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Rätselhafter Tod auf der Treppe
Der Angeklagte Michael Peterson wird zu einem ständigen Begleiter des Zuschauers.

Rätselhafter Tod auf der Treppe

Foto: Netflix
Der Angeklagte Michael Peterson wird zu einem ständigen Begleiter des Zuschauers.
Kultur 2 2 Min. 12.08.2018

Rätselhafter Tod auf der Treppe

Marcel KIEFFER
Die Netflix True-Crime-Doku "The Stairr Case" macht einen vermeintlichen Gattenmörder zu einem Serienhelden.

Hat der amerikanische Schriftsteller Michael Peterson in einer Dezembernacht 2001 seine Frau Kathleen umgebracht? Die Frage beschäftigte Gerichte, Medien und Öffentlichkeit jahrelang. Der oscarprämierte französische Filmemacher Jean-Xavier de Lestrade hat nun seine 2004 erstmals gezeigte Dokumentation dazu um ein finales Kapitel ergänzt und zu einer fesselnden Netflix-Serie ausgebaut.

Alles deutete darauf hin, dass der durch seine Vietnam-Bücher und seine Marine-Erinnerungen bekannt gewordene Zeitungschronist und Schriftsteller Michael Peterson in der Nacht zum 9. Dezember 2001 seine zweite Frau Kathleen in ihrem gemeinsamen Haus in Durham (North Carolina) auf brutalste Weise getötet hat. Per Notruf meldete er einen schweren Treppensturz, doch als die Helfer vor Ort eintrafen, fanden sie ein Blutbad vor.

Auch für die Gerichtsmediziner waren Zahl und Art der Verletzungen der 48-jährigen Frau ein unzweifelhafter Hinweis darauf, dass ihr Tod nicht auf einen Treppensturz zurückzuführen sein konnte. Trotz aller Unschuldsbeteuerungen wurde Michael Peterson unverzüglich in Haft genommen und vor Gericht gestellt. Es war der Beginn eines ebenso zermürbenden wie scheinbar hoffnungslosen, jahrelangen Wettstreits mit den juristischen Institutionen und der öffentlichen Meinung um das jeweils eigene Verständnis von Wahrheit und Gerechtigkeit.

Es war zugleich aber auch ein idealer Stoff für den 2002 mit einem Oscar ausgezeichneten französischen Dokumentarfilmer und Drehbuchautor Jean-Xavier de Lestrade – er erhielt ihn zusammen mit Denis Poncet für die Prozessdoku „Ein Mörder nach Maß“ („Murder on a Sunday Morning“). Wieder einmal bot sich ihm die Gelegenheit, in unmittelbarer Nähe zum Angeklagten die Funktionsweise der US-Justiz kritisch zu beleuchten. Und mit „The Staircase“, jener bereits 2004 in einer ersten Fassung und nun um drei weitere Episoden zu einer (von Netflix endproduzierten) Serie ausgebauten Dokumentation, ist ihm, wieder im Gespann mit Denis Poncet, das auf eindrucksvolle Weise erneut gelungen.

Sympathie gegen jede Vernunft

Jean-Xavier de Lestrade hat mit Michael Peterson einen vermeintlichen Mörder zum Serienhelden gemacht. Tatsächlich wird dieser, gegen den alle Indizien sprechen, im Zuge der konsequent sämtliche Phasen und Episoden der Verhandlungen aus nächster Nähe begleitenden Produktion, zu einem ständigen Begleiter des Zuschauers, der mit ihm all Höhen und Tiefen durchlebt. So ergibt sich ein einzigartiger Blick in die Gefühlswelt des Angeklagten, in sein familiäres Umfeld und nicht zuletzt auf die akribische Arbeitsweise und das enorme Engagement des Verteidigerteams um den charismatischen Anwalt David Rudolf. Gegen jede Vernunft und Logik stellt sich unweigerlich eine Sympathie zu einer Person ein, deren Unschuldsbeteuerungen durch immer neue, verstörende Enthüllungen aus seinem Vorleben in Frage gestellt werden.

„The Staircase“ ist eine ebenso fesselnde wie wendungsreiche True-Crime-Doku, die über ihren dokumentarischen Anspruch hinaus den Zuschauer mit den Tiefgründigkeiten der Wahrheitsfindung, angesichts der Frage von Schuld und Unschuld, sowie vor allem mit seiner eigenen Sensibilität und Urteilsfähigkeit, angesichts eines ihm in seiner vordergründigen menschlichen Dimension ungewöhnlich nahe gebrachten vermeintlichen Mörders, konfrontiert. Es geht um die elementare Frage von Nähe und Distanz und verbleibt als Serienerfahrung der besonderen Art, die niemanden unberührt und jeden mit seinen eigenen Gefühlen, Überzeugungen und Gewissenserforschungen zurücklässt.

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„The Staircase“ („Tod auf der Treppe“) ist als 13-teilige Serie auf Netflix abrufbar.