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Rucksack erzählt Weltkriegsgeschichte
Kultur 3 Min. 05.08.2019

Rucksack erzählt Weltkriegsgeschichte

Jerry Streitz, der Kurator des „Musée de la Bataille des Ardennes“ in Wiltz mit der Umhängetasche aus dem Zweiten Weltkrieg, die er in einer Scheune in Oberwampach gefunden hat.

Rucksack erzählt Weltkriegsgeschichte

Jerry Streitz, der Kurator des „Musée de la Bataille des Ardennes“ in Wiltz mit der Umhängetasche aus dem Zweiten Weltkrieg, die er in einer Scheune in Oberwampach gefunden hat.
Foto: Gerry Huberty
Kultur 3 Min. 05.08.2019

Rucksack erzählt Weltkriegsgeschichte

Mireille MEYER
Mireille MEYER
Ein Museum, ein Objekt: Im Museum über die Ardennenoffensive in Wiltz ist Captain Forrests „Musette Bag“ zu sehen. Das gute Stück ist mehr als nur eine Tasche.

Die olivgrüne Umhängetasche, die Jerry Streitz aus der Kiste zieht, ist außer einem Riss quer unter den beiden Schnallen noch intakt. Der Fund, im Jahr 2004, ist ein Zufall. Streitz ist Briefträger und auf seiner Runde liegt ein Bauernhof in Oberwampach. Mit dem Besitzer redet er manchmal über den Zweiten Weltkrieg, ein Thema, das ihn sehr interessiert und dazu gebracht hat, sich im „Musée de la Bataille des Ardennes“ in Wiltz zu engagieren. Dies hat dazu geführt, dass Streitz heute Kurator des Museums im Wiltzer Schloss ist.


Ein Museum ein Objekt-Nationales Museum für Militärgeschichte,Diekirch. Foto:Gerry Huberty
Ein Objekt, ein Museum: Des Prinzen Uniform
Spätsommer 1944: Nach Jahren NS-Herrschaft zieht Prinz Jean mit den Irish Guards in Luxemburg ein. Luxemburg galt als befreit – wenigstens vorläufig.

Immer wenn sich auf seiner Runde die Gelegenheit bietet, fragt er Leute nach Gegenständen, die sie eventuell noch aus Kriegszeiten zu Hause haben. So auch den Landwirt in Oberwampach, der ihm daraufhin die Erlaubnis gibt, in seinen Scheunen zu stöbern. Dort findet Streitz zwischen Helmen und Gasmasken die Tasche aus Baumwolle; mit dem Namen und der „Army Serial Number“ des Soldaten, dem sie einmal gehört hat: „Capt. Rob’t E. Forrest“. „Ich wusste sofort, dass dieser Rucksack eine interessante Geschichte offenbaren wird“, sagt er.

„As soon as possible“

Streitz schreibt einen Brief an die US-Behörde, die die „Veterans‘ Service Records“, die Akten der Veteranen, archiviert. Darin erklärt er den Fund der Tasche und seinen Wunsch, mehr über den US-Soldaten, der in der Ardennenoffensive in der Gegend um Wiltz gekämpft hat, zu erfahren. Die Behörde leitet den Brief weiter an den 1912 geborenen Robert Forrest, der – mit einem leichten Misstrauen – eine Antwort an Jerry Streitz schickt. Er habe erfahren, dass sich der Luxemburger für ihn interessiere, er habe nur keine Ahnung, warum. Er warte nun auf eine Antwort, die er sich „as soon as possible“ wünscht.

Robert Forrest war Captain in der US-Armee und befehligte eine Panzerkompanie. Er starb 2012 im Alter von 100 Jahren.
Robert Forrest war Captain in der US-Armee und befehligte eine Panzerkompanie. Er starb 2012 im Alter von 100 Jahren.
Foto: Privat

Streitz schickt ihm Fotos des „Musette Bag“ in die USA und Forrest antwortet, seine Tochter sei im August in Paris in Urlaub, sie würde dann nach Luxemburg kommen, um sich die Tasche anzusehen. Jerry Streitz rechnet damit, dass sie den Rucksack mitnehmen wird, doch die Frau erklärt, ihr Vater wünsche, er solle persönlich damit in die Vereinigten Staaten reisen. Im Oktober 2005 also macht sich Streitz auf den Weg nach Loveland, Colorado. Bis dahin hat sich zwischen ihm und Robert ein reger Briefwechsel entwickelt.

Captain Robert Forrest erkennt seinen „Musette Bag“ sofort und erinnert sich, wie sehr er ihn beim Training 1943 in der Wüste von Nevada verflucht hatte. Es sei dermaßen heiß gewesen und ewig hätten sie diesen Rucksack mit herumschleppen müssen. Forrest und die anderen Soldaten trainierten für ihren Einsatz im Pazifik. Dass sie jemals ihre Taschen bei eisiger Kälte durch die Ardennen tragen müssten, davon hatten sie natürlich keine Ahnung.


Kultur , ein Museum , ein Objekt / Musee Mines Cockerill , Esch/Alzette , Ellergronn / Salles des Pendus , Waschkaue Foto: Guy Jallay/Luxemburger Wort
Ein Museum, ein Objekt: Auf Nummer sicher
Der "kleine, aber voll funktionsfähige ,Saal der Gehängten'" im Museum Mine Cockerill.

Im Dezember 1944 ist Forrest Chef der D-Kompanie des 15. Panzerbataillons der sechsten Panzerdivision. Diese ist Teil von General George S. Pattons dritter Armee, die entscheidend dazu beiträgt, Bastogne aus den Klauen der Deutschen zu befreien und damit die Kehrtwende im „Battle of the Bulge“ bringt.

Durch Granatsplitter verletzt

Am 15. Januar 1945 fährt Capt. Robert Forrest in seinem Jeep vor seinem Panzerbataillon in die belgische Ortschaft Bras ein. Der Weg hinunter zur Kirche ist dermaßen zugefroren, dass Forrest aus dem Jeep steigt, um zu schauen, ob die Panzer diesen Hang überhaupt hinunterkommen. Er tritt vor den Jeep, es knallt und weiter kann er sich an nichts mehr erinnern. Forrest ist von Granatsplittern verletzt worden, an der linken Hand und quer über den Bauch. Er wird nach Oberwampach evakuiert, wo seine Umhängetasche zurückbleibt, als er einige Tage später in ein großes Lazarett gebracht wird.

Im Juli 1945 wird er nach Jena beordert, wo er an der Entnazifizierung deutscher Polizisten beteiligt ist. Ein undankbarer Job, wie Forrest sich gegenüber Streitz äußert. Zweimal sei dort auf ihn geschossen worden, als er abends in seiner Wohnung saß.

1946 wird der Captain aus der Armee entlassen. Er kehrt nach Loveland zurück, wird Versicherungsagent und redet weder mit Frau noch Tochter jemals über seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges. Bis die Nachricht aus Luxemburg vom Fund des Rucksacks kommt.  


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