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Neuer Kremlchef dringend gesucht
Kultur 2 3 Min. 07.04.2018 Aus unserem online-Archiv

Neuer Kremlchef dringend gesucht

Nein, Marschall Georgi Schukow (Jason Isaacs, l.), der Generalstabschef der Roten Armee, macht hier nicht 
gerade ein Selfie mit den Jungs vom Kreml-Polit-Büro – denn „The Death of Stalin“ spielt 1953.

Neuer Kremlchef dringend gesucht

Nein, Marschall Georgi Schukow (Jason Isaacs, l.), der Generalstabschef der Roten Armee, macht hier nicht 
gerade ein Selfie mit den Jungs vom Kreml-Polit-Büro – denn „The Death of Stalin“ spielt 1953.
Foto: Quad Films
Kultur 2 3 Min. 07.04.2018 Aus unserem online-Archiv

Neuer Kremlchef dringend gesucht

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Der Diktator ist tot, lang lebe der Diktator!“, so in etwa lässt sich Armando Iannuccis „The Death of Stalin“ zusammenfassen. Und der Schotte wagt dabei einen Drahtseilakt ohne Fangnetz: bittere historische Realität im flockig-leichten Satire-Ton zu erzählen. Dieser Film ist ein Genuss!

Da liegt er also nun, unter dem spöttischen Auge des eigenen majestätischen Porträts an der Wand. Der blaue Teppich unter ihm im Wohnzimmer der Datscha in Kunzewo ist durchnässt, weil er sich in die Hosen gemacht hat. So geht der mächtigste Mann der Sowjetunion aus dieser Welt: Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, der Enkel eines Leibeigenen, der als Josef Stalin in die Menschheitsgeschichte einging – oder fast ...

Denn noch hat der gefallene Despot seinen letzten Atemzug infolge eines Schlaganfalls nicht getan, und schon treten die Figuren der zweiten und dritten Reihe seines Gefolges aus seinem übermächtigen Schatten heraus und platzieren sich strategisch auf dem Spielbrett der Macht: Schließlich gilt es sich hier die Herrschaft über ein Riesenreich zu sichern. Was nach dem Tod des sowjetischen Diktators geschah und wer dabei welche – mehr oder minder schmutzige – Rolle spielte, erzählt „The Death of Stalin“.

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Dabei haben die Ereignisse anno 1953 zweifelsohne auch einen gewissen prämonitorischen Wert. Denn so skrupellos wird vielleicht auch eines Tages, in ferner Zukunft, nach dem Ableben des aktuellen Kremlchefs Wladimir Putin um dessen Posten gerungen werden. Auch deshalb, jedoch vor allem wegen der recht unflätigen Zeichnung historischer Politgrößen der Sowjetunion – stieß der Film vielerorts jenseits des ehemaligen eisernen Vorhangs auf herbe Kritik und wurde sogar in Russland mittels eines simplen Vertriebserlaubnisentzuges geradezu wegretouchiert: Wohl eine Hommage an die gute alte Sowjetpraxis der Geschichtsneuschreibung durch Bildbearbeitung vor Photoshop ...

Bereits als Abschluss des diesjährigen LuxFilmFest und beim Toronto International Film Festival 2017 hingegen erntete der Film von Armando Iannucci viel Beifall. Dass die Koproduktion zwischen Großbritannien, Kanada, Frankreich, Belgien und den USA aktuell schon auf DVD erhältlich ist, sollte – allein schon wegen der schauspielerischen Leistung – übrigens ein (guter) Grund sein, die groteske Politfarce trotzdem auf großer Leinwand zu genießen.

Bitterböse Machtsatire

Der Regisseur, bekannt für Serien wie „Veep“ und „The Thick of It“ oder Filme wie „In the Loop“ und entgegen dem Anschein kein Italiener, sondern gebürtiger Schotte, hat im Bereich der politisch gefärbten Satire wiederholt sein Können unter Beweis gestellt. Diesmal nimmt er sich des gleichnamigen Comics von Fabien Nury und Thierry Robin, „La mort de Staline“, an und packt historische Fakten, recht bunt gemischt und dabei nicht immer wirklich historisch ganz akkurat recherchiert, doch umso unterhaltsamer präsentiert, in seine bitterböse Machtsatire.

So jongliert er gekonnt zwischen tiefsinniger Analyse und abgedrehter Übertreibung. Wie seinem italienischen Kollegen Roberto Benigni, der sich in „La vita è bella“ mit komödiantischem Ton an den Holocaust wagte, gelingt auch Iannucci das schier Unglaubliche: Todernstes locker-flockig aufzutischen. Denn in der UdSSR der 1950er-Jahre gibt es nichts zu lachen: der Gulag schwebt wie ein Damoklesschwert über jedem einzelnen Bürger der Sowjetrepublik; sei er nun ein winziges Rädchen im System oder einer seiner Hebelbetätiger.

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Stichhaltige Gründe für Folter, die Deportation ins Arbeiterlager oder die simple Hinrichtung braucht es nämlich keine: der Tod ist der tägliche Begleiter aller. In diesem Klima der Angst, Einschüchterung und Verdächtigungen muss also ein neuer Landesvater her, der das Reich mit ebenso fester, gar eiserner Hand zusammenhält und das kommunistische Reich in die Zukunft führt.

Für sein Kammerspiel der etwas bitter-skurrileren Art, bringt Iannucci ein hochkarätiges Schauspielerensemble zusammen: Adrian McLoughlin als gefürchteter Despot Josef Stalin, Simon Russell Beale (als Geheimdienstchef Lawrenti Beria), Paul Chahidi (als Verteidigungsminister Nikolai Bulganin), Jeffrey Tambor (als Stalin-Nachfolger und Ministerpräsident Georgi Malenkow), Steve Buscemi (als KPdSU-Parteichef Nikita Chruschtschow). Ja, selbst mit dem ehemaligen Monthy-Python-Mitglied Michael Palin als Außenminister Wjatscheslaw Molotow gibt es ein erfreuliches Wiedersehen.

Die Frauen spielen (historiebedingt) nur Nebenrollen – jedoch bringen Olga Kurylenko als Starpianistin Marija Judina und Andrea Riseborough als Stalintochter Svetlana eine wirksame Abwechslung in den Männerreigen.

Eine unterhaltsame, lehrreiche Lektion in Diktatur und Demokratie!