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Solche kreativen Europäer braucht es jetzt
Kultur 5 Min. 08.07.2022
Junge Sänger gesucht

Solche kreativen Europäer braucht es jetzt

Auch wenn der Chor hier bei einem seiner früheren Konzerte ein klassisches Bild abgibt, soll sich das Ensemble nun Stück für Stück modernisieren.
Junge Sänger gesucht

Solche kreativen Europäer braucht es jetzt

Auch wenn der Chor hier bei einem seiner früheren Konzerte ein klassisches Bild abgibt, soll sich das Ensemble nun Stück für Stück modernisieren.
Foto: Inecc /RSC
Kultur 5 Min. 08.07.2022
Junge Sänger gesucht

Solche kreativen Europäer braucht es jetzt

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Wie das Team hinter dem Robert-Schuman-Chor in einem harten Umfeld neue Perspektiven für junge Sänger schaffen will.

Einst galt er als eine der ganz wenigen Möglichkeiten für Sängerinnen und Sänger der Großregion, mit der internationalen Chorszene in Berührung zu kommen: der Robert-Schuman-Chor. Die Pandemie und die Konkurrenz haben dem Jugendförderensemble der Großregion hart zugesetzt. Mit einer Sommerakademie soll es aufwärtsgehen – und der Chor wieder ein Sammelbecken für starke Talente werden. Ein Gespräch mit Arend Herold, Leiter des Institut Européen de Chant Choral (Inecc) Luxembourg.

Arend Herold, lange war der Name Robert-Schuman-Chor verschwunden. Steht jetzt die Wiedererweckung des Jugendförderchores der Großregion an, der in seiner Arbeit komplett zum Stillstand gekommen war – und sich zudem in einer veränderten Musikwelt der Großregion neu positionieren muss?

Wir hoffen das natürlich. Wir haben dafür gekämpft, dem Chor in diesem Sommer über ein eigenes Camp mit Workshops eine neue Dynamik zu geben – und natürlich auch neue Mitglieder zu gewinnen. Nach zwei Jahren Pandemie haben wir fast alle Mitglieder verloren; bei einem Jugendchor geht das heute ganz schnell. Die weitere Frage ist richtig gestellt: Muss sich der Chor neu positionieren? Auf jeden Fall muss er das; denn das Umfeld hat sich tatsächlich stark geändert.


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Inwiefern?

Es gibt inzwischen in den beteiligten Ländern neue, starke Förderensembles für die Vokalmusik. Das heißt, dass das Alleinstellungsmerkmal, das der Chor bei seiner Gründung vor über 20 Jahren hatte – Talenten der Großregion Musikerfahrungen im Chorbereich mit Qualitätsanspruch zu bieten – verloren gegangen ist.

Wie versucht das Team hinter dem Chor nun, dem zu begegnen und zu betonen, wie wichtig die Arbeit in so einem besonderen grenzüberschreitenden Ensemble ist; selbst wenn Jugendliche bereits in anderen Chören singen?

Die Arbeit im Schuman-Chor geht ganz klar über das rein Musikalische hinaus. Selten gibt es die Erfahrung, dass zum Beispiel in zwei Sprachen gearbeitet wird und man tatsächlich auch junge Menschen aus anderen Ländern im selben Alter sehr nah kennenlernt – und so ganz unterschiedliche kulturelle Begegnungen möglich sind.


crush
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Es kommen dann zusätzlich durch die Dirigenten ganz unterschiedliche Einflüsse auf der musikalischen Ebene hinzu...

Sicher, es gibt ja doch schon deutliche Unterschiede, die zum Beispiel durch die Sprache erwachsen. Natürlich hat Chormusik immer ganz viel mit Sprache zu tun; und es erwachsen aus den Kulturkreisen unterschiedliche Sichtweisen auf die Musikgeschichte, chormusikalische Arbeit und Traditionslinien des Musikmachens. Das schlägt sich dann eben darin nieder, wie ein Dirigent probt und Stücke interpretiert. Insofern ist das tatsächlich ein ganz spannender Ansatz, der sich dann auch im Sommercamp spüren lässt.

Was meint das genau?

Nehmen wir die Personen, die bei dem viertägigen Camp dabei sind: Der italienisch-deutsche Dirigent Mauro Barbierato übernimmt die Gesamtleitung. Der Beatboxer Svent arbeitet wie der Stimmtrainer, der luxemburgische Bariton, Franz Schilling, an der Weiterbildung und die Schauspielerin und Bühnentrainerin für Musiker, Bénédicte Le Lay, schaut auf die Präsenz und Darstellung. 


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Das ist so schon eine besondere Mischung. So können die Jugendlichen und angehenden Nachwuchstalente ganz viele Kenntnisse vertiefen, Kompetenzen erwerben und Kontakte knüpfen. Die grundsätzliche Idee dahinter war die Antwort auf die Fragen: „Wie können wir Chorgesang moderner, aktueller gestalten, und mehr in der Lebenswelt der jungen Leute verankern? Müssen wir über das Klischeebild hinaus, dass in schwarz-weiß gekleidete, brav den Dirigenten anschauende Jugendliche aus ihren Notenmappen singen? Insofern ist die Initiative auch als leichte Modernisierung des Chores gedacht.

Arend Herold wirbt um junge Talente.
Arend Herold wirbt um junge Talente.
Foto: Marc Wilwert

Und doch gibt es auch ein Erbe des Chores: internationale Erfolge, Konzertreisen, Auszeichnungen und eine Art Botschafterrolle. Ist das nicht auch eine Bürde?

Ich glaube nicht, dass die Geschichte oder das, was früher geleistet worden ist, jemals eine Bürde sein kann. Die Erinnerung daran ist schön, aber man muss sie auch in den Kontext der Zeit setzen. Es war einfach damals möglich, sowohl mit den Teilnehmenden, als auch von den äußeren Umständen her. Natürlich wäre der Wunsch, dass auch das irgendwann wieder möglich ist. Aber jetzt geht es erst mal darum, dem Ensemble ein neues Leben einzuhauchen.


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Die Struktur und die finanzielle Stabilität waren immer ein Problem des Projekts...

Stimmt, ein Problem ist, dass es unter anderem kein europäisches Statut für Vereine gibt. Das ist immer noch ein reales Problem und man muss immer sozusagen mit Workarounds arbeiten. Wir haben eine Asbl nach luxemburgischem Recht gegründet, dem die drei Trägergesellschaften – Inecc Luxembourg, Inecc Lorraine und der Landesmusikrat Saar – angehören. Letzten Endes ist es so, dass die beiden ausländischen Trägergesellschaften sich verpflichtet haben, jedes Jahr einen gewissen Betrag einzuzahlen. Wir in Luxemburg dürfen das nicht, weil wir keine öffentlichen Finanzhilfen weiterreichen dürfen. 


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Deswegen wird für jedes Jahr oder auch für jede Probephase ein Förderantrag beim Luxemburger Kulturministerium gestellt. Der ist auch für dieses Jahr genehmigt worden. Letztlich steckt dahinter für alle ein Herzensprojekt. Der verankerte Gedanke ist, dass der Schuman-Chor einen wirklich wichtigen Beitrag zum europäischen Projekt leistet und mehr Kulturverbindendes schafft, als ein Einkauf oder die Arbeit auf der anderen Seite der Grenze. Der Wunsch ist die gelebte europäische Wirklichkeit, die heute immer wichtiger scheint.

Wie vermittelt man Chorleitenden der Region, dass der Schuman-Chor ihnen ihre besten jungen Sängerinnen und Sängern nicht wegschnappen will?

Deswegen haben wir bewusst diese Phase in die gemeinsamen Ferienzeiten der drei Länder gelegt. Es ist ein Starting Point, bei dem Aktivitäten anderer Ensembles nicht behindert oder gestört werden. Ein Vorsingen wie sonst entfällt, um allen Chancen zu geben und offen zu schauen, wie sich das Projekt entwickeln kann.


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Ist das nicht eine Einbuße in der Qualität, wenn nicht gezielt Talente auch auf Ihre Fähigkeiten abgeklopft werden?

Das werden wir sehen, das wissen wir noch nicht. Und von denen, die sich bereits angemeldet haben – und die ich kenne – muss ich ganz ehrlich sagen: Da sind keine Qualitätseinbußen zu erwarten.

Neue Sängerinnen und Sänger gesucht

Das Team hinter dem Robert-Schuman-Chor geht mit seinem Aufruf in die Offensive: „Singst du gerne? Bist du reisebegeistert, neugierig und an neuen musikalischen Erfahrungen mit Gleichaltrigen interessiert? Dann mach mit beim Musikcamp des Robert-Schuman-Chores vom 12. bis 15. August 2022. Vier Tage Popmusik, Gesangscoaching, Beatbox und neue Begegnungen in Saarbrücken in Deutschland. Und das alles kostenlos! Wenn das Singen mit mehreren Personen dich zum Träumen oder Schwärmen bringt und du zwischen 16 und 27 Jahren alt bist, melde dich per E-Mail über sing@robert- schuman-chor.eu, oder über Facebook oder Instagram an.“

Mauro Barbierato leitet die Akademie
Mauro Barbierato leitet die Akademie
Foto: RSC/privat

Das Sommercamp findet in der Jugendherberge „Europa“ der saarländischen Landeshauptstadt statt. Sängerinnen und Sänger, die mitmachen wollen, müssen nicht für den Chor zwingend vorsingen; das war jahrelang für das Ensemble üblich. Es soll zunächst einmal darum gehen, so der Inecc Luxembourg-Leiter Arend Herold, ganz offen Interessierte im Camp zusammenzuführen und die Stimmung kennenzulernen.

www.inecc.lu

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