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LuxFilmFest: „Ein ,Verrückter‘ als Stimme der Vernunft“
Kultur 1 4 Min. 07.03.2020 Aus unserem online-Archiv

LuxFilmFest: „Ein ,Verrückter‘ als Stimme der Vernunft“

1884 wurde Hugo Gernsback, Herausgeber zahlreicher Magazine, als Hugo Gernsbacher in Luxemburg geboren

LuxFilmFest: „Ein ,Verrückter‘ als Stimme der Vernunft“

1884 wurde Hugo Gernsback, Herausgeber zahlreicher Magazine, als Hugo Gernsbacher in Luxemburg geboren
Foto: Samsa Film
Kultur 1 4 Min. 07.03.2020 Aus unserem online-Archiv

LuxFilmFest: „Ein ,Verrückter‘ als Stimme der Vernunft“

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Hugo Gernsback ist der berühmteste der unbekannten Luxemburger. Die Doku „Tune into the Future“ beweist dies auf lehrreiche und unterhaltsame Weise. Regisseur Eric Schockmel erklärt, wieso dies in Zeiten von Fake News eine Lehre sein kann.

Eric Schockmel, „It’s instant, it’s flashy, it’s fast, it’s colourful – and it’s sexy as hell“, sagt einer Ihrer Interviewpartner in „Tune into the Future“. Sprechen wir da vom Werk des Mannes, der am 16. August 1884 als Hugo Gernsbacher in Luxemburg geboren wurde?

Ja, durchaus, denn man muss sein Werk – zu dem u. a. das „Amazing Stories“-Magazin zählt, auf das sich Ken Hollings’ Aussage bezieht, das er 1926 herausbrachte und das das Fundament der Science Fiction war – in seinem historischen sprich sozialen, politischen und kulturellen Kontext betrachten. Zu dem Zeitpunkt ein solches Produkt herauszubringen, das Technik in solch einer leichten, farbenfrohen und konsumfertigen Pop-Kultur-Verpackung präsentierte, war durchaus all dies – und ja, auch sexy. 

Warum wissen eigentlich nur die wenigsten seiner Landsleute, dass besagter Hugo Gernsback, der das Wort „Science Fiction“ prägte, ein gebürtiger Luxemburger ist?

Nicht nur seinen Landsleuten, selbst vielen sogenannten Geeks ist er kein Begriff, trotz Hugo-Awards. Ich glaube, das liegt daran, dass er nie wirklich so erfolgreich war, um richtig bekannt zu werden. Er war zwar mit berühmten Erfindern wie Edison oder Tesla befreundet, hatte selbst 80 Patente und brachte in der experimentellen Szene vielleicht Dinge ins Rollen. Jedoch stand er irgendwie immer in der zweiten Reihe, wirkte in den Kulissen. Eine wirklich handfeste Erklärung dafür gibt es aber letztlich nicht. Nur war es mir als Regisseur wichtig, einen Dokumentarfilm zu machen, der ihn nicht als „Luxemburger Helden“ darstellt, sondern ein Werk zu schaffen, das das größtmögliche, also auch internationale Publikum anspricht: Es ist nämlich eine Geschichte, die es verdient, bekannter zu sein.

Dank Eric Schockmel werden zukünftig mehr von gernsbacks Landsleute um seinen Verdienst wissen.
Dank Eric Schockmel werden zukünftig mehr von gernsbacks Landsleute um seinen Verdienst wissen.
Foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort

Hat er die Zukunft denn erfunden oder sie vorausgesehen?

Es gibt zwei Aspekte: Es gab Dinge, die er sich ausdachte. Und die, die aber unabhängig von ihm entwickelt wurden. Rückblickend scheint er diese vorausgesehen zu haben, ohne, dass es einen kausalen Zusammenhang gab. Aber er veröffentlichte auch ein Magazin-Cover mit einem fliegenden Mann und inspirierte beispielsweise damit zwei Jungen dazu, die Figur des Superman zu erfinden. Auch einer der frühen Gründer der späteren Marvel Comics arbeitete in den 1920ern bei Gernsback, zwei zu seinem Verlag gehörende Publikationen sollen durch ihre Artikel Bill Gates dazu inspiriert haben, Microsoft zu gründen.

Wie kam es zum Filmprojekt?

Es war Zufall, und das Projekt hat eher mich gefunden, als umgekehrt. Bernard Michaux, Produzent von Samsa Film, legte mir 2013 ein Dossier in die Hand mit der Bitte, ich solle es mir doch einfach mal durchsehen – und ich war sofort fasziniert, weil ich selbst auch noch nie zuvor etwas über Gernsback gehört hatte. Also habe ich es übernommen.

 Dies ist eine Geschichte, die es verdient, bekannter zu sein.

Wie sind Sie praktisch bei Ihrer Recherche vorgegangen?

CNA-Direktor Paul Lesch hatte schon vor mir ausführliche Recherchearbeit geleistet; auch Gerard Kraus, Präsident der Science Fiction & Fantasy Society Luxembourg, kannte sich gut aus, und private Sammler kamen zu Hilfe. Ralph Letsch stellte mir den Kontakt zu Gernsbacks Nachkommen her und Luc Henzig verfügt über eine der weltweit komplettesten Sammlungen von Gernsback-Magazinen. Dann habe ich mich natürlich eingelesen und weitere internationale Experten kontaktiert.


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Sein Leben, von Luxemburg bis nach New York, entspricht ganz dem Romanhaften. Wieso dennoch eine dokumentarische Form?

Man hätte sich eine surrealistischere Form vorstellen können, aber ich fand, dass die Dokumentation ihm am ehesten gerecht würde – und ich habe mir diese als ersten Film auch zugetraut.

Animation ist ein fester Bestandteil der Dokumentation.
Animation ist ein fester Bestandteil der Dokumentation.
Foto: Samsa Film

Sie greifen bei Ihrem Film auch auf die Animation zurück. Warum?

Ein erster Grund war pragmatischer Natur: Von Gernsback selbst gab es nur sehr wenige Bild- und Tonaufnahmen. Zudem lieferte er uns mit der visuellen Welt seiner Sci-Fi-Magazine die perfekte Vorlage, die wir dann durch unsere Animationen auch ausgeschöpft und -gebaut haben.

Zeitlebens glaubte Gernsback an die Wissenschaft: Durch sie können wir die Welt um uns verstehen und auch ändern – und unsere Zukunft in die eigene Hand nehmen.

Utopien wie Dystopien sind seit geraumer Zeit hoch im Kurs: Wie sieht Eric Schockmel eigentlich die Zukunft?

Jetzt, wo ich mich eingängig mit Science Fiction beschäftigt habe, weiß ich, dass sie eigentlich mehr über die Zeit in der sie entstand aussagt, als über die Zukunft an sich. So gesehen kann alles geschehen, deshalb lege ich mich lieber nicht fest.

Die Animationen des Luxemburger Studio Mélusine Productions erfüllen eine erzählerisch wichtige Rolle im Dokumentarfilm - und sind auch noch unterhaltsam und schön anzuschaun.
Die Animationen des Luxemburger Studio Mélusine Productions erfüllen eine erzählerisch wichtige Rolle im Dokumentarfilm - und sind auch noch unterhaltsam und schön anzuschaun.
Foto: Samsa Film

Welche Lektion können wir heute im 21. Jahrhundert noch vom Erfinder der Zukunft aus dem 19. Jahrhundert lernen?

Zeitlebens glaubte Gernsback an die Wissenschaft: Durch sie können wir die Welt um uns verstehen und auch ändern – und unsere Zukunft in die eigene Hand nehmen. In Zeiten sozialer Medien, wo es immer schwieriger wird, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, und Politiker wie Trump wissenschaftliche Fakten, wie den Klimawandel anzweifeln, ist dies eine wichtige Lektion! So gesehen kann dieser „Verrückte“ aus dem 19. bzw. 20. Jahrhundert durchaus als die Stimme der Vernunft im 21. Jahrhundert fungieren.

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Vorpremiere der Samsa Film-Produktion „Tune into the Future“ von Eric Schockmel am Sonntag, dem 8 März um 18.30 Uhr, im Ciné Utopia. Eine weitere Vorführung findet am Freitag, dem 13. März, um 9.15 Uhr, ebenfalls im Ciné Utopia statt.


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