunden?

Auch wenn sein Werk sehr stark ist, hat es Jahre gedauert, eine Retrospektive zusammenzutragen und Aufarbeitung zu machen. Das hängt auch mit der Bandbreite von Davids Schaffens zusammen. Den einen David gibt es nicht, es gibt sehr viele. Und das macht es schwer.

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