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Menschen und Monster
Daniel Brühl als Dr. Laszlo Schweitzer in "The Alienist"

Menschen und Monster

Foto: Netflix
Daniel Brühl als Dr. Laszlo Schweitzer in "The Alienist"
Kultur 1 2 Min. 15.07.2018

Menschen und Monster

Marcel KIEFFER
Historienfilm, Sozialstudie, Mörder-Mystery und Psychothriller: In der neuen, hervorragenden Netflix-Produktion „The Alienist“ überschlagen sich die Fakten, Handlungen und Dimensionen. Ein atemberaubender Abstieg in die menschlichen Seelentiefen.

Es ist das dunkle, abgründige New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Tummelplatz für Glücksritter, Halsabschneider und Geschäftemacher, das Eldorado der Heilsuchenden und Heimatlosen, aber auch ein Sündenpfuhl und eine Brutstätte von Kriminalität, Not und Elend, das den Rahmen für diesen pechschwarzen Mörderepos abgibt.

Man erkennt darin den vom Bauboom getriebenen Moloch, den Jacob Riis in seiner schockierenden Sozialstudie „How The Other Half Lives“ beschrieben hat und in dem Recht und Ordnung die Ideale einiger weniger sind, während Polizeiwillkür, Korruption und der verzweifelte Überlebenswille einem gnadenlosen Recht des Stärkeren ausgelieferter Einwanderermassen die Kulisse bestimmen.

In diesem überbevölkerten, von Krankheiten, Kriminalität und Ausbeutung bestimmten Straßensumpf gedeihen die schlimmsten Auswüchse einer seelenlosen Gesellschaft. Unter den wenigen Lichtgestalten treffen wir auf den Kriminalpsychologen Dr. Laszlo Schweitzer (Daniel Brühl, „Good Bye, Lenin“) – er ist der Alienist –, seinen Freund, den Pressezeichner Thomas Moore (Luke Evans), die unerschrockene Sekretärin Sara Howard (Dakota Fanning)und ihren aufrechten Chef, den sich gegen Korruptionsfilz und rücksichtslose Geschäftemacher behauptenden Polizeipräfekten Theodore Roosevelt (Brian Geraghty).


Eine Stadt und ihre Abgründe

Die (vor allem anfänglich durch ihre Vielschichtigkeit leicht verwirrende) Handlung führt ins unterirdische Milieu der Homosexuellen-Prostitution New Yorks, wo ein triebhafter Mörder sein Unwesen treibt. Angesichts der zunehmenden, aber von der Polizei verschleierten Morde an männlichen Jugendlichen, beginnen der misstrauisch beäugte „Seelenarzt“ und seine Freunde, mit der inoffiziellen Unterstützung des künftigen Präsidenten Roosevelt, auf eigene Faust zu ermitteln und frühere, bisher unter Verschluss gehaltene, Fälle aufzurollen.

Die Spur des von einem bestialischen Instinkt getriebenen Mörders führt sie durch Gefängnisse, Irrenanstalten, Leichenhallen und Bordelle bald auch schon in die vornehmen Viertel New Yorks, wo die „bessere“ Gesellschaft der Stadt – die sogenannten „Vierhundert“ – entlang der Millionärsmeile ihren Reichtum auskostet und zur Schau stellt.

Und so nähert sich Dr. Laszlo Kreizler, der durch seine abweisende Art seine Freunde immer wieder an sich verzweifeln lässt, den Motiven jenes kaltblütigen Mörders an, den er bald als Herausforderung an seine eigenen Empfindungen und Fähigkeiten begreift, dessen Triebe und Emotionen zu verstehen und sich in dessen Haut zu versetzen. „Nur wenn ich zu ihm werde, werde ich gänzlich verstehen, was ich bin“, hat er erkannt.

„Nur so verstehe ich, dass das, was mich antreibt keine Emotionslosigkeit ist, eher ein Gefühlsstrom, einer, der meiner schwarzen Seele Bedeutung und Sinn schenkt. Ich muss das Leben wie er betrachten, Schmerz fühlen wie er, dieselben Wege gehen wie er. Ich muss dem folgen, wohin es mich auch führt, selbst wenn es mich in den tiefsten Höllenschlund führt“. Die Suche wird für Kreizler und seine Freunde zur ultimativen Konfrontation mit der Verletzlichkeit der menschlichen Seele und ihren alle Dimensionen von Gut und Böse sprengenden Konsequenzen.

„The Alienist“ ist von der Drastigkeit sowohl seiner Thematik her als auch seiner ästhetisch bestechenden Bilder und schauspielerischen Darstellung und Figurenzeichnung – die von Jakob Verbruggen („Black Mirror“) inszenierte, hervorragend besetzte US-Serie beruht auf dem gleichnamigen Roman von Caleb Carr – eine ebenso überzeugende wie spannende Produktion, bei der weder in puncto historische Authentizität noch materiellem Aufwand gespart wurde. Trotz aller thematischen Überfrachtung wird der Zuschauer bei fortschreitender Dauer in den Bann der Figuren und Handlungen gezogen, die ihn ob ihrer letztlich tiefgründigen Fragestellung nicht kaltlassen können.

„The Alienist“ („Die Einkreisung“) ist als zehnteilige Serie auf Netflix abrufbar.