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Neuer Pakt zwischen Mensch und Natur
Seit 2009 ist der nahe gelegene Bliesgau im Saarland Unesco-Biosphärenreservat. Ein Vorbild für das Projekt in Luxemburg?

Neuer Pakt zwischen Mensch und Natur

Foto: Biosphären-Zweckverband Bliesgau
Seit 2009 ist der nahe gelegene Bliesgau im Saarland Unesco-Biosphärenreservat. Ein Vorbild für das Projekt in Luxemburg?
Kultur 7 Min. 05.05.2018

Neuer Pakt zwischen Mensch und Natur

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Simone Beck gab die Initialzündung. Die Präsidentin der „Commission nationale luxembourgeoise pour la coopération avec l'Unesco“ treibt mit ihrem Team das Programm „Man and the Biosphere“ der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) für den Süden Luxemburgs voran – und trifft auf großes Interesse. Es geht in diesem Fall um mehr als Naturschutz, sondern um die Identifikation der Menschen mit ihrer Umwelt – und einen historischen Mentalitätswandel.

Frau Beck, warum noch mehr Unesco-Initiativen? Luxemburg ist ja in den Kulturerbeprogrammen schon gut vertreten ...

Die Unesco hat drei Arten von Programmen: die kulturellen, die naturwissenschaftlichen und die sozialwissenschaftlichen. Und ja, mit der Festung und Altstadt Luxemburgs (Welterbestätte des Weltkulturerbes, 1994), der Fotografie-Ausstellung „Family of Man“ (Weltdokumentenerbe, 2003) und der Echternacher Springprozession (immaterielles Kulturerbe der Menschheit, 2010) ist Luxemburg bereits in den drei Kulturprogrammen vertreten. Aber genau aus dem Grund hat die neue Unesco-Kommission auf die naturwissenschaftlichen Programme geschaut, um zu sehen, ob etwas für Luxemburg passend wäre und einen neuen internationalen Fokus auf das Großherzogtum setzen könnte.

Simone Beck
Simone Beck
Foto: Bohumil Kostohryz

Aber auch im Bereich Naturwissenschaft sind ja gleich zwei Initiativen geplant ...

Zwei kommen jedenfalls in Frage: Das erste sind die „Global Geoparks“ – da liegt der Akzent auf Gebieten, die geologisch von großem Interesse sind. Für dieses Programm hat der Naturpark Müllerthal im November 2017 seine Kandidatur gestellt. Derzeit prüfen internationale Experten bei Besuchen vor Ort die Bewerbung und dann dürfte mit einem Bescheid im Frühjahr 2019 zu rechnen sein. Das Dossier war ausgezeichnet vorbereitet – auch dank der jahrelangen Aufbauarbeit um den Naturpark, wo die Weichen gestellt wurden. Das zweite Programm, „Man and the Biosphere“ (MAB), ist vom Ansatz her schon sehr lange in der Unesco existent. Es wurde schon Anfang der 70er-Jahre diskutiert, wie man Schutz und Nutzung der natürlichen Umwelt rational und nachhaltig verbinden könnte, um die Biosphäre, d. h. der Raum, in dem der Mensch lebt und arbeitet, nicht zu gefährden. Dieser Raum ist allerdings von den natürlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten abhängig. Zentral ist wirklich der Gedanke zum Schutz und zur Nutzung der natürlichen Ressourcen. Damit nahm die Unesco etwas voraus, was wir heute als Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ kennen. Und das steht dann auch im Kern des Programms.

Aber wie konkret sähe das denn im Süden Luxemburgs aus? Die deutsche Unesco-Kommission beispielsweise spricht bei ihren 16 MAB-Programmen von „Lernorten für nachhaltige Entwicklung“ und „Modellregionen“ ...

Das MAB-Programm war zunächst ein Inventar repräsentativer Gebiete, in denen Menschen ganz unterschiedlich mit ihrer Umwelt umgehen: Wüsten, Polarregionen, Küsten. Nach und nach rückte der „Man“ in den Mittelpunkt. Das Programm untersucht heute, wie die menschliche Arbeit die Natur verändert und wie sich die Natur ihren Lebensraum zurückkämpft, wenn der Mensch anders wirtschaftet. Ein Beispiel: Im Minett ist der Tagebau ja offensichtlich. Als er aufgegeben wurde, wurden diese vom Menschen geschaffenen Gebiete wieder von der Natur zurückerobert. Die Fragen, die sich zu einem so genannten Unesco-Biosphärenreservat stellen, sind: „Lässt man die Natur gewähren? Oder greift der Mensch in diesen Prozess ein?“ Und er greift in diesen Prozess ein. Wäre die Natur sich selbst überlassen, würden durch den Tagebau entstandene Ökosysteme wie Trockenwiesen zerstört. Und um diese zu erhalten, aber anders zu bewirtschaften, werden zum Beispiel Schafe eingesetzt.

Die Ausweisung eines Reservats hat ja noch andere Auswirkungen ...

Gleich vorweg: Die Unesco macht überhaupt keine Auflagen für die Menschen, die in den Biosphärenreservaten leben. Sie müssen nicht von heute auf morgen zum Beispiel auf Bio-Landwirtschaft wechseln. Es geht darum, über Projekte Stück für Stück Beispiele zu entwickeln, von denen Menschen in der Region lernen können, wie eine nachhaltige Entwicklung gelebt werden könnte – wenn sie es nicht sowieso schon tun. Die Kernzonen unterliegen der nationalen Luxemburger Gesetzgebung der Naturreservate, während in den Pufferzonen der Mensch pflegend eingreifen kann, etwa nach den europäischen Bestimmungen, die in den Natura2000-Gebieten gelten. Und in den Entwicklungszonen des Reservats soll nachhaltiges Wirtschaften nach und nach gelebt werden. Aber das ist ein Prozess von Generationen und jenseits der gerade herrschenden politischen Konstellation.

Aber das Gemeindesyndikat Prosud ist doch stark politisch gefärbt ...

Im Gegensatz zum Müllerthal gibt es keine bereits bestehende Struktur im Süden, die ein Projekt wie das MAB koordinieren und tragen könnte. Allerdings ist eine Trägerstruktur eine wichtige Voraussetzung, nicht nur für die Unesco, sondern ganz einfach für die Umsetzung des Projekts. Aber ich bin zuversichtlich, da die Gemeindeautoritäten, denen wir das Projekt vorgestellt haben, ihm mit Interesse, wenn nicht gar Begeisterung, begegnet sind. Im Moment arbeiten wir mit informellen Arbeitsgruppen an der Analyse und der Ausfüllung der Kandidaturunterlagen. Ab September 2018 wollen wir dann – mit der schon angebotenen Unterstützung der Prosud-Gemeinden – Bürgerforen organisieren, damit wir die Wünsche, Anregungen und auch Vorbehalte der betroffenen Einwohner mit in die Kandidatur einfließen lassen können. Dieser partizipative Ansatz ist von vorrangiger Wichtigkeit, wenn das Projekt gelingen soll. Im September 2019 könnten wir dann die Kandidatur bei der Unesco einreichen. Mit einem Bescheid wäre dann im Sommer 2020 zu rechnen. Ein Unesco-Titel zu diesem Zeitpunkt wäre ein schönes Resultat, auch im Hinblick auf die nachhaltigen Projekte, die wir Esch 2022 vorschlagen wollen.

Das Biospährenreservat Bliesgau im Saarland wurde 2009 ausgewiesen. Dort spielen Kulturräume wie Streuobstwiesen eine zentrale Rolle.
Das Biospährenreservat Bliesgau im Saarland wurde 2009 ausgewiesen. Dort spielen Kulturräume wie Streuobstwiesen eine zentrale Rolle.
FOTO: BIOSPHÄRENZWECKVERBAND BLIESGAU

Und finanziell? Der Aufbau einer Struktur und entsprechende Programme werden Geld kosten. Wäre es nicht an den einstigen Nutznießern der Biosphäre Minett, sich an den gesellschaftlichen Kosten für den Wandel des ehemaligen Wirtschaftens zu beteiligen?

Das unterschreibe ich Ihnen gerne. Aber das ist letztlich dann doch eine politische Frage, ob Unternehmen in Verantwortung gezogen werden können.

Ein wichtiger Punkt der Reservate ist der Auftrag zur Bildung. Wie ist das zu verstehen?

Es ist mehr als das. Biosphärenreservate – das zeigen die Beispiele weltweit – schaffen eine Verankerung, eine Identifikation der Menschen vor Ort mit ihrem Lebensraum. Es geht darum, den Menschen, die in dem Gebiet leben oder den Menschen, die es besuchen, zu zeigen, was die Besonderheit dieser Gegend ausmacht: ihre Geschichte, ihre Entwicklung, ihre Gesellschaft, ihre biologische Diversität, die Ökosysteme, aber auch die Gebräuche, Gewohnheiten und die „Produits du terroir“. Die Arbeiter, die in einer rezenten Vergangenheit – und so rezent, dass sie sich noch daran erinnern können, in diesen jetzt leeren und toten Hallen gearbeitet haben, sehnen sich nach der Anerkennung ihrer Leistung und nach deren Verankerung in einem kollektiven Bewusstsein. Es ist daher wichtig, ihre Spuren und die Veränderung aus ihrer Sicht aufzufangen. Und auch das kann ein solches Projekt unterstützen. Müssen dann andere Institutionen ihre Arbeit einstellen? Nein, im Gegenteil. Dieses Projekt könnte ohne die Arbeit und den Einsatz der zahlreichen Initiativen, die sich für den Erhalt der Industriekultur, die Studien zur Migration oder den Schutz der für diese Gegend so typischen Natur nicht funktionieren. Ohne sie hätte ein MAB-Prosud keinen Inhalt und keinen Sinn. Durch einen Unesco-Titel würde ihre Arbeit anerkannt und international vernetzt. Außerdem würde dieser Titel einer Gegend des Landes, die so viel zu unserem heutigen Reichtum beigetragen hat und die zu den landschaftlich reizvollsten gehört, eine längst überfällige Ehre erweisen.

Mehr zu den Unesco-MAB-Programm unter: http://bit.ly/Unesco-MAB

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„Naturräume, Versuchsfelder“

Nicht nur im Minett stellen sich die Frage eines neuen, nachhaltigen Wirtschaftens nach einer Phase der radikalen Veränderung und Strukturwandels. Künstler weltweit reagieren auf die Veränderungen in ihrer Umwelt und dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Bis in den September greift das Mudam in seiner Gruppenausstellung „No Man's Land – Naturräume, Versuchsfelder“ und in passend eingearbeiteten Veranstaltungen über den gesamten Ausstellungszeitraum dieses Thema auf.

Brandon Ballangée;
"Collapse", 2013;
In collaboration with Todd Gardner, Jack Rudloe, Brian Schiering and Peter Warny;
Mixed-media installation including preserved specimens representing 115 species;
Glass, Preffer and Carosafe preservative solutions;
244 x 366 x 366 cm;
Nowhere Gallery Milan
Brandon Ballangée; "Collapse", 2013; In collaboration with Todd Gardner, Jack Rudloe, Brian Schiering and Peter Warny; Mixed-media installation including preserved specimens representing 115 species; Glass, Preffer and Carosafe preservative solutions; 244 x 366 x 366 cm; Nowhere Gallery Milan
Foto: Laurence Godart

Mal ist es nur ein künstlerischer Befund, mal ein unverhohlener politischer Aufruf zu mehr Bewusstsein mit künstlerischen Mitteln – diese große Bandbreite zeigt die Schau. Ein Beispiel: die Aquarelle von Cornelia Hesse-Honegger. Ihre 1990 als Aquarelle zeichnerisch dokumentierten Mutationen der Tier- und Pflanzenwelt nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl werfen einen ebenso ungewohnten Blick auf die von Menschen verursachten Folgen der Katastrophe auf.

Bis 9. September im Mudam, donnerstags bis montags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr. Eintritt: 8 Euro (<26 Jahren: 5 Euro, <21 Jahren und mittwochs von 18 bis 21 Uhr: Eintritt frei)

www.mudam.lu




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visite du "Giele Botter" - en présence de Madame Carole Dieschbourg Ministre de l'Environnement - Differdange  29.05.2015 - © claude piscitelli