Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Spannung mit allen Mitteln
Kultur 4 Min. 30.10.2015 Aus unserem online-Archiv
Festival „rainy days“

Spannung mit allen Mitteln

Der Meister der Spannung im Zentrum des diesjährigen "rainy days" Festival.
Festival „rainy days“

Spannung mit allen Mitteln

Der Meister der Spannung im Zentrum des diesjährigen "rainy days" Festival.
(FOTO: PHILHARMONIE)
Kultur 4 Min. 30.10.2015 Aus unserem online-Archiv
Festival „rainy days“

Spannung mit allen Mitteln

Wie erzeugt man „Suspense“ rein mit den Mitteln der zeitgenössischen Musik? Dieser Frage geht das Festival „rainy days“ ab dem 24. November nach – unter anderem mit neuer Musik unter spannungsgeladenen Hitchcock-Stummfilmen.

Von Daniel Conrad

Spannung ist, wenn im Film eine Bombe unter dem Familien-Frühstückstisch angebracht ist – es aber nur die Zuschauer wissen, sie die ablaufenden Sekunden sehen und mit den möglichen Opfern mitfiebern. Menschliche Opfer wird es hoffentlich bei der neuen Auflage des Festivals für zeitgenössische Musik „rainy days“ nicht geben. Auch wenn das Sicherheitsteam der Philharmonie schon Bedenken angemeldet hat. Immerhin werden quasi bei jedem der Festivalabende weitere Pfeile aus dem Bogenköcher des Schützen Roland Volk zur Aufführung des Werks von Georg Nussbaumer „Bogenübung. Die Pfeile des heiligen Sebastian“ auf ein im Foyer aufgehängtes Cello geschossen. Ducken ist also angesagt.

Alfred Hitchcock gilt bis heute als Meister des „Suspense“, dessen filmische Spannungen unter die Haut kriechen. Für das Festival werden seine Stummfilme mit neuer Musik unterlegt.
Alfred Hitchcock gilt bis heute als Meister des „Suspense“, dessen filmische Spannungen unter die Haut kriechen. Für das Festival werden seine Stummfilme mit neuer Musik unterlegt.
Foto: Philharmonie

Und dazu wird auch noch ein Apnoe-Taucher für die Uraufführung einer Philharmonieauftragskomposition an Nussbaumer in einen ebenfalls dort aufgebauten Wassertank einsteigen und atemberaubend lange die Luft anhalten. Sind das alles nicht längst überlebte Klischees bzw. zur Realität gewordene Vorurteile gegenüber der zeitgenössischen Musik? Nein, es geht den Machern darum, das Leitthema der kommenden Festivalausgabe, „Suspense“, eben auch auf ungewöhnliche Art anzugehen – und so vielleicht auch einem neuen Publikum Anreize zum Entdecken zu geben.

„Es erzeugt nun einmal eine intensive Spannung, wann denn nun der Flügel in Simon Seen-Andersens Werk von der Decke fällt – aber wenn es dann passiert, generiert er dadurch etwas vollkommen wundervoll Neues, was man so nicht erwartet“, beschreibt der langjährige künstlerische Festivalleiter und Chefdramaturg der Philharmonie, Bernhard Günther, eines der zentralen Stücke der diesjährigen „rainy days“.

„Suspense“? Dieser Titel ist geradezu schon an sich ein Verweis auf die spannungsgeladenen Unsicherheiten, die Hitchcock in seine Filme zu zaubern wusste. Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass das Festival dem großen britischen Meister des Kinos einen besonderen Stellenwert schon zu Beginn einräumt: Am 24. und 25. November stehen Hitchcock-Werke der Stummfilmära im Vordergrund. Im Auftrag der Philharmonie und der Cinémathèque entstanden nun neue Filmmusiken – darunter auch eine Arbeit der Luxemburger Komponistin Tatsiana Zelianko, die die „United. Instruments of Lucilin“ spielen werden. Ihr gehe es nicht darum, mit den Bildern Hitchcocks in Konkurrenz zu treten, sondern die Spannung noch zu erweitern, über die Bilder hinaus Raum für Spannung aus einem an sich recht unspektakulären musikalischen Thema zu schaffen, betont sie bei der Programmvorstellung.

Der deutsche Helmut Lachenmann gehört längst zu den anerkannten Größen der internationalen Musikszene.
Der deutsche Helmut Lachenmann gehört längst zu den anerkannten Größen der internationalen Musikszene.
Foto: Emilio Pomarico

Internationale Aufmerksamkeit

Im Vergleich zur jungen Komponistin ist der deutsche Helmut Lachenmann längst eine anerkannte Größe der internationalen Musikszene. Die OPL-Aufführung seines Orchesterwerks „Ausklang. Musik für Klaviere mit Orchester“ kommentiert der Komponist selbst – am Tag seines 80. Geburtstags. Dass er seinen Ehrentag in Luxemburg begeht, ist gleichzeitig auch eine Verneigung vor der Arbeit, die die Philharmonie für dieses Festival leistet.

Aber braucht es denn für die zeitgenössische Musik immer Erklärungen und große gedankliche Konzentration? Zumindest sollen die Aufführungen wie in den letzten Jahren die Türen zur zeitgenössischen Musik für ein breites Publikum öffnen. Diesmal spielt man damit, was passieren könnte, lässt Überraschendes zutage treten und stürzt den Zuhörer in Unsicherheiten, die fesseln.

„In Anbetracht der Durchschnittszahlen aus anderen Ländern ist das Interesse der Luxemburger für das Festival sehr groß“, betont Günther. Zudem habe sich die Aufmerksamkeit mit jedem Jahr gesteigert – spürbar auch im Interesse der internationalen Presse, die sich für die hohe Dichte an ungewöhnlichen Projekten und Uraufführungen interessiere. Umso mehr sei es auch das Anliegen der Philharmonie, in das Festival weiter Zeit und Mühe zu investieren, selbst wenn der künstlerische Leiter zum vorletzten Mal die Programmation plant. Günther wechselt an die Spitze des Festivals „Wien modern“.

Am Abschlusstag (Sonntag, dem 29. November) wird Enno Poppe die zentrale Figur des Festivals.
Am Abschlusstag (Sonntag, dem 29. November) wird Enno Poppe die zentrale Figur des Festivals.
Foto: Harald Hoffmann

_______________________

Highlights aus dem Gesamtprogramm

Nicht nur die Werke Georg Nussbaumers oder Helmut Lachenmanns nehmen einen besonderen Raum beim diesjährigen Festival „rainy days“ vom 24. bis zum 29. November ein. Einmal mehr bringen sich sowohl die auf die zeitgenössische Musik spezialisierten Ensembles des Landes wie auch einige der Kulturhäuser der Hauptstadt in das Programm ein. Quasi ausverkauft – und maximal noch mit dem Festivalpass für alle Veranstaltungen zugänglich – ist die moderne Oper „Private View“ (27. November) im Grand Théâtre, die sich an das Gesamtwerk von Alfred Hitchcock anlehnt – in der Inszenierung von Tom Creed ein optisches Meisterwerk, das mit dem „Fedora Rolf Liebermann prize for opera“ ausgezeichnet wurde. Im Mudam ist am Sonntag, dem 29. November, der italienische Komponist Luca Francesconi zu Gast. Er wird sein Werk nicht nur genauer erklären, sondern auch am Pult des von Claude Lenners gegründeten Ensembles „Noise Watchers Unlimited“. Für die Klavierfreunde werden sicher die Auftritte des Pianisten Pierre-Laurent Aimard einen besonderen Reiz darstellen. Er widmet sich in seinem Solorezital (27. November) der klassischen Avantgarde und bringt Werke von Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen zu Gehör. Am Abend zuvor (26. November) ist er einer der musikalischen Mitstreiter bei der besonderen Geburtstagsfeier für Helmut Lachenmann. Am Abschlusstag (Sonntag, dem 29. November) wird Enno Poppe die zentrale Figur des Festivals. Unter anderem wird das Klangforum Wien – eines der schon angestammten Festivalensembles – sein Werk „Speicher IVI“ aufführen. Kaum ein Stück habe bei den letzten Ausgaben Publikum und Kritik bei den Donaueschinger Musiktagen so begeistert wie dieses, so der „rainy days“-Chef Bernhard Günther – eine echte Empfehlung.

www.rainydays.lu 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Rainy Days Festival
Musikerlebnisse auf der Yogamatte und ein Mitmachprogramm für Kinder – das am Dienstag gestartete Rainy-Days-Festival will mit Vorurteilen zeitgenössischer Musik aufräumen und Gefühle wecken.
„rainy days“-Festival in der Philharmonie
Was haben der heilige Sebastian, ein Wasserbecken für einen Apnoe-Taucher und eine Mozartkugel gemeinsam?
Itv Georg Nussbaumer.Foto:Gerry Huberty
"Lëtzebuerger Kënschtler fir Flüchtlingen"
Mit einem Benefizkonzert am 16. Dezember in der Philharmonie wollen Musiker aus Luxemburg minderjährige Flüchtlinge im Land unterstützen. Das "Who's Who" der Musikszene wird dabei sein.
Concert-hommage au groupe Queen
Le ténor luxembourgeois Serge Schonckert, le trompettiste Erni Hammes, une douzaine de chanteurs et le Luxembourg Jazz Orchestra ont fait swinger le public. Découvrez notre galerie de photos et le commentaire d'Isabelle Trüb.
Isabelle Faust im Gespräch
Am vorigen Sonntag wurde sie in Berlin mit einem „Klassik-Echo“ für eine Schumann-Aufnahme mit dem Freiburger Barockorchester ausgezeichnet. Am Donnerstag steht Isabelle Faust erneut mit dem OPL auf der Bühne.
Abschluss des Echternacher Festivals
Gast Waltzing dirigiert am Donnerstagabend den Abschluss des Echternacher Festivals. Im Interview spricht er über die nötigen Musikertugenden und die Höhen und Tiefen seiner Karriere.
Gast Waltzing. Foto:Gerry Huberty