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Lyrik: Worte mit Wirkung
 „Es gibt Poesie, seit wir Lust an der Sprache haben“, so der Literaturwissenschaftler Ralph Müller.

Lyrik: Worte mit Wirkung

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„Es gibt Poesie, seit wir Lust an der Sprache haben“, so der Literaturwissenschaftler Ralph Müller.
Kultur 6 Min. 09.01.2019

Lyrik: Worte mit Wirkung

Mireille MEYER
Mireille MEYER
Im Interview gibt Ralph Müller Aufschluss darüber, warum nicht jeder über Reime schmunzeln möchte und warum die Lyrik in anderen Sprachräumen einen höheren Stellenwert genießt, als im deutschsprachigen Raum.

Die Lyrik führt neben den beiden anderen literarischen Großgattungen, Erzählungen und Dramen, eher ein Schattendasein. Viele Leser trauen sich nicht an Gedichte heran, halten sie für verkopfte Wortkonstruktionen. Dabei können Verse einen trösten, heiter stimmen, ins Grübeln versetzen oder einfach nur zum Lachen bringen. Ralph Müller, Professor für Germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Freiburg/Schweiz, forscht zur Lyrik der Gegenwart.

Ralph Müller, wieso sollte man Lyrik lesen?

Lyrik wird manchmal als etwas Überflüssiges wahrgenommen. Sogar innerhalb der Literatur. Dass man Romane liest, scheint unbestritten zu sein. Aber warum sollte man eigentlich Lyrik lesen? Man hat in der Literaturwissenschaft sehr lange das Erzählen stark gemacht. Mit Geschichten erklären wir uns, warum die Sachen so sind, wie sie sind. Bei Lyrik geht es eher darum: Wie sprechen wir über die Dinge, die da sind oder gewesen sind? Ich denke, Lyrik umfasst hier Texte, die für unseren hektischen Alltag gut gemacht sind. Viele dieser Texte sind relativ kurz, bieten aber trotzdem Denkanstöße, die uns auch später noch beschäftigen. Wir können nach dem Lesen weiter darüber nachdenken. Vielleicht bleibt auch das eine oder andere Wort hängen, setzt sich das eine oder andere Bild in unseren Hirnen fest.

Hat Lyrik ihren Platz im aktuellen Geschehen?

Ein Gedicht kann Sprachkritik sein, Propaganda sein. Gerade wenn etwas politisch Bewegendes passiert, können Gedichte auch das Mittel sein, mit dem man literarisch darauf reagiert. Bevor die ersten Romane über die Terroranschläge vom 11. September 2001 erschienen sind, gab es Gedichte, beispielsweise die „September-Elegien“ von Durs Grünbein, die auf dieses Ereignis Bezug nahmen. Solche Reaktionen können natürlich von unterschiedlicher Qualität sein. Wenn man sich heute in den sozialen Medien umschaut, findet man häufig Bilder mit Sprüchen. Das sind ja zum Teil auch wie bei lyrischen Gedichten stark verdichtete Textaussagen, auf die sich Leute gerne beziehen. Ich habe schon das Gefühl, dass die Literaturwissenschaft ihren Blick weiten sollte, um lyrische Phänomene heute zu betrachten. Bei Gedichten immer nur an Verse und Reime denken, das ist zu eingeschränkt.

Manche Gedichte wirken sogar regelrecht abstrakt.

Ich glaube, dieser Eindruck, Gedicht seien abstrakt, hat stark mit nicht erfüllten Erwartungen zu tun. Unsere Erwartung ist häufig, dass ein Gedicht gereimt ist oder wie ein Lied verfasst ist. Allerdings ist der Reim in der deutschen Sprache ein irrsinnig starkes Mittel, sodass er schnell komische Effekte erzeugt. Also wenn man einen Reim macht, ist die Chance groß, dass die Aussage lustig wirkt. Das kann man gezielt anstreben. In jüngerer Zeit hat dies Robert Gernhardt vorgemacht, beispielsweise in seinem „Nonzenzgedicht“ „Die kaiserliche Botschaft“: „So hört mich an, o meine Knappen: Ab jetzt sind alle Schimmel Rappen“. Das geht dann so weiter und reiht Behauptung an Behauptung um des Reimes willen – wie schon Christian Morgensterns „ästhetisches Wiesel“. In früheren Zeiten hat auch Wilhelm Busch dieses Mittel mit Erfolg angewendet.

Ein „Werkzeug“ dessen Wirkung nicht jedem Autor gefällt.

Diesen Effekt, dass alle ein bisschen Schmunzeln, möchte natürlich nicht jeder Lyriker haben. Bei einem Reim besteht die Gefahr, dass das, was man sagen möchte, zu locker flockig daherkommt. Ein Lyriker wie Jan Wagner arbeitet darum gezielt mit unreinen Reimen und reimt zum Beispiel „Mütter“ auf „Motor“. Die meisten Lyriker verwenden aber den Freien Vers ohne Reim und Metrum. Und manchmal sind inzwischen die Verse so lang, dass es sogar ein bisschen problematisch ist, überhaupt von Versen zu sprechen. Wie gesagt, wenn man sich umschaut, wie verdichtete Sprache heute verwendet wird, dann sehen wir auch, dass es selten im gereimten Gedicht geschieht, sondern viele andere Ausdrucksformen entstanden sind. Das sieht man auch am Beispiel von Weisheitssprüchen, Erfahrungssätzen. Die sind früher häufig in Versen abgefasst worden, das macht man in den „Memes“ der sozialen Medien heute kaum noch.

Im englischsprachigen Raum hat das Gedicht einen höheren Stellenwert als im deutschsprachigen. Woran liegt das?

Auch an Schulen im englischsprachigen Raum spielt Lyrik eine größere Rolle. Lyriker werden häufig in die Schulen eingeladen. Das hat vielleicht mit einem entspannteren Umgang mit Lyrik zu tun. Im englischen Raum ist es zum Beispiel weniger ein Problem, sich etwa mit komischen Texten zu beschäftigen. Und im deutschsprachigen Raum beschäftigt man sich eher mit Texten, deren Wert unbestritten ist. Das hat mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu tun, mit der hier bisweilen Literatur behandelt wird. Das ist nicht notwendigerweise schlecht. Es ist ja auch schön, etwas ernsthaft zu betreiben. Aber Ernsthaftigkeit steht manchmal auch im Weg. Sie behindert den Zugang zu Dichtern, die die kleine Beobachtung, oder eben die traditionellen Formen hochhalten. Dass es eine Nachfrage nach einem verspielten Umgang gibt, zeigt für mich auch der Erfolg von Jan Wagner. Ich glaube es ist kein Zufall, dass Wagner selber Anglist ist und unter anderem englische Lyrik übersetzt hat.

Die Lieblingslyrik der Kulturredakteure

Jean Krier: „Herzens Lust Spiele. Gedichte“ Poetenladen, Leipzig 2010, 80 Seiten, 15,80 Euro, ISBN 978-3-940691-14-9.
Jean Krier: „Herzens Lust Spiele. Gedichte“ Poetenladen, Leipzig 2010, 80 Seiten, 15,80 Euro, ISBN 978-3-940691-14-9.

Das wundervolle Gefühl unendlich klein und zugleich unersetzbar zu sein

Manche Gedichte hallen, Jahre nach der ersten Begegnung, wie ein immer lauter werdendes Echo nach. Neben Anna Achmatowa, Seamus Heaney, Annette von Droste-Hülshoff, Louis Aragon oder Djura Jakšic nehmen José Ensch und Jean Krier in meiner Herzensbibliothek so einen ganz besonderen Platz ein: zwei sprachliche Giganten, deren Kraft ihre kompromisslose Einzigartigkeit ist. Sie ist es, die mir als Leser das Gefühl gibt, unendlich klein und zugleich unersetzbar zu sein. Einfach nur wunderbar! Vesna

Elizabeth Bishop: „Gedichte“ Hanser Verlag, München 2018 352 Seiten, 32 Euro, ISBN 978-3-446-26014-6.
Elizabeth Bishop: „Gedichte“ Hanser Verlag, München 2018 352 Seiten, 32 Euro, ISBN 978-3-446-26014-6.

Das Desaster des Verlustes zur Kunst erhoben

Mit Pulitzer Preis und National Book Award geehrt, gilt Elizabeth Bishop (1911-1979) als eine der bedeutenden US-Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. In ihren Gedichten, reich an Umgangssprache, geht die Vielgereiste lakonisch mit dem Alltag und distanziert mit Gefühlen um – ihr Gedicht „One Art“ wurde zur Trosthymne: „The art of losing isn't hard to master;/so many things seem filled with the intent/to be lost that their loss is no disaster.“ Sophia

Pam Ayres: „The Works, The Classic Collection“ Paperback, BBC Books, February 2010, 256 pages, 9,40 Euro, ISBN: 978-1-846-07793-7.
Pam Ayres: „The Works, The Classic Collection“ Paperback, BBC Books, February 2010, 256 pages, 9,40 Euro, ISBN: 978-1-846-07793-7.

Unkomplizierte Alltagsbeobachtungen in denen sich jeder wiedererkennt

Wer eine schnelle Aufmunterung braucht, ist bei der Engländerin Pam Ayres bestens aufgehoben. Es ist ihr wunderbarer Sinn für Humor und ihr zuverlässiges Gespür für die unfreiwillige Komik des Alltags, die ihre Gedichte so originell und genial machen. Es sind bodenständige Geschichten über gewöhnliche Menschen, die sie mit einem schelmischen Blick auf sich und ihre Mitmenschen zusammendichtet. Mireille

Ossip Mandelstam: „Gedichte“ Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2017, 80 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-596-52158-6.
Ossip Mandelstam: „Gedichte“ Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2017, 80 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-596-52158-6.

Musik aus Buchstaben, selbst in sowjetischer Lagerverbannung

Seide, die „brennt“, „Wassernächte“ und ein lauschender „Faulbaum“: Mit wenig Worten und unerhört kühnen Metaphern schuf Ossip Mandelstam (1891-1938) präzise Ausschnitte einer Landschaft, eines Moments, eines Zustands. Neologismen und Halbsätze verschmelzen bei dem regimekritischen Dichter, der Stalins Terror zum Opfer fiel, nicht nur zu assoziativen Bilderströmen, sondern bringen eine Musikalität der Wörter hervor. Sophia

Jacques Prévert: «Paroles», Editions Gallimard, Collection folio, 253 pages, 7,40 euros, ISBN: 978-2-070-36762-7.
Jacques Prévert: «Paroles», Editions Gallimard, Collection folio, 253 pages, 7,40 euros, ISBN: 978-2-070-36762-7.

Il s'en prend à tous ceux qui oppriment, et offre sa tendresse aux blessés de la vie

«Il est terrible le petit bruit de l’œuf dur cassé sur un comptoir d’étain. Il est terrible ce bruit quand il remue dans la mémoire de l’homme qui a faim.» Avec Jacques Prévert, le sentiment de la fraternité entre en scène. Relisons Jacques Prévert – et pas seulement les drolatiques «Le Cancre» et «L’Accent grave», ces charges contre l’institution école, rappelons-nous toute l’irrévérence d’un poète engagé dans son siècle. Marc

Tomas Bjørnstad: „Fjorde“, Éditions Guy Binsfeld, 96 Seiten, 20 Euro,
ISBN 978-99959-42-42-7
Tomas Bjørnstad: „Fjorde“, Éditions Guy Binsfeld, 96 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-99959-42-42-7

Zwischen Romantik, Rotzigkeit und der Suche nach dem großen Unbekannten

„Fjorde“ vom mysteriösen Tomas Bjørnstad hat auch dank dem Pseudonym Aufmerksamkeit bekommen und ein Szene-Ursprungsrätseln ausgelöst. Die laut Verlag „teils autobiografischen“ deutschen Verse mit etwas fremdsprachigem Einschlag dümpeln zwischen romantischen Naturschilderungen bis in Abgründe und Selbstzweifel, gewürzt mit jugendlich-urbaner Rotzigkeit und musikalischen Unternoten. Zum Miträtseln empfohlen. Daniel