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Freiheit, einfach nur Freiheit

"Schuld" von Grit Poppe: Die Schrecken der DDR

Grit Poppe
Foto: Joerg Schwalfenber

VON DANIEL CONRAD

„Wie viel Einfluss hatte er auf sein eigenes Leben? Wie viel Macht besaßen andere darüber?“, kommentiert Autorin Grit Poppe in „Schuld“ die Handlung, als ihr jugendlicher Held Jakob in die Fänge der Staatssicherheit gerät. Neben ihrer dichten Aufarbeitung der Zustände in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) 1989/90 sind es diese ganz allgemeinen Fragen an das Leben, die ihr Jugendbuch zu etwas Besonderem macht.

Die mal mehr, mal weniger erkennbaren Staatssicherheitsspitzel und Verräter, die jede Verfehlung protokollieren, im schlimmsten Fall eine direkte Verhaftung vornehmen können, schüren im Inneren die Angst. Wie weit darf ich mich gegen dieses System auflehnen? Halte ich dem Druck auch dann noch stand, wenn ich entrechtet und aus meinem gewohnten Umfeld gerissen werde oder mich die Familie plötzlich ausgrenzt, nur weil ich eine andere Meinung habe? Wem kann ich noch vertrauen? Die Protagonisten des Jugendromans „Schuld“ von Grit Poppe, Jana und Jakob, werden Opfer des Unrechtsstaats Deutsche Demokratische Republik (DDR).

Cover: Dressler Verlag

Während Jakob sich 1989 ganz offen dem System entgegenstellt, die Freiheit, zu reisen, und freie Meinungsäußerung fordert, entstammt die 15-jährige Jana einer Familie, die aus der Hoffnung auf eine bessere Perspektive mit dem Strom schwimmt. Als sie sich in den nur wenig älteren Jungen verliebt, sieht sie sich plötzlich damit konfrontiert, dass ihr Vater die sich entwickelnde Beziehung torpediert. Sie entdeckt plötzlich die Schranken, die das System DDR aufgerichtet hat – und die bis in die Köpfe der eigenen Familie reichen.

Man merkt dem Buch die Authentizität an. Poppe, die sich zur Wendezeit in der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ engagierte, packt in ihren Roman eine Vielzahl von Aspekten rund um die Repressalien gegen Andersdenkende des Arbeiter- und Bauernstaats, der 1990 aufhörte zu existieren. Das ist zwar einerseits ein Vorteil, andererseits wirkt das Buch auch stark bemüht, alle Aspekte der Recherche wie zum Beispiel die Informationen zu den Haftbedingungen und psychischen Folterungen von Staatskritikern oder die Rolle der Kirchen in die Erlebnisse der beiden Protagonisten zu packen.

Nie zu pädagogisch

Erstaunlich an ihrem Stil ist, dass sie dabei nie zu pädagogisch, zu oberlehrerhaft Geschichtsaufarbeitung für die nach der Wende geborene Generation betreibt. Poppe lässt die Handlung in einer leicht verständlichen Sprache abwechselnd aus der Perspektive von Jakob und Jana erzählen und schafft trotz einer Masse an Kontexten einen leicht lesbaren Stoff.

Besonders bemerkenswert dabei ist, dass sie Texte der systemkritischen Liedermacherin Bettina Wegner oder Zitate aus George Orwells „1984“ in den Fokus rückt und mit der Handlung verknüpft, die die politische Sprengkraft von Versen verdeutlicht. Darüber hin-aus entlarvt sie die ideologischen Fassaden wie die wohlklingende Parole der herrschenden Einheitspartei SED „Vom Ich zum Wir“.

Unabhängig vom DDR-Kontext schildert sie Jugendliche, die mutig hinterfragen, die sich nicht mit den Gegebenheiten zufrieden geben und sich einander Halt geben. Spannend erzählt und dazu noch lehrreich – eine echte Leseempfehlung nicht nur für Jugendliche.

Grit Poppe: „Schuld“, Jugend-Roman, Dressler Verlag, 336 Seiten, ISBN: 978-3-79151-634-9