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Man kann nicht glauben, was man sieht
Kultur 7 Min. 20.02.2019

Man kann nicht glauben, was man sieht

Alles Visuelle nehmen wir durch die Filter des Kontextes, unserer Erziehung und Meinungen wahr.

Man kann nicht glauben, was man sieht

Alles Visuelle nehmen wir durch die Filter des Kontextes, unserer Erziehung und Meinungen wahr.
Foto: Lex Kleren
Kultur 7 Min. 20.02.2019

Man kann nicht glauben, was man sieht

Mireille MEYER
Mireille MEYER
Das Auge gilt als wichtigstes Sinnesorgan des Menschen. Sehende Menschen können sich nicht vorstellen, ohne visuelle Eindrücke im Leben zurechtzukommen. Doch so sehr wir uns auf das Sehen verlassen, so irreführend sind die Informationen, die es uns liefert.

Barack Obama sitzt vor dem Sternenbanner und einer Flagge mit dem Siegel des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. In seiner bedächtigen und wohlüberlegten Art spricht er folgenden Satz: „President Trump is a total and complete dipshit“, Donald Trump ist also in den Augen seines Vorgängers „ein absoluter Vollidiot“. Man muss schon ganz genau hinschauen, um zu sehen, dass einige von Obamas Mundbewegungen leicht manipuliert wirken. Das Video ist natürlich eine Fälschung, ein sogenanntes Deepfake. So nennt man mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellte, realistisch aussehende Bilder oder Videos. Man braucht also nur einen Computer und die geeignete Software, schon kann man die Realität verändern und Nachrichten manipulieren. Falschmeldungen zu verbreiten wird zum Kinderspiel, das Gefahrenpotenzial dieser Deepfakes ist enorm. So wie die Gesellschaft der Reihe nach lernen musste, dass weder dem geschriebenen Wort noch dem Bild zu trauen ist, muss sie sich jetzt daran gewöhnen, dass auch das Video kein Beweis für Tatsachen mehr ist.

Auch wenn es in diesem Fall kein Blick durch die rosarote Brille ist, so verändern Brillengläser doch die Sicht auf die Welt. Ob gelbe Brillengläser fröhlich machen, sei dahingestellt, auf jeden Fall verschärfen sie den Kontrast. Und Sonnenbrillen schützen nicht nur den Durchblick bei grellem Sonnenschein, manchmal verhindern sie einfach nur den Augenkontakt, und das reicht.
Auch wenn es in diesem Fall kein Blick durch die rosarote Brille ist, so verändern Brillengläser doch die Sicht auf die Welt. Ob gelbe Brillengläser fröhlich machen, sei dahingestellt, auf jeden Fall verschärfen sie den Kontrast. Und Sonnenbrillen schützen nicht nur den Durchblick bei grellem Sonnenschein, manchmal verhindern sie einfach nur den Augenkontakt, und das reicht.
Foto: Lex Kleren

Die Kunst des Trompe-l’œil

Das Vorspielen falscher Tatsachen ist so alt wie die Kunst. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere berichtet in seinem Werk „Naturalis historia“ folgenden Konkurrenzkampf zwischen zwei Künstlern in der griechischen Antike: „Zeuxis malte im Wettstreit mit Parrhasius so naturgetreue Trauben, dass Vögel herbeiflogen, um an ihnen zu picken. Daraufhin stellte Parrhasius seinem Rivalen ein Gemälde vor, auf dem ein leinener Vorhang zu sehen war. Als Zeuxis ungeduldig bat, diesen doch endlich beiseite zu schieben, um das sich vermeintlich dahinter befindliche Bild zu betrachten, hatte Parrhasius den Sieg sicher, da er es geschafft hatte, Zeuxis zu täuschen. Der Vorhang war nämlich gemalt.“

Die Technik der illusionistischen Malerei, die täuschend echte Darstellungen ermöglicht, war also schon damals der Ausdruck außergewöhnlicher Kunstfertigkeit. In der Renaissance gelangte die Scheinarchitektur zu großer Beliebtheit. Mitte des 15. Jahrhunderts schrieb der Baumeister und Gelehrte Leon Battista Alberti seine Überlegungen zur Zentralperspektive nieder. Sie ermöglicht es, zweidimensionalen Bildern Tiefe zu verleihen. Der flämische Maler Jan van Eyck (1390-1441) brachte die Perspektive und die Gestaltung des Räumlichen zur Perfektion. „Die Arnolfini-Hochzeit“ aus dem Jahr 1434 verdeutlicht das herausragende Talent des Künstlers. „Bilder für die Blinden“, ein Online-Dienst, für den Autoren Bilder beschreiben, fasst das Werk wie folgt in Worte: „Das Gemälde zeigt ein stehendes Paar in einem nicht sehr großen Zimmer, links der Mann und rechts die Frau. (...) Sie tragen Kleidung, wie sie wohl bei reichen Bürgern im 15. Jahrhundert zu festlichen Anlässen üblich war. (...) In der Mitte sieht man durch die beiden Figuren hindurch oben einen vierarmigen Deckenleuchter aus Messing. (...) Und darunter (einen) Spiegel. (...) Man sieht dort das stehende Paar von hinten und zwischen ihnen hindurch den Maler und aufgrund der Wölbung des Spiegels einen weiteren Bildausschnitt, also mehr vom Zimmer, als auf der ersten Bildebene.“

Der Blick für die Schönheit der einzelnen Eiskristalle geht verloren, wenn an einem Wintermorgen die Windschutzscheibe des Autos zugefroren ist.
Der Blick für die Schönheit der einzelnen Eiskristalle geht verloren, wenn an einem Wintermorgen die Windschutzscheibe des Autos zugefroren ist.
Foto: Lex Kleren

Völlig verformt

Komplett verzerrt ist die Perspektive einer Anamorphose, wenn man sie aus dem falschen Blickwinkel heraus betrachtet. Das von dem Pater und Physiker Emmanuel Maignan 1642 gemalte Fresko im Kreuzgang der „Santa Trinità dei Monti“ in Rom zum Beispiel zeigt den heiligen Franziskus von Paola, der über Wellen zu schreiten scheint. Je weiter man jedoch an der Wand entlanggeht, je mehr zerfällt das 20 Meter lange Bild in eine Küstenlandschaft. Bereits 1533 nutzte der deutsche Maler Hans Holbein der Jüngere die Technik der Verzerrung in seinem Gemälde „Die Gesandten“. Im Vordergrund ist bei frontaler Anschauung ein unförmiges Etwas zu Füßen der Porträtierten zu sehen. Nur wenn man nahe am Bild steht und vom rechten Bildrand nach links unten blickt, kann man einen Totenschädel erkennen.

Die Verfremdung der Welt

Was hat ein Bild überhaupt mit dem zu tun, was es zeigt? Und was hat es mit seinem Titel zu tun? Das Werk des belgischen surrealistischen Malers René Magritte dreht hauptsächlich um die Frage, ob Realität abgebildet werden kann. „Ceci n’est pas une pipe“, steht unter einem seiner berühmtesten Ölgemälde, auf dem er eine Pfeife gemalt hat. Der Titel des Bildes lautet: „La trahison des images“, (Der Verrat der Bilder). In dem Buch „René Magritte, écrits complets“ steht dieses Zitat aus einem Interview, das der Journalist Claude Vial 1966 mit Magritte führte: „Die berühmte Pfeife (…) Man hat sie mir zur Genüge vorgehalten! Und trotzdem (…) können Sie sie stopfen, meine Pfeife? Nein, nicht wahr, sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich also unter mein Bild ,Dies ist eine Pfeife‘ geschrieben, so hätte ich gelogen!“

Das Cover der Originalausgabe des Buches „Ways of Seeing“ des britischen Kunstkritikers und Autoren John Berger ziert „Der Schlüssel der Träume“ von René Magritte, denn auch Berger war von dem Verhältnis zwischen Bild und Sprache fasziniert. In der Einleitung der deutschen Übersetzung (Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt) schreibt Berger: „Sehen kommt vor Sprechen. Kinder sehen und erkennen, bevor sie sprechen können. Auch in einem umfassenderen Sinn kommt das Sehen vor dem Sprechen: Durch das Sehen bestimmen wir unseren Platz in der Umwelt, die sich mit Worten wohl beschreiben, nicht aber in ihrer räumlichen Existenz und Vielfalt erfassen lässt. Zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir wissen, herrscht keine feststehende Beziehung.“

Wo und wann wir etwas sehen, beeinflusst das, was wir sehen.
Wo und wann wir etwas sehen, beeinflusst das, was wir sehen.
Foto: Lex Kleren

John Berger vertat die These, dass das Sehen, somit auch die Betrachtung der Kunst, ein sozialer Akt ist. Wo und wann wir etwas sehen, beeinflusst das, was wir sehen. Alles Visuelle nehmen wir durch die Filter des Kontextes, unserer Erziehung und Meinungen wahr. Dass das Sehen ein individueller Vorgang ist, steht unter anderem auch im Talmud: „Wir sehen nicht die Dinge, wie sie sind, sondern wir sehen sie, wie wir sind.“

Sehen, insbesondere Kunst sehen, ist immer eine Interaktion zwischen dem Betrachter und dem Werk. Der deutsche Wahrnehmungsforscher Michael Bockemühl formulierte es so: „Bildrezeption ist gleich Bildproduktion“, anders gesagt: „Der Künstler ermöglicht, was der Anschauende verwirklicht“. Dieses Prinzip macht sich auch die Op Art, die Optische Kunst, zu Nutze. Der Wahrnehmungsprozess, optische Effekte und Illusionen stehen im Mittelpunkt dieser Bewegung, deren Mitglieder vor allem mit abstrakten schwarz-weiß Mustern arbeiteten. Als Vater dieser Kunstrichtung gilt der aus Ungarn stammende französische Maler und Grafiker Victor Vasarely, der auch intensive Farben in seine komplexen Augentäuschungen gebracht hat. Er hat erkannt, dass Kinetische Kunst keine Bewegung braucht, sondern geometrische Effekte auf einer statischen Leinwand Bewegung simulieren können, die Muster flimmern, pulsieren, vibrieren, sich drehen oder Nachbilder produzieren können. Seine leuchtenden Werke wurden ein Symbol der psychedelischen 1960er-Jahre.

Optische Irritationen

Ein weiterer Meister der optischen Illusion war der niederländische Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher. In seinen Zeichnungen stellte er oft die Perspektive auf den Kopf und machte auf diese Weise die Wahrnehmung des Bildes für den Betrachter zu einer visuellen Herausforderung. So zeigt sein Werk „Treppauf Treppab“ eine endlose Treppe, die „Zeichnenden Hände“ erschaffen sich zeitgleich gegenseitig und in der „Wasserfall“ scheint das Wasser bergauf zu fließen, ehe es in die Tiefe stürzt. In diesen Konstruktionen erschuf Escher eine unmögliche Realität. Er stellte auf humorvolle Art alles Gewohnte infrage: „Sind Sie sicher, dass ein Fußboden nicht auch eine Decke sein kann? Sind Sie absolut sicher, dass Sie nach oben gehen, wenn Sie eine Treppe hinaufsteigen?“

Die Welt mit anderen Augen zu sehen, dabei kann Alkohol eine Rolle spielen. Auf jeden Fall hilft der eigene Blick auf die Dinge bei der Entscheidung, ob das Glas nun halb voll, oder halb leer ist.
Die Welt mit anderen Augen zu sehen, dabei kann Alkohol eine Rolle spielen. Auf jeden Fall hilft der eigene Blick auf die Dinge bei der Entscheidung, ob das Glas nun halb voll, oder halb leer ist.
Foto: Lex Kleren

Die Art, wie sie die Welt sehen, beeinflusst natürlich die Arbeit der Künstler. Rein physisch gesehen können Sehstörungen sozusagen auf Werke abfärben. Der Franzose Charles Meryon malte auf dem Bild „Vaisseau fantôme“, dem einzigen von ihm, das im Pariser Louvre ausgestellt ist, den Himmel gelb und das Meer blau, ganz ohne Rot- und Grünstich. Als er von seiner Rot-Grün-Sehschwäche erfuhr, wandte er sich von der Malerei ab und arbeitete als Graveur. Im Werk des französischen Impressionisten Claude Monet lässt sich ganz klar seine Behinderung durch den Grauen Star erkennen. Er malte seine Bilder immer dunkler. Erst nach einer Operation konnte er zu seinem üblichen Einsatz der Farben zurückkehren. Bei Leonardo da Vinci stellen sich Ophthalmologen die Frage, ob seine Kunst von einer besonderen Form des Schielens, unter der er wahrscheinlich litt, profitiert hat.

Die Augen sind die Fenster zur Seele, ihnen kommt in der künstlerischen Darstellung besondere Bedeutung zu. Das Auge der Vorsehung, das allsehende Auge, ist ein in Mythologie und Religion oft genutztes Symbol, ohne das heute keine Verschwörungstheorie mehr auskommt. Wir assoziieren mit den Augen eine besondere Empfindsamkeit und erleiden beim Anschauen der Eröffnungsszene des Films „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí einen Schock, von dem wir uns nicht mehr erholen: Mit einem Rasiermesser schneidet ein Mann einer Frau den Augapfel auf. 


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