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Pol Cruchten: Ecce homo
Leitartikel Kultur 2 Min. 13.07.2019

Pol Cruchten: Ecce homo

Völlig unerwartet ist Filmregisseur und Produzent Pol Cruchten am 3. Juli verstorben.

Pol Cruchten: Ecce homo

Völlig unerwartet ist Filmregisseur und Produzent Pol Cruchten am 3. Juli verstorben.
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Leitartikel Kultur 2 Min. 13.07.2019

Pol Cruchten: Ecce homo

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Am 3. Juli erschütterte die Nachricht von Pol Cruchtens unerwartetem Tod nicht nur Weggefährten des Luxemburger Filmemachers: Ein ganzes Land trauert um den Verlust seines großen Künstlers. Gestern Nachmittag nun fand in der hauptstädtischen Cinémathèque eine bewegende Abschiedszeremonie statt, die passender nicht hätte sein können.

Denn zum einen wurde Cruchtens Lebenswerk dort geehrt, wo es auf Ewig überdauern wird: auf der Leinwand und im Herzen der Zuschauer. Zum anderen erinnert diese Zusammenkunft daran, dass die Welt Künstler seines Formates heutzutage noch dringender braucht, als je zuvor.


In der Cinémathèque verabschiedeten sich Freunde, Kollegen und Fans von Pol Cruchten.
Abschied von Pol Cruchten
Zahlreiche Freunde, Kollegen und einfache Filmfans, die seine Arbeit als Regisseur schätzen, wollten sich von Pol Cruchten verabschieden.

In Zeiten, da Fake News und eine künstlich hochgeschaukelte, geschickt bis hin zur Unkontrollierbarkeit manipulierte Emotionalität das Fundament unserer Gesellschaft zu erodieren droht, erlaubt Kunst uns genau dieses zu festigen. Dem politischen „Teile und herrsche“-Modell stellt Kultur ein verbindendes Weltbild entgegen.

  Mit Pol Cruchten verliert das Großherzogtum einen seiner prägendsten Filmemacher, der das Land als Vorreiter auf der Weltkarte des Films platzierte.

Nicht von ungefähr schaffte es 1992 sein erster, durch Video-press – eine Tochtergesellschaft der Sankt-Paulus-Druckerei – produzierter Spielfilm „Hochzäitsnuecht“, als bis heute einziger nationaler Film, in die offizielle Auswahl des bekanntesten europäischen Filmfestivals in Cannes.

Im Interview mit dem „Luxemburger Wort“ hob der damalige künstlerische Leiter, Gilles Jacob, „une vision critique d‘une certaine société“ hervor und bescheinigte dem jungen Regisseur ein Talent das „qualités incontestables, impressionantes et prometteuses“ beweise. „Il a un regard et le sens du cinéma“, so der Filmexperte, dessen Einschätzung später unter anderem Cruchtens bemerkenswerte Adaptierung „La supplication“ nach einem Werk der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch belegte.


discovery Zone Film Festival Luxembourg Utopolis 2013 28.32.2013 Pol Cruchten
Adieu, l'artiste!
Pol Cruchtens unerwarteter Tod erschüttert die Kulturszene des Großherzogtums.

Wiederholt – in „Hochzäitsnuecht“, ebenso wie in „Never Die Young“ – behandelte Cruchten ebenfalls die gesellschaftsrelevante Problematik des Drogenkonsums. An ihr lässt sich die Wirkkraft eines Kunstwerks und die Rolle seines Schöpfers anschaulich aufzeigen.

Pol Cruchtens Werk zeigt uns, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Im Gegensatz zur medialen Berichterstattung, in der auf Tatsachen beruhende Analyse, sachliche Einordnung und kontextualisierende Einschätzung eines solch komplexen Themas gefragt sind, zeigt der Regisseur auf, was nur Kunst kann: Eine bewusst emotionale Komponente einfließen lassen, die jeden einzelnen von uns zur ganz persönlichen Auseinandersetzung mit der geschilderten Situation auffordert. Dadurch schafft sie Begegnungsstätten für Menschen und unterschiedliche Meinungen.

Kunst ist mehr noch als das Zeichen des zutiefst menschlichen Bedürfnisses, sich und die Welt zu erfassen und verstehen, ein lebenswichtiger Teil unseres Zusammenlebens. Denn nur sie vermag uns zu zeigen, was es bedeutet, Mensch zu sein – im Streben, im Scheitern und im Ausharren, trotz aller Widrigkeiten.


"Engagierter Künstler und guter Mensch"
Reaktionen zum unerwarteten Tod von Pol Cruchten: Filmschaffende und alte Weggefährte zeigen sich fassungslos und würdigen Cruchtens wichtigen Beitrag zum Luxemburger Kino.

Durch seinen stets kritischen, doch immer wohlwollenden Blick hat auch Pol Cruchten dieses Menschsein hinterfragt und vorgelebt. Diese zeitlose Lektion zu bewahren ist unsere Aufgabe und Pflicht diesem großen Künstler gegenüber.

vesna.andonovic@wort.lu