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Schreibtischtäterin aus Überzeugung
Kultur 1 3 Min. 09.02.2019

Schreibtischtäterin aus Überzeugung

Für ihr Fälschungsprojekt wendet Autorin Lee Israel (Melissa McCarthy) als erfahrene Starbiografin gewissenhafte Recherche auf.

Schreibtischtäterin aus Überzeugung

Für ihr Fälschungsprojekt wendet Autorin Lee Israel (Melissa McCarthy) als erfahrene Starbiografin gewissenhafte Recherche auf.
© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation
Kultur 1 3 Min. 09.02.2019

Schreibtischtäterin aus Überzeugung

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Wer mit dem Rücken zur Wand steht, hat zwei Möglichkeiten: Aufgeben oder einen allerletzten Befreiungsschlag versuchen. Für letztere Option entscheidet sich Autorin Lee Israel, deren Biografien aus der Mode gekommen sind, in "Can You Ever Forgive Me?" – und sie lässt dabei ihrer kreativen und auch kriminellen Energie freien Lauf.

Es gibt sie also doch: diese Mit-dir-kann-man-Pferde-Stehlen-Beziehung zwischen Mann und Frau. Während Hollywood bislang eher bemüht war, die Interaktion zwischen den Geschlechtern stets mit sexueller Spannung zu würzen, verbindet die misanthropische Schriftstellerin Lee und den dem Alkohol zugeneigten Jack Hock ein weitaus stärkeres Band: Sie sind in „Can You Ever Forgive Me?“ nicht nur sprichwörtliche, sondern richtige „partner in crime“, wenn auch erst unfreiwillig.

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Denn seit Lees Celebrity-Biografien scheinbar aus der Mode gekommen sind, sucht ein Problem nach dem andern die Autorin heim. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden: um die kranke Katze endlich behandeln zu lassen, die Miete für die schäbige kleine Wohnung zu zahlen, ... Um die leere Kasse wieder etwas aufzufüllen, trennt sich Lee von einem ganz besonderen Erinnerungsstück, einem Brief von Katherine Hepburn – und entdeckt so plötzlich den Markt der literarischen Memorabiliensammler für sich.

In dem Homosexuellen Jack Hock (Richard E. Grant in schauspielerischer Bestform), den sie in einer Bar kennengelernt hat und mit dem sie eine Vorliebe für Alkohol teilt, findet Lee den richtigen Partner für das lukrative Unterfangen, Briefe zu fälschen – bis es kommt, wie es kommen muss ...

Relotius und alle Widersprüche des Lebens

Der Brückenschlag von „Can You Ever Forgive Me?“, der auf der wahren Lebensgeschichte der US-amerikanischen Schriftstellerin und für ihre Fälschungen verurteilten Lee Israel basiert, zum Skandal um Claas Relotius ist schnell getan. Denn Autorin Lee (meisterlich zurückhaltend gespielt von einer Oscar würdigen Melissa McCarthy) tut es dem mehrfach preisgekrönten Spiegel-Redakteur gleich. Statt als erfahrene Biografin, mit immerhin einer Platzierung in der „New York Times“-Bestsellerliste, an der Wahrheit festzuhalten, geht auch sie den einfacheren Weg, frei erfunden genau das abzuliefern, wonach in diesem Falle die Sammler dürsten: voyeuristische Einblicke in die Gefühle und Geschichten der großen Stars mitsamt der passenden, kleinen, saftigen Skandälchen dazu. Die Quittung für Lees Falsifikat-Wahn bleibt aber nicht aus.

Statt dabei jedoch rein pädagogisch vorzugehen, sprich einfach den Betrug als kriminellen Akt zu verurteilen, oder ihn im Gegenteil unnuanciert teilnahmsvoll zu zeichnen, bewegt sich der Film von Regisseurin Marielle Heller erstaunlich leichtfüßig quer durch die breite, bittersüße Palette menschlich-kleinlicher Alltagsschäbigkeit – und verzichtet auf den moralischen Zeigefinger ebenso wie auf beschönigende Sympathiebekundungen.

Melissa McCarthy liefert als Lee Israel eine Oscar würdige Performance ab.
Melissa McCarthy liefert als Lee Israel eine Oscar würdige Performance ab.
© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation

So kann der Zuschauer Lees Menschenfeindlichkeit missbilligen und trotzdem gleichzeitig Mitgefühl für diese arme, einsame Frau empfinden. Er kann Lees Selbstrechtfertigungsversuche (sie sei literarisch gesehen eine bessere Dorothy Parker als Dorothy Parker selbst) zwar nachvollziehen, sie aber zeitgleich auch das Motiv entlarven, das sie ebenfalls antreibt – die rachsüchtige Verbitterung des verkannten Genies (welch wunderbare Tirade über Bestsellerautor Tom Clancy!). Er kann letztlich Lees kriminelle Energie zur Fälschung verurteilen und dennoch auch eine Spur weit Genugtuung fühlen, dass profitorientierte Memorabilienhändler und sensationslüsterne Kunden eine Art „Gerechtigkeit“ sprich Strafe erfahren, indem sie übers Ohr gehauen werden.

Die Chemie stimmt

Die Chemie zwischen den Oscar nominierten Melissa McCarthy (Beste Hauptdarstellerin) und Richard E. Grant (Bester Nebendarsteller) stimmt und lebt von der berührenden Verletzlichkeit, die beide fein ziseliert in schattenreichen Zwischentönen spielen und umso überzeugender verkörpern.

Drei Jahre nach ihrem „The Diary of a Teenage Girl“-Debüt kehrt die ebenfalls als Schauspielerin bekannte Marielle Heller mit dieser konventionell erzählten und von starken Schauspielern getragenen Geschichte erfolgreich ins Regiefach zurück.

Voller Empathie für ihre Figuren, zeigt sie die Schwächen des Menschseins auf und erobert damit auf leisen Sohlen und doch im Sturm das Herz des Zuschauers.