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Poetisch und politisch
Schauspielerin Behnaz Jafari und Filmregisseur Jafar Panahi. Sie spielen im Film ihre eigenen Rollen.

Poetisch und politisch

(FOTO: MEMENTO FILMS)
Schauspielerin Behnaz Jafari und Filmregisseur Jafar Panahi. Sie spielen im Film ihre eigenen Rollen.
Kultur 1 2 Min. 11.08.2018

Poetisch und politisch

Marc THILL
Marc THILL
Mit einer Kamera und einer Schauspielerin hat der iranische Filmregisseur Jafar Panahi einen sehr vielschichtigen Film gedreht. Deshalb ist „Three Faces“ ein echtes Kunstwerk.

Jafar Panahi hat in seinem Land Arbeitsverbot und darf keine Filme drehen. Trotzdem gelingt es ihm, ein echtes Kunstwerk zu schaffen, das er im Handumdrehen an der staatlich-religiösen Zensur vorbei gedreht hat. Für seinen Film „Three Faces“ ist Panahi bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet worden.

Panahi ist ein Wiederholungstäter. Mehrmals hat er Filme heimlich gedreht – in seiner Wohnung, mit einer Überwachungskamera in einem Taxi – und dabei die Aufnahmen immer wieder außer Landes schmuggeln lassen.

„Three Faces“ ist eine packende Geschichte, das Szenario ein gleichermaßen poetisches wie gesellschaftspolitisches und feministisches Manifest. Ausgangspunkt der filmischen Erzählung ist ein Handy-Video, ein Film im Film. Gerichtet ist diese Videobotschaft an die bekannte Schauspielerin Behnaz Jafari, die im Film ihre eigene Rolle spielt. Das Video zeigt ein junges Mädchen, Marziyeh Rezaei, das Selbstmord begehen will, da ihre Familie sie darin hindert, eine Schauspielschule zu besuchen. Dieser filmische Hilferuf endet damit, dass sich das verzweifelte Mädchen einen Strick um den Hals legt, worauf dann Wackelbilder folgen. Hat sie sich tatsächlich aufgehängt? Oder ist alles nur inszeniert?

Fiktion und Realität vermischen sich. Eine Freundin des Mädchens schickt das dramatische Video zwar nicht an die Schauspielerin Jafari, an die sich das Mädchen eigentlich gerichtet hat, dafür aber an den Filmregisseur Panahi. Auch er spielt in seinem Film seine eigene Rolle. Die beiden, Jafari und Panahi, machen sich auf den Weg in das abgelegene Bergdorf, in dem das Mädchen lebt, um dort herauszufinden, was sich nun wirklich zugetragen hat.

Drei Frauen, drei Epochen

Damit beginnt ein spannendes Road-Movie, das wie in „Taxi Teheran“ zunächst ausschließlich im Auto gedreht wurde. Die nächtliche Fahrt zu Beginn des Films, die Fahrgeräusche und Lichtkegel vorbeifahrender Autos, das Dämmerlicht der Armaturen, das nachdenkliche, aber entschlossene Gesicht der Schauspielerin, ihre Tränen, all das gibt dieser Szene die Stimmung einer Flucht. Es ist ein Ausbruch vor einem erdrückenden Gottesstaat, der eine bestimmte Kultur nicht zulässt.

Erst in der Szene danach, gedreht am Morgen, zeigt sich Panahi vor der Kamera. Er hat Teheran verlassen, befindet sich auf dem Land und in einer langen Filmsequenz sieht man ihn, wie er sich an einem Brunnen das Gesicht wäscht und die Windschutzscheibe seines Geländewagens bespritzt. Panahi ist plötzlich wie befreit, wie neugeboren – ein neuer Tag bricht an, ein neuer Filmabschnitt beginnt.

„Three Faces“ ist ein vielschichtiger Film – drei Gesichter, drei Frauen, drei Schauspielerinnen: die von heute, Jafari, die von morgen, das Mädchen Marziyeh, und die von gestern, Sharazad. Sie war zur Zeit des Schah eine gefeierte Schauspielerin, die dann aber von den Ayatollahs verbannt wurde. Ihr Gesicht wird nicht vor der Kamera gezeigt. Sie hat Zuflucht in den Bergen gefunden und geht dort am Rande der Gesellschaft einer neuen kulturellen Tätigkeit nach – sie malt. Es besteht also doch noch Hoffnung. Auch die Schlussszene wird davon genährt: Man hört die herannahenden Schritte einer laufenden Person ...

„Three Faces“ ist aber auch eine Hommage des Filmemachers an den iranischen Regisseur Kiarostami, dessen Assistent Panahi war. In dessen Film „Le goût de la cerise“ kurvt ebenfalls ein Geländewagen wie ein müdes Tier durch die Landschaft – darin ein Mann auf der Suche nach einer Person, die ihm bei seinem Suizid behilflich sein soll.


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