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"Radio-Tatort": Luxemburger auf Mörderjagd

"Radio-Tatort": Luxemburger auf Mörderjagd

"Radio-Tatort": Luxemburger auf Mörderjagd

"Radio-Tatort": Luxemburger auf Mörderjagd


17.05.2019

André Jung spielt den Ermittler Michel Paquet.Foto: Christophe Olinger

André Jung und Brigitte Urhausen spielen beim „ARD Radio-Tatort“ das saarländische Ermittlerduo. Die neueste Folge, die am Sonntag, dem 19. Mai, urgesendet wird, entstand unter anderem in einem speziellen Hörspielstudio in Köln. Und um 55 Minuten Spannung am Radio zu sorgen, macht viel Arbeit.

Von Daniel Conrad (Texte) und Christophe Olinger (Fotos, Videos)

„Es läuft“, sagt der Regisseur Matthias Kapohl mit Nachdruck in das Mikro. Durch die Glasscheibe vor ihm blickt er aus dem Technikraum in den riesigen Aufnahmeraum des „Studio 3“ des Westdeutschen Rundfunks (WDR), das sich unter den Straßenzügen in der Nähe des Kölner Doms versteckt.

Das Kommando des Verantwortlichen gilt nicht nur dem dreiköpfigen Team um ihn herum, sondern besonders den beiden Luxemburgern an den Mikros. 

Foto: ARD

André Jung und seine Kollegin Brigitte Urhausen stehen mit Kopfhörern im Studio und sprechen mit dem Skript, das auf einem Pult vor ihnen liegt, ihren Dialog ein. „Über die Dörfer“ soll die gerade entstehende neue Folge für den „Radio-Tatort“ des Saarländischen Rundfunks (SR) heißen.

Premiere des Hörspiels ist am Sonntagnachmittag, dem 19. Mai, die sich auch in Luxemburg unter anderem per Livestream über die Website des SR verfolgen lässt. 

André Jung und Brigitte Urhausen spielen beim „Radio-Tatort“ das saarländische Ermittlerduo. Denn genau wie beim bekannten „Tatort“-Krimi arbeiten die Landes-Rundfunkanstalten in der „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ (ARD) zusammen und liefern Folgen zu. 

Ein „SR Radio-Tatort“ pro Jahr

Pro Jahr steuert der Saarländische Rundfunk einen Teil bei. „Über die Dörfer“ soll nun der zwölfte Fall der fiktiven Mordkommission in Saarlouis werden – und insgesamt dann die 134. Folge der Gesamtreihe. André Jung, eines der ganz großen Bühnen- und Filmgesichter, leiht seit Beginn der Krimireihe dem Ermittler Michel Paquet seine Stimme. Brigitte Urhausen steht ihm seit 2013 als junge Kommissarin Amelie Gentner zur Seite. 


André Jung,Superjhemp. Foto:Gerry Huberty
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Die Geschichten um das Duo leben dann aktuell auch von den Unterschieden zwischen den beiden: Denn das Skript beschreibt Paquet als „60 Jahre alt. Hauptkommissar. Ein erfahrener Beamter, der hin und wieder ein wenig harmlos wirkt. Doch Vorsicht – der Schein trügt“ und Gentner als „30 Jahre alt. Kommissarin. Eine neugierige und manchmal vorlaute Person, die sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen lässt“.

Ironische Spitzen untereinander – wie eben zu ihrem Generationsunterschied – gehören dann ganz nach dem Willen des Regisseurs auch zu den Fällen dazu.

Da der SR kein eigenes Hörspielstudio mehr an seinem Sitz auf dem Saarbrücker Halberg unterhält, bitten die Verantwortlichen andere ARD-Anstalten um Produktionshilfe. So wird diesmal eben im „Studio 3“ des WDR in Köln produziert – frühere Folgen entstanden unter anderem in Studios in Stuttgart und Baden-Baden.

Insgesamt zwei Wochen wird das Team um Regisseur Matthias Kapohl brauchen, um die 43 Szenen der rund 55 Minuten langen Folge fertigzustellen – eine Woche im Februar für die Sprecheraufnahmen in Köln und eine weitere im April zur Postproduktion, damit zur Erstausstrahlung alles steht.

Doch zunächst geht es bei den Aufnahmen um die kleinen Schritte. Allein das „Studio 3“ als Neuling in den Katakomben zu finden, ist schon eine Herausforderung. In einem Wirrwarr von Fluren, Aufzügen und Treppen geht es tief in den Keller unter dem WDR-Funkhaus am Wallrafplatz.

Wer die Tür in die vergleichsweise niedrigen Technikräume öffnet, sieht sich dahinter mit einem zwei Stockwerke hohen Raum konfrontiert, in dem gut ein Eigenheim Platz finden könnte. Fenster nach draußen gibt es keine, Warnleuchten deuten auf die Aufzeichnung hin. Im Durchgangsraum vor der eigentlichen Regie stehen etwas Obst und Gebäck; Tees und Hilfreiches bei Halsschmerzen zeugen von der Erkältungszeit, Fotos an der Wand erinnern an andere Produktionen, Zeitpläne und Skripte mit Notizen finden sich auf dem Besprechungstisch.

Mobiliar und Requisiten stehen auch im Studio hinter der Glasscheibe bereit; im Hintergrund ist eine Küche mit allen Utensilien auszumachen, unterschiedliche Bodenbeläge sind verlegt – ob Teppich, Stein oder Holz –, verschiedene Treppen ebenso, und an einer eingefügten langen, etwa ein Stockwerk hohen Konstruktion sind gar verschiedene Deckenformen verbaut. Variable Stellwände helfen, verschiedene Raumgrößen und Schallsituationen zu simulieren – alles dient dem möglichst authentischen Sound.

 „Jedes Detail hat einen Einfluss auf den Klang“, sagt Toningenieur Matthias Fischenich und richtet im Studio, in das man wegen des Schall- und Brandschutzes vom Technik- und Regieraum nur durch zwei schwere Türen und ein Verbindungsräumchen kommt, eine Szene unter einer der besonderen Zwischendecken ein. Es soll sich wie die Akustik eines Büros anhören. Dann werden sogar Tücher über die Pulte mit den Texten gehängt, damit kein unerwünschter Schallabprall dazukommt.

Effekte wie Kulissengeräusche – Telefonieren oder Tippen von Menschen im Hintergrund – kommen erst später vorproduziert aus dem Tonarchiv zur endgültigen Schnittfassung. Und auch die Musik des Komponisten Stefan Schwab.  Eine Besonderheit im Studio: Der so genannte schalltote Raum der zum Beispiel dazu genutzt wird, eine akustische Situation in einem Auto nachzustellen, denn: „Die Fahrgeräusche mischen wir später dazu", so Fischenich.

Während der Tomigenieur für den perfekten Klang sorgt, geht Regisseur Kapohl mit den Schauspielern die Szene durch und beschreibt nach einem ersten Durchlauf kurz, ob es bei der Interpretation bleibt oder er sich den Moment anders vorstellt. Denn die Szenen werden wie beim Film nicht in der Reihenfolge des späteren Hörspiels, sondern nach Kriterien der Produktion geplant – wie benötigte Sprecher und Raumsituationen. All das, um die Produktion so zügig wie möglich für alle Beteiligten abzuschließen und Wartezeiten zu verhindern.

Der SR verrät ganz offiziell zur inzwischen fertigen neuen Folge: „Die saarländischen Dörfer veröden zunehmend – nicht nur, dass die Polizei auf dem Land immer weniger präsent ist und zahlreiche Hauseinbrüche nicht aufgeklärt werden, auch die Einkaufsmöglichkeiten nehmen ab. Genau davon profitiert aber Roland Burg, Inhaber eines Supermarkts in Saarlouis. Sein Mitarbeiter Sohlbach fährt täglich mit einem Verkaufswagen über die Dörfer. Doch eines Morgens wird Sohlbach tot aufgefunden. Michel Paquet und Amelie Gentner von der Mordkommission Saarlouis finden in seiner Brieftasche das Foto einer Frau, die niemand kennt. Da hilft nur eins: Gentner muss mit dem Verkaufswagen auf Tour gehen …“

An diesem Nachmittag in Köln ist das zuvor harte Arbeit. Es stehen die Szenen nur mit den beiden Kommissaren auf dem Plan. „Na? wo ist denn jetzt die Leiche?“, scherzt Regisseur Kapohl als es nach der Mittagspause weitergeht. Das Produktionsteam springt innerhalb des Skripts. Und das macht die Herausforderung an die beiden Darsteller aus, unterschiedliche Emotionen dann in vergleichsweise kurzer Zeit zu liefern. Eben noch debattieren die Ermittler am Tatort, dann ein Austausch über eine Vernehmung im Büro, dann wiederum eine Autofahrt und dann ein aufgeregtes Telefonat, als Paquets junge Mitarbeiterin offenbar in Gefahr gerät. 

Brigitte Urhausen arbeitet an ihrem Text.
Brigitte Urhausen arbeitet an ihrem Text.
Foto: Christophe Olinger

„Ich find‘ das so erbärmlich“ – immer wieder hatte sich Brigitte Urhausen den Satz für eine Szene zuvor selbst etwas abseits vom Team vorgesprochen, um ihm nun mit den richtigen Betonungen und im richtigen Tempo eine auch für die vielen tausend Hörer später deutlich hörbare emotionale Komponente zu geben. „Einerseits finde ich toll, dieser Figur jetzt seit 2013 auch eine Entwicklung geben zu können. Und andererseits mag ich es, im Moment die Emotion zu liefern, die es braucht.“ Hier soll es nach Abscheu klingen.

 Kurz vor der eigentlichen Aufnahme der Szene verlassen alle bis auf die Schauspieler das Studio. Fischenich setzt sich an die Regler der Mikros. Tontechniker Jens Peter Hamacher startet die Aufnahmesoftware, die Regieassistentin Pia Frede hält ihren Stift bereit, um im Regieskript die Details für die Nachproduktion festzuhalten, und Regisseur Kapohl gibt sein Signal, „Es läuft“, an die Schauspieler. Dann wird es ganz still im Regieraum – die vier achten genau auf den Klang aus dem Studio, der über die Lautsprecher kommt.   

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Bis in die Nuancen ausgefeilt

Schnell zufrieden gibt man sich nicht. Bei einer Aufnahme einer Szene bleibt es meist nicht. Ein Fehler beim Lesen, ein Verhaspler – das passiert schon mal. Oder die Interpretation und Wirkung stimmt nicht ganz: „Man meint, dass du fährst“, sagt Regisseur Kapohl zu André Jung bei der Autoszene. Paquet ist eigentlich Beifahrer – so passt Jung das Tempo beim Sprechen, die Entspanntheit, ja auch die Entfernung zum Mikro mit dem nächsten Versuch in der Stimme an. Passt es, geht es sofort mit der nächsten Szene weiter. Denn große Pausen darf es nicht geben. Schließlich ist die Studiozeit begrenzt. Andere Teams müssen ihre Sendungen produzieren.

Textliche Abweichungen vom Skript des Autors Erhard Schmied oder Improvisationen sind kaum drin – und wenn, müssen sie abgesprochen werden; per E-Mail oder Telefonat an die zuständige Redaktion und Dramaturgie in Saarbrücken. „Vieles ist aber natürlich im Voraus bei Sitzungen mit dem Team beim SR besprochen worden. Aber manchmal bietet der Schauspieler etwas an, was sehr gut passt“, sagt der Regisseur. 

Nichts von den Aufnahmen aber wird komplett verworfen. Vielleicht braucht man später doch einen anderen Tonfall – und nachzuproduzieren geht nicht. Techniker Hamacher sortiert mit der Software schon die einzelnen Takes vor und setzt sie schon in die spätere Reihenfolge der Szenen, während die Vorbereitungen für die nächste Szene laufen. „Wir kommen gut durch“, ist der Tenor des Teams – die Pause wird gestrichen, damit alle schneller nach Hause kommen. 


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