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Mein Freund, der Frauenmörder
Kultur 1 2 Min. 23.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Mein Freund, der Frauenmörder

Molly (Jessie Buckley) fühlt sich zu Pascal (Johnny Flynn) hingezogen: Obschon oder gerade weil er der Mörder ist?

Mein Freund, der Frauenmörder

Molly (Jessie Buckley) fühlt sich zu Pascal (Johnny Flynn) hingezogen: Obschon oder gerade weil er der Mörder ist?
Foto: AGILE FILMS
Kultur 1 2 Min. 23.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Mein Freund, der Frauenmörder

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Auch wenn sie von den unendlich schimmernden Weiten des Meeres umgeben sind, haben Inseln stets etwas Klaustrophobes an sich. So, als ob der Horizont, statt das Gefühl der unbegrenzten Freiheit zu vermitteln, den Bewohnern immer nur wie ein Spiegel das eigene Bild zurückschickt – und sie so zu Gefangenen ihrer selbst macht.

Diese beklemmende Eiland-Prämisse ist der fruchtbare Nährboden in den Michael Pearce mit seinem „Beast“ den Keim eines unbekannten Mädchenmörders hineinpflanzt.

Dieser könnte ein jeder der Insulaner, ja sogar der eigene Nachbar sein. Nicht von ungefähr präsentiert sich „Beast“ somit als das auf Jersey spielende Kanalinsel-Kontrastprogramm zur erst kürzlich in den Luxemburger Kinos angelaufenen „The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society“: undurchsichtig, düster und bedrückend.

Das vertraute Grauen

Der Regisseur, der sich ebenfalls für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, inspirierte sich für seine Geschichte frei am realen „Beast of Jersey“: Hinter einer grässlichen Fratzenmaske verborgen überfiel Edward Paisnel zwischen 1960 und 1971 13 Frauen und Kinder in der Sicherheit ihrer Heime, missbrauchte und vergewaltigte sie dort.

Pearce macht aus den sexuellen Überfällen Morde, was die Dramatik der Situation noch zuspitzt – und beleuchtet damit ein nicht minder furchterregendes, da vertrauteres Grauen: den Mikrokosmos der Familie mitsamt des Makrokosmos der Gesellschaft.

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Mit seiner ersten durchweg überzeugenden Regiearbeit schaffte der Filmemacher es dann auch gleich im vergangenen Jahr in die Auswahl des „London Film Festival“ und des „Toronto International Film Festival“ – ein vielversprechendes Debüt.

Mit seiner Hauptdarstellerin Jessie Buckley als unglückliche junge Molly hat „Beast“ dabei eine spannungs- und facettenreiche zentrale Figur. Gefangen in einer tyrannischen und dementsprechend erniedrigenden Familienkonstellation mit einem an Alzheimer erkrankten Vater, ihrer herrischen Mutter Hilary (Geraldine James) und zwei Geschwistern, Bruder Harrison (Oliver Maltman) und Schwester Polly (Shannon Tarbet), in deren Schatten sie steht. Als sie mit dem undurchsichtigen Außenseiter Pascal (Johnny Flynn) sympathisiert, den die Inselgemeinschaft mit Argwohn beäugt, gar für den Mädchenmörder hält, spitzt sich die Situation dramatisch zu.

Das wahre Monster

Geschickt manipuliert der britische Regisseur sein Publikum mit einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Karten scheinbar laufend neu gemischt und die Rollen stets frisch verteilt werden. Dies bringt nicht nur die moralischen Gewissheiten des Zuschauers ins Wanken, sondern hinterfragt subtil ebenfalls gesellschaftliche Normen und Zwänge.

Dabei nutzt Pearce alle ihm zur Verfügung stehenden filmischen Mittel (besonders einen meisterlich orchestrierten Ton!) überaus stimmig und wirkungsvoll. Statt Dinge auszusprechen, lässt er stets Ungewissheit schweben, und steigert so geschickt die emotionale Wirkung seiner Geschichte zuweilen ins Unerträgliche.

Und am Ende des Films muss jeder Einzelne für sich die Frage beantworten, wer denn nun das wahre Monster ist: eine verzweifelte junge Frau, eine tyrannische Mutter, ein eiskalter Killer – oder vielleicht doch der Zuschauer, der das Ganze beobachtet und sich anmaßt, über das Schicksal anderer zu richten ...