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„Sibel“: Geschickter Film über eine starke Rebellin
Kultur 1 2 Min. 09.03.2019 Aus unserem online-Archiv

„Sibel“: Geschickter Film über eine starke Rebellin

Sibel (Damla Sönmez) träumt von einer anderen Welt. Als stumme Außenseiterin trägt sie kein Kopftuch und schultert sogar ein Gewehr.

„Sibel“: Geschickter Film über eine starke Rebellin

Sibel (Damla Sönmez) träumt von einer anderen Welt. Als stumme Außenseiterin trägt sie kein Kopftuch und schultert sogar ein Gewehr.
Foto: Riva
Kultur 1 2 Min. 09.03.2019 Aus unserem online-Archiv

„Sibel“: Geschickter Film über eine starke Rebellin

Marc THILL
Marc THILL
Sie ist stumm. Aber als Außenseiterin in einer weiblichen Dorfgemeinschaft ist sie auch von einigen Zwängen befreit. Die Luxemburger Koproduktion „Sibel“ erzählt die Geschichte eines türkischen Mädchens, dass sich gegen Traditionen und Tabus auflehnt. Allerdings lässt sich der Film auch als geschickter Seitenhieb auf Präsident Erdogan verstehen.

Der Film „Sibel" erzählt die Geschichte eines stummen Mädchens, das im Dorf Kusköy im entlegenen Nordosten der Türkei lebt und wegen seiner Behinderung von den anderen Dorfbewohnern gemieden wird. 

An dieser Koproduktion, die bei den Festspielen von Locarno mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde, hat die Luxemburger Filmgesellschaft Bidibul Productions mitgearbeitet. Seit Mittwoch läuft „Sibel“ in den Luxemburger Kinos.

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Sie ist stumm, ist als Außenseiterin in einer weiblichen Dorfgemeinschaft aber auch von einigen Zwängen befreit. 

Sibel verkörpert insofern die Heldin weiblicher Emanzipation. Sie muss kein Kopftuch tragen und darf sogar ein Gewehr schultern, mit dem sie durch den Wald streift. Um den Wolf zu jagen, der in der bewaldeten Bergregion auch schon mal Menschen angegriffen und getötet haben soll.

Zwei Außenseiter im Wald

Doch im dichten Nadelwald trifft Sibel nicht das gefährliche Raubtier, dafür aber Ali, der sich vor dem Wehrdienst versteckt. Er will nicht die Uniform „für einen anderen“ überstreifen.

Mit „Sibel“ setzt das türkisch-französische Regiepaar Cagla Zencirci und Guillaume Giovanetti auch der bedrohten Pfeifsprache der Türkei ein filmisches Denkmal. Diese Sprache wurde im Dezember 2017 in die Unesco-Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die Menschen in Kusköy sprechen Türkisch, kommunizieren aber auch über Pfeiftöne, die dem Gesang der Vögel sehr ähnlich sind.

Die Schauspielerin Damla Sönmez verkörpert eindrucksvoll eine junge Sibel, die sich stumm durchs Leben schlagen muss.
Die Schauspielerin Damla Sönmez verkörpert eindrucksvoll eine junge Sibel, die sich stumm durchs Leben schlagen muss.
Foto: Bidibul Prod.

Die Pfeifsprache im Film ist nicht nur eine kulturelle Bereicherung, sie macht durchaus auch Sinn: So wie ein Vogel seinem Käfig will Sibel einer konservativen Gesellschaft entfliehen. Vom ursprünglichen Paradiesvogel wird sie dabei aber zu einer Vogelfreien, die man jagen darf – die Dorfbewohner verwandeln sich in gefährliche Raubtiere.

Pfeifen als Geheimsprache

Die Tierwelt ist aber auch ein Sinnbild für das Böse und mit der Pfeifsprache werden die Menschen sogar Teil des Animalischen. 


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Sibel und Ali können nur außerhalb der Gesellschaft, im tiefen Wald, bestehen und ihren aufkeimenden Gefühlen widersetzt sich die Brutalität der Dorfbewohner, die alles tun, um den Deserteur zu stoppen und die Bindung zweier Menschen zu verhindern. 

Die Frauen bespucken und verprügeln Sibel, Ali wird als Terrorist verdächtigt und von Soldaten gejagt. Wald und Dorf werden in dieser modernen Fabel zu widersprüchlichen Orten – beide verkörpern sowohl Geborgenheit als auch Schrecken, Angst und Gefahr.

Stumm, aber energiegeladen

Der Film offenbart beeindruckende Einblicke in eine unbekannte Region der Türkei und die Kamera folgt dabei jeder Regung der stummen, aber energiegeladenen Sibel. Wie in „Rosetta“ von den Frères Dardenne, sind auch in diesem Streifen viele Szenen nur mit geschulterter Kamera gedreht. 

Das gibt dem Film Spannung und erlaubt dem Zuschauer, in den Fußstapfen von Sibel durch den sattgrünen Hochwald der Berge nahe der türkischen Schwarzmeerküste zu streifen.


Damla Sönmez schlüpft in die Rolle von Sibel. Die Frau ist taub und kommuniziert nur über die Pfeifsprache, die es in der Türkei tatsächlich gibt. Eines Tages trifft sie einen Deserteur der türkischen Armee, gespielt von 
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Luxemburger Koproduktion „Sibel“ konkurriert bei den Filmfestspielen von Locarno.

Die Schauspielerin Damla Sönmez verkörpert eindrucksvoll eine junge Sibel, die sich stumm durchs Leben schlagen muss. In ihren Augen, ihrem Stirnrunzeln und an ihrer Körperhaltung kann man all das ablesen, was nicht über ihre Lippen kommt: die Auflehnung gegen eine von Traditionen und Tabus umstellte Gesellschaftsordnung, aber auch gegen eine Welt, in der gerade die Frauen rigoros über den Gehorsam ihrer Töchter wachen. Sie sind die Kupplerinnen, sie sind es, die an den alten Machenschaften festhalten.

Mit Bildern einer im türkischen Fernsehen geschürten Terrorismus-Paranoia stellt der Film überdies eine erstaunliche Analogie zwischen den jungen Rebellen Sibel und Ali und den in der Türkei festgenommenen Kritikern her. Es ist ein geschickter Seitenhieb auf Präsident Erdogan.  


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