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Projekt „Looss alles eraus“: Gelungener Spagat
Finale grandioso: Zwanzig Teenager rappen und tanzen auf der Bühne der Rockhal.

Projekt „Looss alles eraus“: Gelungener Spagat

Fotos: Ralph Hermes/Imagify
Finale grandioso: Zwanzig Teenager rappen und tanzen auf der Bühne der Rockhal.
Kultur 17 1 3 Min. 26.04.2017

Projekt „Looss alles eraus“: Gelungener Spagat

Pol SCHOCK
Pol SCHOCK
Singen, rappen, tanzen – das Projekt „Looss alles eraus“ von Sylvia 
Camarda und David Galassi lässt zwanzig Jugendliche in Not über sich hinaus wachsen.

Von Pol Schock

Irgendwann ist es ihr zu viel. Das Bühnenlicht, die Blicke und dann auch noch sehr persönliche Rappzeilen vortragen. Auf Textaussetzer folgt die berechtigte Kritik von Sylvia Camarda und David Galassi.

Dann der Zusammenbruch: Die Jugendliche beginnt zu schluchzen und verschwindet hinter der Bühne. „Das macht doch nichts, passiert uns allen einmal“, so Sylvia Camarda, die schnell hinter die Bühne geeilt ist und die Jugendliche in die Arme nimmt. „Und Emotionen gehören bei einem Auftritt dazu.“ Doch die tröstenden Worte reichen nicht, die Jugendliche kriegt sich zunächst nicht beruhigt – die Therapeutin muss her.

Das Rap- und Tanzprojekt „Looss alles eraus“ ist für alle Beteiligten eine Herausforderung: Für Tänzerin und Choreografin Sylvia Camarda, für Musiker und Rapper David Galassi, für Ergo- und Körpertherapeutin Katja Engelhardt, und vor allem für die Jugendlichen der Psychiatrie selbst. Doch genau um diese emotionale Hingabe geht es beim Projekt. Genauso wie der Titel des Projekts es unmissverständlich ausdrückt: „Looss alles eraus“.


Sie heißen Lara, Natascha oder Lisa. Etwa zwanzig ganz normale Jugendliche im Alter von 12 und 17 Jahren, die jedoch an Depressionen, Essstörung, Psychosen, Ängsten oder ADHS leiden und vom „Service national de psychiatrie juvénile“ betreut werden. Seit September des vergangenen Jahres arbeiten sie mit den Künstlern Camarda und Galassi am Projekt der Stiftung „EME. Ecouter pour mieux s’entendre“ und des Rocklabs.

Das Ziel ist ganz klar gesteckt: „Es geht darum, das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein zu stärken“, so die Therapeutin Engelhardt. Eigentlich sollte das Projekt nur bis Dezember laufen. Doch weil der Erfolg so sicht- und hörbar groß war, wurde es verlängert. „Ich bin immer noch begeistert, was innerhalb weniger Zeit zustande gekommen ist“, so die Therapeutin.

Wenn sich Courage lohnt

„Wir sind hier nicht im Cactus, guys. Etwas mehr Körperspannung!“. Das Wort „guys“ bedeutet umgangsprachlich so viel wie „Leute“ – Camarda wird es an diesem Nachmittag noch gefühlt hundert Mal wiederholen. Die erfahrene Choreografin macht mit ihrer mitfühlenden, aber gleichzeitig auch fordernden Art klar, dass die Veranstaltung am 27. April in der Rockhal kein bloßes Schaulaufen sein wird.

Sie läuft energisch von Mischpult zur Bühne, choreografiert und korrigiert und scheint sämtliche Tanzschritte und Bewegungen der Performance am eigenen Körper mitzuerleben. Sie will die Jugendlichen maximal fordern, ohne sie zu überfordern. Genau darin liege der Spagat – und mit Spagat kennt sich die Tänzerin bekanntlich aus.

Für Musik und Text war David Galassi zuständig. Er hat Beats komponiert oder gebastelt und mit den Jugendlichen an Texten gearbeitet. Der Rapper von „De 
Läb“ hat schon an einigen Projekten mit Jugendlichen zusammengearbeitet: Projekt ID in den Rotunden oder auch „Steps and Beats“. Doch vom Niveau der aktuellen Gruppe ist er bis heute selbst überrascht „Einige Texte hauen mich echt um“, so Galassi. „So direkt und persönlich – genau der richtige Rhyme.“

Die Texte 
in luxemburgischer, französischer, deutscher oder englischer Sprache behandeln genau die Alltagsprobleme der Jugendliche: Es geht um nicht erwiderte elterliche Liebe, um Schulprobleme und Mobbing und um gekränktes Selbstwertgefühl. Aber sie handeln auch von Lachen, sich etwas trauen, seine Stimme erheben und über sich hinauswachsen.

Ob es denn anders sei, mit Jugendlichen der Psychiatrie zu arbeiten? „Nicht unbedingt“, so Galassi. Am Anfang seien die Schritte stets schwer. Denn die Jugendlichen müssen von sich aus Texte schreiben. Der Rapper hilft lediglich beim Ausformulieren. Und manchmal scheitert es auch. Einige haben das Projekt bereits verlassen. Aber mit vielen andern war der Weg umso erfolgreicher.

Doch bei allem Fordern müsse man immer im Hinterkopf behalten, dass es sich um Jugendliche mit psychologischen Problemen handelt. Dass jemand vor Anspannung weine, sei allerdings schon vielen Künstlern passiert – ob mit Krankheit oder ohne, sagt er mit einem leichten Grinsen. Und beim Schlusssong rappen und tanzen denn alle wieder gemeinsam auf der Bühne.

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„Looss alles eraus“ findet am 27. April, um 20 Uhr, im Club der Rockhal statt. Eintritt frei. Um Voranmeldung wird wegen der begrenzten 
Teilnehmerzahl gebeten: contact@fondation-eme.lu


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