Shitstorm gegen Trifolion : Empörung über Sarrazin-Einladung
(ml) - Die Verantwortlichen des Kulturhauses Trifolion haben sich mächtig Ärger eingehandelt. Am 20. April soll Thilo Sarrazin in Echternach einen Vortrag halten. Der ehemalige Bundesbank-Vorstand und frühere Berliner Finanzsenator löste 2010 mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" eine heftige Integrationsdebatte aus. Er stellte die These auf, die Zuwanderung aus islamischen Ländern stelle ein Problem für Deutschland dar.
Seine Kritiker beschuldigten ihn, falsche Statistiken anzuwenden. Sarrazin wurde Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen. "Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen", heißt es in seinem Buch. Infolge des öffentlichen Drucks reichte der SPD-Politiker seinen Rücktritt im Vorstand der Bundesbank ein.
"Dreckiger Nazi"
In regelmäßigen Abständen lösen seine Aussagen eine Welle der Entrüstung aus. Eine Kostprobe gefällig? 2009 stelle Sarrazin im Stern-Interview diese Behauptung auf: "Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause, zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster". Im Interview mit dem Magazin "Lettre International" gelang er zu diesem Schluss: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate."
Der viel kritisierte Autor fühlt sich durch die aktuelle Flüchtlingskrise in seinen fragwürdigen Thesen bestätigt. Die Tatsache, dass Sarrazin nun vom Trifolion eingeladen wurde, um an einem Diskussionsabend teilzunehmen, hat in den sozialen Medien einen regelrechten Shitstorm ausgelöst. Es sei schon merkwürdig, dass ein "dreckiger Nazi" ausgerechnet am Geburtstag von Adolf Hitler das Wort ergreifen könne, ärgert sich z. B. ein Nutzer auf Facebook.
Ralf Britten, der Leiter des Trifolion, zeigt sich gegenüber dem "Luxemburger Wort" überrascht. Er sei im Vorfeld nicht davon ausgegangen, dass die Reaktionen derart heftig ausfallen würden. Sarrazin trete im Rahmen der Serie "Horizonte" auf. Ziel des Formats sei es, drei bis vier Redner mit verschiedenen Meinungen zu einem spezifischen Thema zu Wort kommen zu lassen.
Im kommenden Jahr drehe sich die angekündigte Reihe um das Thema "Solidarität und Gerechtigkeit". Auch der ehemalige deutsche Umweltminister Jürgen Trittin, der Philosoph Richard David Precht und Jean Feyder werden an anderen Abenden zu diesem Thema Stellung beziehen, so Britten.
Sarrazins Auftritt ungewiss
Sarrazin soll seinen Standpunkt binnen einer knappen halben Stunde darlegen. Danach werde man das Publikum in die Diskussion einbinden. Keineswegs gehe es darum, jemanden zu beleidigen, sondern eine lebhafte Diskussion zu entfachen, unterstreicht der Direktor des Trifolion.
Ralf Britten räumt ein, dass es eine Gratwanderung sei, wenn man einen "Extremmenschen" wie Thilo Sarrazin einlade. Verschiedene seiner Aussagen seien "überflüssig". Dennoch erkenne er momentan keinen Grund dafür, dass es politisch oder rechtlich fragwürdig sei, den umstrittenen Autor einzuladen, betont Britten: "Ich glaube nicht, dass wir den Boden der verfassungsmäßigen Ordnung verlassen, indem wir Sarrazin einladen."
Fraglich ist jedoch, ob Sarrazin tatsächlich am 20. April in Echternach auftreten wird. Als dem Verwaltungsrat das Projekt vorgestellt wurde, habe es keinen Widerstand gegeben, so Britten. Trotzdem werde man noch einmal intern über die Angelegenheit diskutieren.