Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Ravi Shankar, der Meister der Saiten
Kultur 3 4 Min. 07.04.2020

Ravi Shankar, der Meister der Saiten

In seiner Heimat galt Shankar als „Pandit“, also als „Gelehrter“.

Ravi Shankar, der Meister der Saiten

In seiner Heimat galt Shankar als „Pandit“, also als „Gelehrter“.
Foto: AP
Kultur 3 4 Min. 07.04.2020

Ravi Shankar, der Meister der Saiten

So vielfältig wie seine Wirkungsstätten ist auch das Schaffen des Musikers: am Dienstag wäre Ravi Shankar 100 Jahre alt geworden.

Er war ein wahrer Wanderer zwischen den Welten: Berührungsängste vor der westlichen Kultur hatte Ravi Shankar nie. Sein Sitar-Spiel überwand sämtliche Grenzen zwischen indischer und europäischer klassischer Musik, scheute auch die Zusammenarbeit mit Popgrößen wie den Beatles nicht und ließ Hippie-Herzen höher schlagen. Heute wäre der Saitenvirtuose 100 Jahre alt geworden.

Geboren wurde Shankar in eine Brahmanenfamilie während der britischen Kolonialzeit 1920 im nordindischen Varanasi, auch Benares genannt. Er entfloh dem spirituellen Ort im heutigen indischen Bundesstaat Uttar Pradesh bereits in Jugendjahren. Mit der Tanzgruppe seines Bruders bereiste er Europa und Indien. 

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Bis zu 20 Saiten

1938 wandte er sich vom Tanzen ab und der Sitar zu. Er studierte das Instrument mehrere Jahre in Maihar im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh bei Allauddin Khan, dem Vater des berühmten Ali Akbar Khan, Komponist und Spieler der Sarod, einer Langhalslaute wie die Sitar.

Diese wird gezupft, ähnlich wie eine Gitarre. Doch statt sechs Saiten hat die Sitar bis zu 20, darunter bis zu 13 Resonanzsaiten. Die sorgen mit dafür, dass das Instrument zu singen scheint, einen Klangteppich erzeugt. Auf dem langen, hohlen Hals befinden sich verstellbare Messingbünde, eine getrocknete Kalebasse dient als Resonanzkörper. Gespielt wird das Instrument meist mit überschlagenen Beinen im Schneidersitz, so auch von Shankar.

Er war von 1949 bis 1956 Musikdirektor vom All India Radio (AIR) New Delhi und unternahm Konzerttourneen nach Europa und Amerika. 1952 lernte er den Violinisten Yehudi Menuhin kennen, der ihn 1955 zu einem Auftritt nach New York einlud, was Shankar aus persönlichen Gründen absagte. Aber der Kontakt blieb bestehen. 

In dieser Phase begann der Sitarspieler, die nordindische mit der karnatischen Musik Südindiens zu verbinden. Er veröffentlichte 1956 seine erste LP in London, schrieb Konzerte für Sitar und Orchester und tourte weltweit. 

Der Sitar-Spieler Ravi Shankar (B.o.) verband Musiktraditionen aus Ost und West und hinterließ Spuren in Klassik wie Pop – hier 1967 gemeinsam mit George Harrison (l.) von den Beatles.
Der Sitar-Spieler Ravi Shankar (B.o.) verband Musiktraditionen aus Ost und West und hinterließ Spuren in Klassik wie Pop – hier 1967 gemeinsam mit George Harrison (l.) von den Beatles.
Foto: AP

Über den Gründer von World Pacific Records, Richard Bock, und die „Byrds“ lernte der Leadgitarrist der Beatles, George Harrison, Shankars Musik kennen und benutzte später eine Sitar bei der Aufnahme des Songs „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)“.

Indischer Einfluss auf die Pop-Musik  

Im Folgejahr, 1966, bringt Shankar Harrison während eines sechswöchigen Indien-Aufenthalts das Sitarspielen bei – nachzuverfolgen in der 1971 erschienenen Doku „Raga“. Sie ist benannt nach dem Strukturprogramm in der indischen klassischen Musik, das das Repertoire an Tönen und Melodien vorgibt und sich thematisch an Tageszeiten oder Stimmungen orientiert.

Kurzum: Der indische Einfluss auf die Pop-Musik, zum Beispiel im Raga Rock, oder auch auf Jazz nahm seinen Lauf. Jazz-Saxophonist John Coltrane benannte 1965 seinen Sohn nach Shankar. 1967 trat er beim für die Hippie-Kultur stilbildenden Monterey Pop Festival auf und gewann einen Grammy mit Menuhin für ihr Gemeinschaftswerk „West Meets East“.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Hippie-Ikone nach Woodstock

Im selben Jahr eröffnete Shankar in Los Angeles eine Niederlassung seiner 1962 in Mumbai gegründeten Kinnara School of Music und veröffentlichte 1968 eine Autobiografie. Im August 1969 spielte er beim legendären Woodstock Festival – und wurde für die Hippies zur Ikone. Doch nicht nur für die. 1970 komponierte Shankar für das London Symphony Orchestra ein Konzert mit Sitar. Er selbst spielte das Instrument, Andre Previn dirigierte.


ARCHIV - 15.08.1969, USA, Bethel: Blick auf die zahlreichen Besucher des legendären Musikfestivals Woodstock. Zwischen Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung trafen sich 1969 rund 400.000 Menschen auf diesem Feld im US-Bundesstaat New York und feierten drei Tage lang friedlich zu Weltklasse-Musik. Das Woodstock-Festival prägte eine ganze Generation. (zu dpa "Ein Wochenende für die Geschichtsbücher: 50 Jahre Woodstock-Festival") Foto: UPI/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ein Wochenende für die Geschichtsbücher: 50 Jahre Woodstock
1969 treffen sich rund 400.000 Menschen auf einem Feld bei New York und feiern drei Tage lang friedlich zu Weltklasse-Musik. Das Woodstock-Festival prägt eine ganze Generation. Was ist 50 Jahre später davon geblieben?

Doch Shankar war nicht nur musikalisch, sondern auch sozial engagiert. Mit George Harrison organisierte der Künstler mit bengalischen Wurzeln am 1. August 1971 im New Yorker Madison Square Garden das „Konzert für Bangladesch“. Der Erlös kam Flüchtlingen des Krieges zwischen Pakistan und Bangladesch zugute. Damals hießen die Länder noch West- und Ost-Pakistan. Der Mitschnitt der Veranstaltung erhielt 1972 einen Grammy als „Album des Jahres“.

  Herzanfall in Chicago  

1974 nahmen Shankar und Harrison „Shankar Family and Friends“ auf und tourten durch Nordamerika. Ein Herzanfall in Chicago zwang den indischen Musiker, einen Teil der Konzertreise abzusagen. Aber es reichte noch, dass die Band auf Einladung von John Gardner Ford, dem Sohn von US-Präsident Gerald Ford, das Weiße Haus besuchte.

Ravi Shankar mit Tochter Anoushka.
Ravi Shankar mit Tochter Anoushka.
Fote: AP

In den 1980er- und 1990er-Jahren führte Shankar seine Arbeit mit klassischen Musikern der westlichen Welt fort. So veröffentlichte er 1981 sein zweites Instrumentalkonzert „Raga Mala“ mit Zubin Mehta als Dirigenten und 1990 das Album „Passages“ mit dem zeitgenössischem Komponisten Philip Glass. Parallel zu seinem Musikerdasein saß der überzeugte Vegetarier von 1986 bis 1992 als Mitglied im Oberhaus des indischen Parlaments, der Rajya Sabha.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Das Spektrum seines Schaffens war immens. Die 1996 erschienene Veröffentlichung „In Celebration“ gibt einen Überblick über die gesamte Bandbreite. Nach der Jahrtausendwende trat Shankar, inzwischen hochbetagt, oft gemeinsam mit seiner Tochter Anoushka auf. Während sie es ihm als Sitar-Spielerin gleichtat, wurde eine andere Tochter, Norah Jones, zur Berühmtheit im Pop-Business.

In seiner Heimat galt Shankar als „Pandit“, also als „Gelehrter“. Für seine Arbeit an Richard Attenboroughs „Gandhi“ war er 1983 für den Oscar der „Besten Filmmusik“ nominiert. Am 11. Dezember 2012 starb Shankar im südkalifornischen San Diego. Der Preisreigen endete posthum 2013 mit einem Grammy Award für sein Lebenswerk. Es war sein vierter.  

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Bob Dylan überrascht mit neuem Song-Epos
Ist Bob Dylans Kreativität mit Mitte/Ende 70 doch noch nicht versiegt? Diese Frage vieler Fans beantwortet das Songwriter-Genie mit seinem epischen neuen Song „Murder Most Foul“.
ARCHIV - 14.07.2012, Spanien, Benicassim: US-Rocksänger Bob Dylan tritt bei einem Konzert auf. (zu dpa "Ein neuer Song von Bob Dylan: 17 Minuten Erinnerung an die Sixties") Foto: Domenech Castello/EFE / EPA FILE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Woodstock-Doku: Liebe unter freiem Himmel
Die ARD-Dokumentation „Drei Tage, die eine Generation prägten“, die am 31. Juli um 22.45 Uhr ausgestrahlt wird, lässt das legendäre Woodstock-Festival wiederaufleben.
ARD/NDR WOODSTOCK, "Drei Tage, die eine Generation prägten", am Mittwoch (31.07.19) um 22:45 Uhr im ERSTEN.
Die Generation Woodstock
© NDR/Jason Laure, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter NDR-Sendung bei Nennung "Bild: NDR/Jason Laure" (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion, Tel: 040/4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de
Zum Jubiläum großer Alben: In die Jahre gekommen
Ein gar nicht wehmütiger Blick zurück auf Monumente der populären Musik - und auf das, was lange nach ihrer Veröffentlichung davon übrig ist. Zum Beispiel "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", das am 1. Juni 2017 50 Jahre alt wird.
Beatles4
Bob Dylan wird 75: Der ewige Antiheld
100 Millionen Tonträger soll der legendäre Musiker verkauft haben – weniger als Taylor Swift oder Justin Bieber. Doch mit Zahlen lässt sich das Kulturphänomen Dylan nicht erfassen.
Bob Dylan war bereits dreimal in Luxemburg zu Gast: Im Juni 1996 in Oberkorn, im Oktober 2011 sowie im November 2013 in der Rockhal.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.