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Netflix-Serie wagt harte Gesellschaftskritik
Im Schatten der Freiheitsstatue: K. J. Harper (Claire-Hope Ashitey) will den Tod von Brenton Butler auflösen. Nicht nur ihre Alkoholsucht steht ihr dabei im Weg.

Netflix-Serie wagt harte Gesellschaftskritik

Foto: Netflix
Im Schatten der Freiheitsstatue: K. J. Harper (Claire-Hope Ashitey) will den Tod von Brenton Butler auflösen. Nicht nur ihre Alkoholsucht steht ihr dabei im Weg.
Kultur 1 2 Min. 11.03.2018

Netflix-Serie wagt harte Gesellschaftskritik

Maximilian RICHARD
Maximilian RICHARD
Warum "Seven Seconds" um einen toten schwarzen Jugendlichen ein wagemutiger Vorstoß des Streaming-Dienstes ist.

Sieben Sekunden. Länger braucht Peter Jablonksi (Beau Knapp) nicht für seine Entscheidung. Brenton Butler liegt blutend im Schnee; der 15-Jährige regt sich nicht mehr. Jablonsky wird den Unfall aber nicht melden. Der junge Polizist aus Jersey City war auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau ins Krankenhaus, als plötzlich ein Fahrrad vor seinem Wagen auftauchte. In seiner Verzweiflung ruft er seine Arbeitskollegen zum Tatort.

„Einfache Unfälle gibt es nicht mehr“, sagt Jablonskis Vorgesetzter, Mike Diangelo (David Lyons). Zumindest nicht, wenn es um weiße Polizisten und Afroamerikaner geht. Er drängt Jablonski, dazu den Zwischenfall zu vertuschen. Der werdende Vater fährt zu seiner Frau ins Krankenhaus, seine Kollegen lassen die Beweise verschwinden und Brenton bleibt alleine im Schnee zurück.

Der Schock bei den Beamten ist kurz darauf groß, denn der Junge war nicht tot. Er wird ins Krankenhaus gebracht, verstirbt erst einige Tage später. Schuldgefühle suchen Jablonksi heim, die Geburt seines Sohnes lässt ihn diese aber zunächst verdrängen. Seine Kollegen finden in der Zwischenzeit ein Opferlamm.

Sie hängen einem alkoholsüchtigen Obdachlosen den tödlichen Unfall an. Ihre perfide Logik: Früher oder später hätte der Mann sowieso im betrunkenen Zustand jemanden getötet. Die Geschichte kommt der Staatsanwältin K. J. Harper (Claire-Hope Ashitey) allerdings seltsam vor. Durch ihre schwerwiegende Alkoholsucht lässt sie allerdings nur langsam Taten folgen ...

Die Serien-Erfinderin, Veena Sud, hat sich bereits durch die Krimiserie „The Killing“ einen Namen gemacht. Mit der Netflix-Serie „Seven Seconds“ legt die Produzentin nun den Finger in eine schmerzhafte Wunde der US-Gesellschaft. Denn rassistisch motivierte Polizeigewalt ist dort keine Seltenheit. Zwar handelt es sich bei „Seven Seconds“ um ein fiktives Szenario, angesichts der Regelmäßigkeit der tödlichen Zwischenfälle und Protestbewegungen wie „Black Lives Matter“ erhält die Serie aber einen bitteren Beigeschmack.

Der Wink mit dem Zaunpfahl

Dabei spart Veena Sud nicht mit Bildsymbolik (siehe Bild). Etwa sucht Harper in einer Szene Brentons Fundort auf, dort ist der Schnee auch Tage nach dem Unfall immer noch blutrot. Die Freiheitsstatue will allerdings von alldem nichts wissen. Das Symbol der Vereinigten Staaten zeigt Jersey City und somit auch den Betroffenen nur die kalte stählerne Schulter. Spätestens hier wird deutlich: „Seven Seconds“ will Gesellschaftskritik üben. Dicker auftragen kann man aber nicht.

Das typische Whodunnit des Krimigenres bietet die Serie nicht. Dadurch kann der Zuschauer aber die Handlung auf allen Ebenen verfolgen. Er sieht, wie Jablonski mit seinen Schuldgefühlen kämpft, Harper von ihrem Partner wegen ihrer Alkoholsucht zurechtgewiesen wird. Und auch Brentons Familie steht im Mittelpunkt der Handlung und bricht durch die Trauer langsam auseinander.

Die verschiedenen Perspektiven bringen allerdings den Handlungsfluss ins Stocken und machen die Serie zum Teil etwas langatmig. Den zahlreichen Nebenfiguren wird viel Platz eingeräumt. Dabei wäre der Haupthandlungsstrang allein spannend genug.

Dennoch lohnt es sich, dranzubleiben. Besonders die letzten Folgen lassen nämlich dem Zuschauer die Haare zu Berge stehen. Am Ende wird klar: Jablonski und seine Kollegen sind nicht einfach nur ein paar schwarze Schafe der Polizei. Denn dafür sind die Probleme der US-Gesellschaft viel zu tief greifend.

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Alle zehn Folgen sind auf Netflix abrufbar.