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Nile Rodgers: Erst fühlen, danach denken
Nile Rodgers tritt am Donnerstag in der Rockhal auf - mit neuen Songs seiner Band Chic.

Nile Rodgers: Erst fühlen, danach denken

Foto: Claude Piscitelli
Nile Rodgers tritt am Donnerstag in der Rockhal auf - mit neuen Songs seiner Band Chic.
Kultur 5 5 Min. 01.12.2018

Nile Rodgers: Erst fühlen, danach denken

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
Nile Rodgers tritt mit seiner Band Chic am Donnerstag in der Rockhal auf. Im Interview spricht der Musiker und Produzent über Hits, David Bowie und Platten, die er heute bedauert.

Wer glaubt, die Musik von Nile Rodgers nicht zu kennen, sieht sich bei einem Blick in die Diskografie des 66-jährigen New Yorkers schnell eines Besseren belehrt. Der Songschreiber, Komponist, Arrangeur und Gitarrist prägt die Musikszene nicht nur seit mehr als 40 Jahren, sondern kann als Produzent auch Blockbusterplatten wie „Like A Virgin“ von Madonna und „Let's Dance“ von David Bowie zu seinen Erfolgen zählen. Als Mitbegründer der Band Chic gab er der Disco-Szene ab 1977 neue Kulthits mit R&B-Note. Anlässlich des neuen, ersten Chic-Albums seit mehr als einem Vierteljahrhundert, tritt Rodgers mit einer verjüngten Bandbesetzung am Donnerstag in der Rockhal auf. Im Interview erklärt der Mann, der in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wurde, warum hinter der Feierlaune der Chic-Songs mehr steckt.

Nile Rodgers, für das neue Album „It's About Time” haben Sie mit Stars wie Craig David, Lady Gaga, Elton John zusammengearbeitet. Was kam am Ende dabei heraus? Es hört sich an wie ein Mix aus vielen Stilen, unter anderem Pop, R&B und Dance ...

Es ist eine Reflexion meines Lebens. Mein normales Leben ist so: ich arbeite mit so unterschiedlichen Leuten wie Elton John, Lady Gaga, Craig David, Stefflon Don und Mura Masa, Daft Punk oder Keith Urban. Das sind sehr gute Freunde und ich liebe es, mit ihnen zu arbeiten und mit ihnen Musik zu machen. Das ist mein Leben und ich wollte, dass die neue Chic-Formation eine Reflexion meines Lebens ist. Das ist jetzt wichtig; denn als wir jünger waren, war es vielmehr die Reflexion eines imaginierten Lebens. Jetzt ist es ein reales Leben (lacht).

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„It's About Time” ist ein neues Chic-Album – und zwar das erste nach 26 Jahren. Sie sind der Einzige aus der Originalbesetzung: Wie macht man da weiter? Wollten Sie den Stil bewahren?

Nein, denn ich wollte es nicht genauso haben. Dennoch gab es Elemente, die ich beibehalten wollte, weil ich sie mag. Aber mein Leben ging weiter, selbst als so viele meiner Freunde gestorben waren; und ich habe allein weiter Platten gemacht. Auch wenn „Le Freak“ und einige der Chic-Songs zu den größten Platten gehören, die ich je gemacht habe, habe ich Alben geschaffen, die noch größer waren – mit Madonna, David Bowie, Duran Duran und Daft Punk. Ich habe nie aufgehört, aufzunehmen. Man will ja die Techniken, die man lernt, auch in der eigenen Musik anwenden. Je erfahrener man wird, umso mehr will man experimentieren.

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Wie würden Sie dann die Musik auf „It's About Time“ beschreiben? Disko-, Party- oder Loungemusik?

Das Tolle an den Chic-Songtexten ist, dass der Subtext immer sehr, sehr, sehr wichtig ist. Das nennen wir die „Deep Hidden Meaning“, die „DHM“. Aber die Botschaft ist immer etwas sehr Fröhliches; etwas, damit sich die Menschen gut fühlen, auch wenn es um Balladen und diese traurigen Songs geht. Ich habe beispielsweise den Song „Will You Cry“ geschrieben. Es klingt, als wäre es ein trauriger Song und eine Zeile lautet auch: „Love is pain“. Aber dann geht es direkt weiter mit „and pain could be pleasure“; sehen Sie? Ich will die Leute immer vom Denken zum Fühlen bringen. Meine Musik ist so gestaltet, einen erst fühlen und danach denken zu lassen.

Sie haben schon am Anfang Ihrer Karriere mit großen Musikern gespielt – mit Aretha Franklin, Eartha Kitt, Thelonious Monk und Jay Hawkins, mit Soul-, Jazz- und Blues-Legenden. Das hat Sie als Musiker sicher geprägt. Was haben Sie von diesen Künstlern gelernt?

Es gab mir die Fähigkeit, mitfühlend zu sein und sie glücklich zu machen. Ich mache wirklich Musik, um die andere Person glücklich zu machen. Wenn mir das gelingt – sei es das Publikum bei einer Liveshow oder der Künstler, der mich beauftragt hat, seine Platte zu machen –, dann ist das alles, was mich interessiert. Dann bin ich glücklich; außer wenn ich jemanden enttäusche. Oder wenn sie sich selbst enttäuschen. Dann versuche ich, sie auf die Platte zu fokussieren. Am einfachsten lässt sich das an David Bowie und dem ursprünglichen „Let's Dance“ sehen. Er und ich hatten einen Plan, wie das Album sein sollte. Als er mir aber sein „Let's Dance“ vorspielte – so glücklich er dabei auch war –, dachte ich, er lässt sich hängen; weil das nicht das war, was wir machen wollten. Ich fragte ihn, ob ich es umschreiben könnte und das ist das „Let's Dance“, was Sie kennen. Nicht das, was er ursprünglich geschrieben hat.

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Wie war sein ursprüngliches „Let's Dance“?

Für mich klang es wie ein Folk-Song. Bevor wir überhaupt irgendetwas geschrieben hatten, verbrachten wir viel Zeit miteinander und hörten viele verschiedene Musikstile; hauptsächlich Jazz, aber viele verschiedene Jazzstile. Als der Song dann überhaupt nicht jazzy war, verstand ich das nicht. „Wir haben so viel über Jazz geredet, wieso spielst du dann Folk?“ Also machte ich es jazziger und poppiger.

Und wie fand er es am Ende?

Er liebte es. Hätte ich David Bowie zu etwas bringen können, das er nicht liebte? Natürlich nicht (lacht). Er liebte es.

Apropos Hits, sei es „Let's Dance“, „Le Freak“, „Get Lucky“ oder „We Are Family“ – haben Sie einen Favoriten?

Nein, das ist unmöglich, weil wir eine Liveband sind und die Songs jeden Konzertabend unterschiedlich spielen. An einem Abend wird vielleicht „Get Lucky“ unglaublich klingen; ich meine, es ist immer gut, denn wir haben keine schlechten Shows. Aber am nächsten ist vielleicht „Le Freak“ fantastisch, am anderen wird „Good Times“ fantastisch. Das kommt daher, dass ich nur mit Künstlern arbeite, die super, super, super virtuos und großartige Musiker sind. Und wir können untereinander fühlen, in welche Richtung der andere während des Konzertes geht.

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Ist unter den Hits dann vielleicht ein Song, den Sie heute anders schreiben, arrangieren oder produzieren würden als damals?

Ja, absolut. Vor allem würde ich das Soloalbum von Debbie Harry („KooKoo“, Anm. d. Red.), als sie nicht „Blondie“ war, anders machen. Wir waren aus irgendeinem Grund nicht so fokussiert, wie wir es hätten sein sollen. Das bedauere ich am meisten. Das und auch eine Platte, die ich mit Al Jarreau gemacht habe („L Is for Lover“, Anm. d. Red.). Eine großartige Platte; wir nahmen die Single „Moonlighting“ auf und setzten sie aber auf eine andere Platte. Wenn wir sie auf unserer Platte veröffentlicht hätten, hätten wir ein großes Hitalbum gehabt. Aber manchmal macht man solche Fehler, weil man versucht, das Beste zu geben und man erkennt den Fehler erst hinterher.
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Nile Rodgers & Chic am Donnerstag in der Rockhal. Beginn um 20 Uhr, Karten für 51 Euro (plus Gebühren) unter www.luxembourg-ticket.lu


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