Neues Album von Slowdive

Die Rückkehr der 90er

„Slowdive“ ist nach 22 Jahren das vierte Album der Band Slowdive.
Foto: Slowdive / Dead Oceans

Von Vicky Stoll

Ganze 22 Jahre lang mussten sich die Fans der Dreampop-Band Slowdive in Geduld üben, um endlich in den Genuss frischer Sounds zu kommen. Das selbst betitelte Werk und seine acht Lieder können den Erwartungen der Nineties-Generation locker standhalten und im Vorbeigehen sicherlich auch jüngere Menschen begeistern.

Das typisch wohlige und etwas entrückte Gefühl stellt sich gleich beim ersten Lied „Slomo“ ein, der Titel ist Programm und die Produktion ist dicht, ohne dabei je grützig oder sumpfig zu klingen. Wie Nebelschwaden schmiegen sich die Spuren aneinander, eine gute Portion Hall verwischt die Grenzen und die Umrisse, dem musikalischen Tauchgang in Zeitlupe steht nichts im Wege.

Große Worte oder Zeilen für die Ewigkeit spielen bei Slowdive eine eher untergeordnete Rolle, im Vordergrund stehen Vibe, Gefühl und Melodie, und da treffen Halstead und Goswell das Zauberwort. Shoegaze lebt.

Das Genre der Schuhgucker


Kurzer Blick über die Schulter, jenseits der Millenniumgrenze: Die Band Slowdive um die Jugendfreunde Rachel Goswell und Neil Halstead hat Anfang der 1990er-Jahre nur einen Sternschnuppenflitzer am Musikhimmel des Indierocks hingelegt. Dabei sind die Briten und das Musikgenre Shoegaze unlösbar miteinander verwunden und verknotet. Der Legende nach entstand die Genre-Bezeichnung dadurch, dass die Mitglieder diverser Schrammelbands derart in ihrer Musik versanken, dass sie nur noch auf die Effektpedale vor ihren Füßen starrten.

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Vor geschlagenen 26 Jahren, im Jahr 1991, erscheint Slowdives erste Platte, „Just For A Day“, und kann sich wie viele andere Alben des Genres trotz initialem Wirbel nicht lange in den Charts halten. 1993 erscheint das zweite Album „Souvlaki“, an dessen Entstehung u. a. Brian Eno mitbeteiligt ist. „Souvlaki“ gilt heute als Meilenstein des Indierock der 1990er-Jahre, doch scheinbar war die Welt damals noch nicht bereit. Mit den Verrissen und dem ausbleibenden Erfolg tut sich Neil Halstead schwer. Das dritte, in Ambient-Gefilde abdriftende vorerst letzte Album der Band, „Pygmalion“, führt zum Rauswurf beim Label.

Slowdive sind 1995 Geschichte und müssen Platz machen für die heranrollende Britpopwalze. Erst allmählich gewinnt die Band an Bedeutung. In den Folgejahrzehnten nennen erfolgreiche Nachwuchsbands wie Broken Social Scene und die englischen The Horrors „Souvlaki“ als maßgebliche Inspiration für ihre Musik. Die „posthume“ Anerkennung und der Kult um Slowdive schaukeln sich immer weiter hoch. Im Jahr 2014 kommt es zur Wiedervereinigung.

Wiederbelebung eines Musikstils

Soviel zur Bedeutung dieser Band. Mit dem zweiten Song „Star Roving“ legen Halstead und Co. ordentlich nach. Der treibende Beat gepaart mit dem wiederkehrenden Thema bilden einen Sog, bei dem es kein Entkommen gibt. Dem Strudel und dem Flackern von manischer Euphorie und resignativem Ennui wird sich jeder Indierock-Fan bereitwillig hingeben. Womöglich war Shoegaze nie wirklich tot. So hört man z. B. aus dem Anfang von „Sugar for the Pill“ deutlich The XX heraus.

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Das genau acht-minütige „Falling Ashes“ wandelt um ein an- und abschwellendes, gleichbleibendes Pianoriff, verschluckt es und gibt es wieder her. Die Komposition verzichtet auf E-Gitarren und macht sich die hypnotischen Mechanismen der Minimal Music zu eigen. Halssteads und Goswells Harmonien konturieren und strukturieren bescheiden und eindringlich zugleich.

Das Album endet unspektakulär und hinterlässt den Zuhörer in einer kontemplativen Trance. Statt sich wie so viele andere vor ihnen hemmungslos selbst abzufeiern, setzen sich Slowdive mit diesem Understatement ein Denkmal. Hoffentlich ist die Welt diesmal bereit

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