Sarrazin liest - Prüm im Ausnahmezustand
Von Angelika Koch
Ausverkaufte Lesungen beim Eifel- Literatur-Festival könnten ein Zeichen sein, dass kulturelle Highlights breite Massen ansprechen. Doch die 700 Besucher der Lesung von Thilo Sarrazin in der Sporthalle einer Prümer Schule am 10. Mai kamen weniger in den Genuss von Literatur als in ein Bedrohungsszenario.
Autorenlesungen können furchtbar langweilig sein. Vor allem für deutsche Polizisten und luxemburgische Security-Männer, die vor einer harmlosen Schule in der Eifelstadt Prüm abgestellt waren, als habe es eine Terrorwarnung gegeben, und sich die Beine in den Bauch standen. Der Anlass des wehrhaften Auftriebs war in einer vor dem Schuleingang verteilten Eilmeldung zu lesen: „Die Jusos des Kreises Bitburg-Prüm haben gestern kurzfristig eine Demo angemeldet. Lassen Sie sich nicht irritieren, nicht provozieren. Die Sicherheitskräfte werden alles tun für die Sicherheit der Besucher.“
Jusos, das zur Information, sind junge Mitglieder der SPD, also in der Regel weder Selbstmordattentäter oder anderweitige Feinde der deutschen Verfassung. In Rheinland-Pfalz stellt die SPD sogar den Großteil der Regierung, das Land sponsert mit dem Projekt Kultursommer das Eifel-Literatur-Festival. Eine Provokation und Irritation – für wen eigentlich?
Sarrazin-Kritiker ohne Lebenserfahrung?
Wegen angeblicher „vielfältiger Drohungen“ von Linken und Antifaschisten im Vorfeld der Veranstaltungen galten verschärfte Sicherheitsmaßnahmen: Mäntel und Taschen durften die Sarrazinfans nicht aufs Areal mitbringen, denn „die mitgeführten Störmöglichkeiten einiger weniger lassen das nicht zu!“ Dafür klammerte sich manch ein brav am Eingang Schlange stehender Besucher an den knallrot eingebundenen Sarrazinbestseller „Deutschland schafft sich ab“, um etwas Halt zu finden.
„Ich habe meine ‚Bibel‘ mitgebracht“, sagte eine ältere Dame, und eine andere bestätigte, da sei alles so „fein formuliert, jeder Satz toll und überhaupt nicht einseitig“. Das fand das winzige Grüppchen etwas abseits stehender Schüler – jene als Bedrohungspotenzial ausgemachten Jusos – offenbar nicht, die ein selbst gemaltes Plakat mit der Aufschrift „Menschliches Leben nach der wirtschaftlichen Nützlichkeit zu bewerten ist menschenverachtend!“ vor noch weniger Pressekameras hielten. Ein schlaksiger Junge versuchte, wenigstens mit einigen der auf Sarrazin Wartenden ins Gespräch zu kommen. „Wart’s ab, dir fehlt doch noch die Lebenserfahrung“, wurde er zum Schweigen gebracht.
Immenser Aufwand an Kriminalisierung
Nach erfolgter Eingangskontrolle gab es Gelegenheit, Fragen an Sarrazin schriftlich einzureichen. Auf einem Formblatt: „Wir hoffen auf einen geordneten und friedlichen Ablauf der heutigen Veranstaltung. Um trotz aller Eventualitäten ‚Fragen an Sarrazin‘ zu ermöglichen, bitten wir Sie, in der Zeit von 19 bis 19.45 Uhr dieses Frageblatt auszufüllen. Bitte nur 1 Frage auf 1 Blatt. Anders ausgefüllte Frageblätter scheiden aus!“
Mit einer nicht weniger merkwürdigen Mixtur aus Beklemmung und Bürokratie ging es inhaltlich weiter. Festivalleiter Josef Zierden, seines Zeichens Deutschlehrer, stimmte das Publikum ein: „Geradezu ungeheuerliche Entgleisungen, Diffamierungen und Diskriminierungen, die sich längst schon bis in die Eifel verirrt haben – zu lesen bei antifaschistischen und linken Kräften in der Eifel. Die versuchen seit Monaten, mit einem immensen Aufwand an Bedrohung, Einschüchterung und Kriminalisierung Autor wie Veranstalter mundtot zu machen.“
An den eigentlichen Star des Abends leitete er über mit den Worten „Diskutieren Sie mit uns. Es kann nicht sein, dass wir uns von einer militanten Allianz radikaler Intoleranz einschüchtern lassen.“ Wen oder was er eigentlich damit meinte, erschloss sich nicht. Um Literatur ging es auch im Folgenden nicht. Sarrazin präsentierte seine zur Genüge durchgekauten provozierenden Thesen, die in nüchternem und oft holprigem Amtsdeutsch formuliert sind und in Prüm vor allem eine Frage aufwerfen: Was hat all das zu tun mit der Welt der Bücher, mit Begeisterung für das Lesen und Neugier auf Kulturen, mit Autoren von Donna Leon bis Herta Müller, die ansonsten die Literaturfans der Großregion zum Festival locken?
Was Sarrazins 2010 veröffentlichte Thesen mit der deutschen Gesellschaft zu tun haben könnten, offenbarte am Tag nach der Prümer Lesung Bundesinnenminister Friedrich (CSU) in einer Statistik: Die ausländerfeindlich motivierten Gewalttaten stiegen in 2011 um 22,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.