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Realer Terror als Actiondrama verpackt
Kellner Arjun (Dev Patel) versucht, unter Einsatz seines Lebens, die Gäste vor den Angreifern zu retten.

Realer Terror als Actiondrama verpackt

Foto: Bleeker Street Media/Mark Rogers
Kellner Arjun (Dev Patel) versucht, unter Einsatz seines Lebens, die Gäste vor den Angreifern zu retten.
Kultur 3 3 Min. 04.05.2019

Realer Terror als Actiondrama verpackt

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
Die Filmkritik der Woche: „Hotel Mumbai“ zeichnet den Horror der Anschläge auf die indische Metropole von 2008 knallhart, dramatisch und beängstigend nach. Manche Szenen lassen den Atem stocken, andere wiederum hinterlassen neben einem unbequemen Gefühl auch einen schalen Nachgeschmack.

Blut auf der Marmortreppe, ein Dutzend Tote in der Lobby, durch den ersten Stock donnern Schüsse aus Schnellfeuerwaffen. Für Hunderte Menschen wurde der Aufenthalt im Luxushotel Taj Mahal Palace vom 26. bis zum 29. November 2008 zum Albtraum, für mindestens 31 zur Todesfalle.

An diesen Tagen erschütterte eine Gruppe von zehn islamistischen Terroristen aus Pakistan die indische Metropole Mumbai mit mehreren Anschlägen an insgesamt zwölf Orten, darunter auch das Luxushotel. Die Bilanz des Schreckens: 17 Explosionen, etwa 300 Verletzte und 165 Tote auf der Opferseite, neun erschossene Terroristen und ein gefasster und später gehängter Täter.

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Das Actiondrama „Hotel Mumbai“ des australischen Regisseurs Anthony Maras erzählt den Anschlag auf das Luxushotel nach, heftet sich auf die Fährte von Tätern und Opfern, zeigt ihren Check-In in nacheinander geschnittenen Szenen in einem vor allem eingangs beinahe dokumentarischen Stil. 

Atemberaubende Momente 

Während das Paar Zahra (Nazanin Boniadi, „Iron Man“) und David (Armie Hammer, „J.Edgar“, „Call Me by Your Name“) von seinem Baby getrennt wird, versuchen Hauptküchenchef Hemant Oberoi und Kellner Arjun die Gäste in Sicherheit zu bringen, bis die Spezialkräfte der Polizei eintreffen. Doch Letztere lassen auf sich warten und so sind die Geiseln quälend lange Stunden auf sich allein gestellt.

Wer von ihnen wird den Terroristen am Ende entkommen? Nazanin Boniadi, Dev Patel und Armie Hammer (v.l.) kämpfen in „Hotel Mumbai“ um ihr Leben.
Wer von ihnen wird den Terroristen am Ende entkommen? Nazanin Boniadi, Dev Patel und Armie Hammer (v.l.) kämpfen in „Hotel Mumbai“ um ihr Leben.
Foto: Bleeker Street Media/Mark Rogers

Der Film bereitet dem Zuschauer mittels tatsächlicher und fiktiver Personen spannende und stellenweise regelrecht atemberaubende 125 Minuten, die das Herz während mehrerer Szenen garantiert schneller schlagen lassen. Einen sicheren Anteil daran hat der in den Actionszenen treibende und wummernde Soundtrack des deutschen Pianisten und Komponisten Volker Bertelmann.

Mit Emotionen und Wärme füllen das Actiondrama aber charismatische Darsteller. Für sein Spielfilmdebüt hat Maras den indischen Bollywood-Star Anupam Kher („Veer-Zaara“, „Silver Linings Playbook“) gewonnen, der die reale Person des Hauptküchenchefs Oberoi als einen stoischen Humanisten verkörpert und im Chaos des Anschlags als Fels in der Brandung Gäste und Angestellte zu retten versucht.

Der britische Bafta-Preisträger Dev Patel („Lion“, „Slumdog Millionaire“) hingegen spielt den fiktiven Kellner und jungen Familienvater Arjun, der sich, wie sein Chef, dem Dienst am Gast verpflichtet fühlt und heldenhaft sein Leben riskiert. Als einer der Sympathieträger bietet er, ebenso wie Nazanin Boniadi, dem Zuschauer eine wohlige Identifikationsfigur und sorgt mit seinem zurückgenommenen Spiel für einige bewegende Szenen.


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Dennoch kommen andere Figuren in den meisten Szenen nicht über eine schablonenhafte Typisierung hinaus: der mutige Familienvater, der alles für sein Kind riskiert, der dem Hotelgast ergebene Angestellte, der raubeinige Macho, der doch noch das Gute in sich entdeckt. An diesem Punkt ist „Hotel Mumbai“ typisch gestrickte Actionware.

In den Schuhen von Bruce Willis

Davon abgesehen inszeniert Maras sein Spielfilmdebüt stilsicher und sehr temporeich, ohne Längen und mit wohldosiertem Drama. Er vermag es, beim Zuschauer eine bedrückende Angst zu schüren, sodass zum Schluss die Erleichterung über das Ende des eben miterlebten Terroralbtraums dominiert. 


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Denn bis dahin sind über den Zuschauer viele Gewehrsalven gedonnert, bis dahin hat er oft aus nächster Nähe zusehen müssen, wie wahllos und kaltblütig per Kopfschuss getötet wird. Wenn Dev Patel aber beinahe einen „Die Hard“-Moment erlebt, mag man das als souveränen Gruß an den unkaputtbaren Genreklassiker mit Bruce Willis lesen, doch angesichts der realen Ausmaße bleibt insgesamt auch ein schaler Nachgeschmack zurück.

„Hotel Mumbai“ ist nicht die erste filmische Bearbeitung der Anschlagsserie. Maras selbst beruft sich auf den britisch-australischen Dokumentarfilm „Surviving Mumbai“ (2009), später folgten noch das indische Doku-Drama „The Attacks of 26/11“ (2013) und der französisch-belgische Thriller „Taj Mahal“ (2015). Die Anschläge waren, nach einem Bombenterror in Mumbai im Jahr 1993 mit 257 Toten und Angriffen auf Nahverkehrszüge mit 209 Toten 13 Jahre später, die schwersten der jüngeren indischen Geschichte.

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„26/11“, wie die 2008er-Anschläge in Indien meist genannt werden, hatte weitreichende politische und gesellschaftliche Folgen mit Ministerwechseln, Verschärfung der Antiterrorgesetze, der Schaffung von Spezialeinheiten und letztlich dem Vertrauensverlust der Bürger in Regierung und Ordnungskräfte. 


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Abgesehen vom Nachtrag, dass die wahren Drahtzieher bis heute ungefasst sind, schweigt sich der Film über all diese Scherben aus. Schade. Damit ist es eben nur ein packender Actionfilm ohne großes Pathos, der die Kaltblütigkeit des Terrors entweder knallhart inszeniert oder sich insgeheim etwas daran labt. 

Insofern verwundert es nicht, dass der Kinostart in Neuseeland nach dem jüngsten Anschlag von Christchurch verschoben wurde.  


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