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"Meine erste Zeichnung war eine Geisterbahn"
Kultur 1 6 Min. 23.08.2019

"Meine erste Zeichnung war eine Geisterbahn"

Steve Kayser hat sein leidenschaftliches Interesse für die Schobermesse von seinem Opa.

"Meine erste Zeichnung war eine Geisterbahn"

Steve Kayser hat sein leidenschaftliches Interesse für die Schobermesse von seinem Opa.
Foto: Lex Kleren
Kultur 1 6 Min. 23.08.2019

"Meine erste Zeichnung war eine Geisterbahn"

Tessy KLOPP SOWA
Tessy KLOPP SOWA
Im Interview verrät der Schueberfouer-Experte, was ihn an der Jahrmarktwelt so fasziniert und was es in der Ausstellung „Ons Schueberfouer“, derzeit im Lëtzebuerg City Museum, zu sehen gibt.

Die Schueberfouer lockt jedes Jahr rund zwei Millionen Besucher in die Stadt Luxemburg – fast viermal so viele Menschen, wie das Land Einwohner hat. Von diesem Freitagnachmittag bis zum 11. September laden während der 679. Ausgabe 180 Schausteller und circa 70 Straßenhändler zu Spaß und allerlei Leckereien. Wer es etwas ruhiger angehen und sich über die Entstehung des Jahrmarkts informieren will, kann bis zum 29. März 2020 die Ausstellung „Ons Schueberfouer“ im Lëtzebuerg City Museum besichtigen. Treffen mit dem Schobermesse-Experten, Historiker und Geschichtslehrer Steve Kayser.

Steve Kayser, in der Ausstellung „Ons Schueberfouer“ können Besucher verschiedene Düfte des Jahrmarkts erschnuppern und sich gedanklich dorthin versetzen. Was ist Ihre erste Erinnerung an die Schueberfouer? 

Ich erinnere mich an den Geruch von Waffeln und Bratwürsten sowie an einen besonderen Platz. Dort haben meine Eltern und ich oft gesessen, um das alte Karussell und die Geisterbahn zu bewundern. Heute ist alles ein wenig anders platziert. Genau denselben Geruch, genau dieselbe Atmosphäre, nicht genau dieselbe Optik habe ich 2004 in Frankfurt auf einer Kirmes wiederentdeckt. Im Hintergrund spielte außerdem die große Orgel desselben Riesenrads, das jahrelang nach Luxemburg gekommen ist.


Die Schueberfouer im Wandel der Zeit
Unterwegs in Luxemburg: Das besondere Jahrmarktfeeling können die Besucher auch im Lëtzebuerg City Museum genießen.

Waren es diese positiven Erinnerungen, die dazu führten, dass Sie nicht nur Historiker, sondern auch Schueberfouer-Experte wurden?

Es sind ein paar Sachen, die zusammenkamen. Ich interessiere mich vor allem für die ganze Logistik, die hinter der Schobermesse steckt. Die Leistung, in ein paar Tagen alles aufzubauen und später wieder alles abzubauen und wegzubringen, finde ich bis heute beeindruckend. Schon als Kind hat mich der Blick hinter die Kulissen fasziniert. Ich war bereits glücklich, wenn ich diese ganzen Lastwagen ankommen sah. Mein Opa hat mich mit der Leidenschaft für die Schobermesse infiziert. Er hat mir die Buden aus Lego und mit Schlumpffiguren sowie Fahrgeschäfte mit Fischer-Technik nachgebaut. Zusätzlich hat er mir Reportagen aus der Zeitung herausgeschnitten. Diese Passion zeigte sich auch künstlerisch: Meine erste Zeichnung war eine Geisterbahn, die zweite das Riesenrad. Mich hat ebenfalls das Menschliche an der Schueberfouer interessiert; die Kirmeskultur, die Art und Weise, wie die Schausteller leben, arbeiten und wie sie organisiert sind. Die Ausbildung zum Historiker hat natürlich auch dazu beigetragen, mein Interesse für Schobermessen weiter auszubauen.

Schausteller sind in unserer Gesellschaft wahrscheinlich die letzten Generalisten, die ein bisschen von allem können und auch können müssen.


Inwiefern haben Sie an der Ausstellung „Ons Schueberfouer” mitgearbeitet? 

Ich habe als Historiker, und vor allem als Experte über Schausteller mitgewirkt. Ohne den Schausteller kann weder eine Ausstellung noch eine Kirmes entstehen. Schausteller sind in unserer Gesellschaft wahrscheinlich die letzten Generalisten, die ein bisschen von allem können und auch können müssen. Sie besitzen eine ganze Reihe an Traditionen und Fertigkeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. 

Gibt es für Sie ein Highlight in der Schau? 

Natürlich das Karussellpferd, ein Karussellpferd ist immer etwas ganz Spezielles und Schönes. Dessen Zusammensetzung und das Kunsthandwerk des Schnitzens werden aber leider nicht erklärt. Mein Lieblingsobjekt der Ausstellung ist eine kleine Kiste aus einer Schießbude mit der Aufschrift „L'éléphant savant“. Ich finde dieses aus Paris kommende Objekt wunderschön, da ich Elefanten besonders mag. 

Die Schueberfouer steht auf der nationalen Liste des Immaterielles Kulturerbes. Was versteht man eigentlich darunter?

Seit 2008 stehen Feste mit einem gewissen Traditionscharakter, unter anderem die Schueberfouer, der Hämmelsmarsch, aber auch die Éimaischen auf der nationalen Liste des Immateriellen Kulturerbes. Zum Immateriellen Kulturgut gehören Praktiken, die Gemeinschaften miteinander teilen, die zu einer speziellen Form von Identität einer Gemeinschaft beitragen, die aber auch einen universellen Charakter besitzen. 

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Was macht die Schueberfouer Ihrer Meinung nach schützenswert? 

Als Berater der Internationalen Schaustellerunion und als Schobermesse-Experte bin ich der Meinung, dass es nur ein Plus sein kann, ein Kulturgut schützen zu lassen. Ein Unesco-Weltkulturerbe sollte jedoch meiner Meinung nach vor allem eine universelle Besonderheit sein. Das heißt, dass man sie eben gerade nicht nur hier, sondern auch an anderen Orten wiederfindet. Deshalb finde ich, dass nicht nur die Schueberfouer, sondern auch das Schaustellerwesen und die Kirmeskultur im Allgemeinen ein schützenswertes Immaterielles Weltkulturerbe sind. Jahrmärkte gibt es auf der ganzen Welt und entstammen auch der ganzen Welt. 

Aus russischen Rutschen sind Achterbahnen entstanden und viele Vergnügungsspiele stammen aus dem arabischen Raum. Schobermessen sind, angefangen bei der kleinen Dorfkirmes, sehr wichtig in der soziokulturellen Struktur unserer Gesellschaften.
Die Schueberfouer schreibt sich in eine Evolutionsschiene von Veranstaltungen ähnlichen Charakters ein. Diese können als Quelle kirchliche Prozessionen oder einen Jahrmarkt haben. Eine Sonderkategorie bilden die Schützenfeste und Volksfeste mit politischem Hintergrund, wie zum Beispiel das Münchener Oktoberfest, das der König zugunsten der Hochzeit seines Sohnes zum Besten gegeben hat. 

Durch die ständige Weiterentwicklung dieser Veranstaltungen sollte im Falle des Kirmeswesens von einem „Lebendigen Kulturerbe“ gesprochen werden. Viele europäische Länder wie Finnland und Frankreich arbeiten seit Jahren an einem internationalen Plan, die Kirmeskultur als lebendiges Weltkulturerbe schützen zu lassen. 


Auf einer Gesamtfläche von 4,4 Hektar finden Schueberfouer-Fans vom 23. August bis zum 11. September alles, was das Herz begehrt.
Schueberfouer 2019: Alte Bekannte und spektakuläre Neuheiten
Am Freitag startet die Schobermesse. 231 Schausteller werden die Besucher auf einer Gesamtfläche von insgesamt 4,4 Hektar empfangen.

Ist die Schueberfouer denn nicht doch irgendwie einzigartig? 

Natürlich ist kein Jahrmarkt wie der andere. Einzigartig macht die luxemburgische Schueberfouer ihr besonders internationaler Charakter, andere Jahrmärkte sind lokaler geprägt. Wenn man durch die Gassen geht, sind die Plakate in vielen verschiedenen Sprachen geschrieben und in ebenso vielen wird man angesprochen. 

Es gibt auch eine hochwertige Esskultur mit dem „Fouerfësch“, und die Schueberfouer ist einer der seltenen Plätze, an dem die Tische weiß gedeckt sind. Bei uns gibt es zusätzlich noch das Brauchtum des Hämmelsmarsches. Um daran zu erinnern, hat ein Schüler von mir das Maskottchen „Lämmi“ kreiert. 

Gibt es Traditionen der Schobermesse, die heute vergessen sind? 

Heute spricht keine Menschenseele mehr vom Springbrunnen „Roude Pëtz“. Dort hat der Umzug Hämmelsmarsch begonnen, um anschließend mit den heute nicht mehr daran beteiligten Schafen die Stadt hoch zu schreiten. Kinder sind mit zinnernen Tellern hinterhergerannt und haben um Kirmesgeld gebeten. Der ehemalige Viehmarkt und der Bauernsonntag sind komplett weggefallen, genauso wie der Bezug zum Ackerbau. Außerdem gab es immer eine Zeremonie zu Ehren Johann des Blinden, ihres Begründers, und seinen Mitstreitern, die in der Schlacht von Crécy gefallen sind. Daran erinnert ein Kirchenfenster der Glaciskapelle. 


Hurra, die Achterbahn ist da
Ein erstes Fahrgeschäft wirft seine Schatten auf dem Glacisfeld voraus: die größte Attraktion, die es auf der Schueberfouer je gegeben hat - die Alpina Bahn.

Welche Traditionen kamen hinzu? 

Zum Beispiel der Bürgermeistertag. Außerdem wurde die Weinkönigin eingeführt, die ich auf regionalem Niveau als sehr wichtig empfinde. Ich hoffe, dass man ebenfalls die „Reine des Mirabelles“ wieder einführt. Zusätzlich ist die traditionelle Verabreichung von „Ham a Kuch“ in den 1970er- Jahren neu konstituiert worden. 

Im vergangenen Jahr wurde die Drehorgel aus Ihrer Privatsammlung in der Glacis-Kapelle eingesegnet. Wird dieses Ereignis auch dieses Jahr stattfinden? 

Die Drehorgel ist ein charakteristisches Kirmesinstrument mit typischer Kirmesmusik. Auch dieses Jahr spiele ich selbstverständlich während der Schaustellermesse auf der Orgel.
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„Ons Schueberfouer“ ist noch bis zum 29. März 2020 im Lëtzebuerg City Museum zu sehen. Geöffnet: dienstags bis sonntags, von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Eintritt: 5 Euro, für Schüler gratis.


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