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Pierre Joris im Porträt: Drei Monate im Flieger
Kultur 4 Min. 15.05.2014 Aus unserem online-Archiv

Pierre Joris im Porträt: Drei Monate im Flieger

Pierre Joris kommt immer wieder gerne nach Luxemburg zurück.

Pierre Joris im Porträt: Drei Monate im Flieger

Pierre Joris kommt immer wieder gerne nach Luxemburg zurück.
Foto: Anouk Antony
Kultur 4 Min. 15.05.2014 Aus unserem online-Archiv

Pierre Joris im Porträt: Drei Monate im Flieger

Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Und Pierre Joris enspricht nicht dem gängigen Klischee des vergeistigten Lyrikers. Ganz im Gegenteil: Der Luxemburger Dichter lebt nicht in einem Elfenbeinturm, sondern steht mit beiden Füßen auf der fruchtbaren Erde des weiten Feldes der Poesie. Ein Porträt des Dichters und Nomaden.

Von Vesna Andonovic

„Ich habe ausgerechnet, dass ich bislang geschlagene drei Monate meines Lebens in Flugzeugen über dem Nordatlantik verbracht habe“, meint Pierre Joris mit einem festen Handschlag.

Mindestens ein Mal pro Jahr macht er – „um Familie und Freunde zu sehen“ – einen Zwischenstopp im Großherzogtum – „und wenn es nur 48 Stunden sind“, unterstreicht er mit einem breiten Lächeln. Auch wenn der Lyriker, der über 50 Bücher veröffentlicht hat, nie in seiner Muttersprache geschrieben hat – „weil ich nie gelernt habe, wie man sie schreibt“ – so spricht er sie noch ebenso fließend wie akzentfrei. Und so normal ist dies nicht, denn immerhin lebt der am 14. Juli 1946 in Straßburg Geborene, der Kindheit und Jugend im Großherzogtum verbrachte, seit genau 49 Jahren – „fast schon ein halbes Jahrhundert“ – nicht mehr im Land. „Weil am 21. Juni ein weiteres ,Première'-Konveniat ansteht, weiß ich das immer ganz genau“, sagt er schmunzelnd.

Zwischenstopp in Paris und Nordafrika

Othon Scholer, Professor des damals 15-jährigen Schülers des Diekircher Lyzeums, lädt einen Lyriker zu einer Gedichtelesung in die Klasse ein: „Paul Celans ,Todesfuge‘ war ein Elektroschock, ja eine regelrechte Epiphanie!“, erinnert sich Pierre Joris. Trotzdem beginnt er seine akademische Laufbahn mit einem Medizin-Studium – „um einen ,richtigen‘ Beruf zu erlernen“ – in Paris. Doch schnell wird ihm klar, dass seine wahre Berufung die Poesie ist, und so zieht er nach New York – „die Literatur, die mich interessierte, kam mit der Beat Generation und Dichtern wie Allen Ginsberg aus den Vereinigten Staaten“ –, um dort am Bard College englische Literatur zu studieren: „Mit 19 kann man solche Entscheidungen einfach treffen und durchziehen“, so Joris, der sich mit einem Schmunzeln an den „internationalen 68er“ erinnert, der er war.

Ein Gedicht von Joris
Ein Gedicht von Joris
Foto: Anouk Antony

Nach den Vereinigten Staaten zieht er, bevor es ihn nach Paris und Nordafrika verschlägt, nach London, wo er an der University of Essex ein Übersetzerstudium absolviert, das er später mit Übertragungen von Werken von Paul Celan, Jack Kerouac und Habib Tengour praktisch umsetzen wird. „Eine ,gute‘ Übersetzung ist die, bei der die ursprüngliche Sprache auch durch die Sprache der Übersetzung noch immer hindurchscheint“, bekräftigt der Dichter, der zudem längere Zeit als Korrespondent für den Radiosender „France Culture“ tätig war.

„Wissenschaftler des Ganzen“

„Im 20. Jahrhundert sind alle klassischen Formen explodiert, und der Dichter steht heute vor einem ,open field‘, einem weiten, offenen Feld, auf dem er die Form seines Werkes stets neu erfinden kann und soll“, fasst Pierre Joris das literarische Schaffen zusammen.

Da er anfangs in der Fremdsprache Englisch geschrieben habe, habe er die Poesie, genau so wie die Sprache gelernt – mit der größten Sorgfalt für jedes einzelne Wort, so Joris, dessen erster Kontakt mit Shakespeares Sprache über die englischsprachigen Filme, die im Ettelbrücker Kino seiner Großmutter liefen, und der die Vielsprachigkeit als natürlichen Zustand des Menschen betrachtet.

„Das größte Problem unserer Zeit ist eine ,Überspezialisierung‘, die zur aktuellen, splitterhaften Sicht der Welt geführt hat“, führt Pierre Joris aus. Allein der Dichter, als „Wissenschaftler des Ganzen“, vermag es, die unterschiedlichsten Informationen in seinem Werk zu einer Gesamtheit zusammenzuführen und so ein kompletteres Bild zu geben.

Der erste Entwurf kommt noch aufs Papier

Dabei sieht der Autor, der das Gedicht nicht als ein fertiges Endprodukt betrachtet, sondern als ein Prozess, eine Art literarisches Integral, das nicht in einer vollendeten, sprich fertigen Form besteht, sondern der mathematischen „Von-Bis“-Logik folgt: „Erst ist da die handgeschriebene Fassung in meinem Moleskine-Heft, dann die im Computer getippte Fassung, zu der sich später die in einer Zeitschrift, und noch später im Buch gedruckte Version gesellt. Dazu kommen noch Übersetzungen, Lesungen und eventuelle musikalische Umsetzungen“, so Joris.

Der erste Wurf kommt immer aus der Füllfeder – „derzeit eine schwarze Parker – aber immer silber-, nie goldfarbig“ – auf nicht-liniertem Papier – „das ganz buchstäbliche ,offene Feld‘“. – „Eine Lesung ermöglicht es, das Gedicht aus dem ,Käfig‘ des Buches zu befreien“, meint Joris, der regelmäßig u. a. mit seiner Ehefrau, der französischen Künstlerin und Sängerin Nicole Peyrafitte, auf der Bühne steht, um dort improvisierend Dichtung, Musik und Gesang in einen freien Dialog zu setzen.

Zur Ausstellung im CNL rund um das Werk mehrerer im Ausland lebender Luxemburger Autoren erscheint auch eine Dokumentation.
Zur Ausstellung im CNL rund um das Werk mehrerer im Ausland lebender Luxemburger Autoren erscheint auch eine Dokumentation.
Foto: CNL

„Als ich aufgehört habe zu lehren, habe ich wieder begonnen zu lernen“, so Joris, der sich nun eingehender mit der arabischen Sprache beschäftigt. „Das Gedicht ist ideal für Nomaden, weil man es im Kopf mit sich herumtragen kann“, meint er mit einem vielsagenden Lächeln. Der Dichter ist und bleibt eben auch immer ein Denker – und das ist auch gut so.

• Die Ausstellung mit dem Titel „Prendre le Large“, die noch bis zum 24. Oktober im CNL, 2, rue Emmanuel Servais in Mersch zu sehen ist und Werke von Pierre Joris, Gilles Ortlieb, Jean Portante, Guy Rewenig und Lambert Schlechter vereint, hat schon begonnen. Geöffnet: montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr. Freier Eintritt.

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite desCNL.