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Mea Culpa
Leitartikel Kultur 2 Min. 28.12.2016 Aus unserem online-Archiv
Leitartikel

Mea Culpa

Leitartikel Kultur 2 Min. 28.12.2016 Aus unserem online-Archiv
Leitartikel

Mea Culpa

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Sind Medien nur noch ein manipulatives Meinungskartell?

Was haben „Den Nol op de Kapp“, der Brexit und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten gemeinsam? Viel, auch wenn es nicht so scheint. Alle drei lassen uns den Puls der Zeit fühlen, dieses martialische Hämmern von Argwohn und Zorn. Alle drei zeigen auch, dass der Mensch anno 2016 in einer tiefen Glaubenskrise steckt, die nichts mit religiöser Überzeugung zu tun hat.

Er zweifelt an der Effizienz des Justizapparats, der ihm nicht mehr zu seinem Recht verhelfe. Er fühlt sich der Politik und den Volksvertretern entfremdet. Er hegt handfeste Zweifel an der Wahrhaftig- und Redlichkeit von Medien. Der „Guardian“ und die „New York Times“ bezogen mit langen Argumentationen klar Stellung gegen Brexit und Trumps Wahl und beflügelten damit nur die entgegengesetzte Überzeugung. Haben Medien also in ihrer Berichterstattung versagt? Sind sie alle nur noch die „Lügenpresse“, ein manipulatives Meinungskartell, das verborgene, eigennützige Ziele verfolgt?

Der Moment zwischen weihnachtlichem Innehalten und beflügelnder Neujahrsvorsatzfassung bietet Gelegenheit, auch mit sich selbst einmal Tacheles zu reden: Und 2016 ist das Mea culpa ein Media culpa. Die Wahl von „postfaktisch“ zum Wort des Jahres mag Manchem ein Schmunzeln entlocken, doch Alarmglocken sollten schlagen: Der Bürger fühlt sich von der vierten Gewalt im Staat hinters Licht geführt, entmündigt, indoktriniert.

Räumen wir hier also mit falschen Vorstellungen auf: Journalisten wissen es per se nicht besser; sie sind weder klüger noch scharfsinniger, nicht begabter oder gebildeter. Aber sie haben dem normalen Bürger gegenüber zwei enorme Vorteile. Sie müssen das urmenschliche Misstrauen, das erahnen lässt, dass nichts so simpel ist, wie es scheint, in die Energie kanalisieren, Dinge zu hinterfragen. Und sie haben den Luxus, sich die notwendige Zeit zu nehmen, Zusammenhänge aufzudecken, um Licht auf das „Cui bono“ zu werfen. Denn im „Wem zum Vorteil“ lassen sich die Beweggründe allen menschlichen Handelns zusammenfassen. Dabei müssen Journalisten stets ihrer grundlegenden Mission treu bleiben: Erklären, erklären und erklären. Unablässig, erneut und immer wieder. Damit niemals aufhören, und dabei nie schulmeistern. Schließlich erwächst Meinung nur aus Informationen und Diskussionen, nicht Lektionen.

Doch auch Medien lassen sich manchmal vom Wettrennen der Augenblicklichkeit anstacheln und versagen dann umso mehr: Wer aus der Hüfte schießt, bekommt als Quittung den Bumerangeffekt. Berichterstattung darf also niemals getrieben, nicht sensationslüstern und unter keinen Umständen approximativ sein. Sie muss auf sorgfältiger Recherche fußen und alternative Perspektiven eröffnen. So akut wir nämlich Bilder des inakzeptablen Leids aus Aleppo brauchen, noch dringender brauchen wir die Geschichte des 23-jährigen Flüchtlings Farid, der Dank der „Open House“-Plattform bei einer Luxemburger Familie in Beggen ein neues Zuhause gefunden hat.

Weil Katastrophen eine unwiderstehlich-morbide Faszination ausüben, bedürfen wir alle, Leser und Journalisten, umso stärker positiver Geschichten mit Happy End, denn auch solche schreibt das Leben. Nur so können wir weiterhin gemeinsam, kritisch, freiheits-, gerechtigkeits- und solidaritätssehnsüchtig in die Welt blicken, versuchen zu verstehen, welche Fehler begangen wurden, um sie vielleicht nächstes Mal zu vermeiden. Das Mea culpa ist, mehr noch als ein Schuldbekenntnis, ein Vertrauensvorschuss.