Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Luxemburger Plätze auf Spritze und Moos seziert
Kultur 4 2 Min. 29.08.2019

Luxemburger Plätze auf Spritze und Moos seziert

Von den Molekülskulpturen (l.) zu den Fotos der Werkreihe: Boris Loders außergewöhnliche „Particles“ sind aktuell im Kreuzgang von Neimënster zu sehen.

Luxemburger Plätze auf Spritze und Moos seziert

Von den Molekülskulpturen (l.) zu den Fotos der Werkreihe: Boris Loders außergewöhnliche „Particles“ sind aktuell im Kreuzgang von Neimënster zu sehen.
Foto: Pierre Matgé
Kultur 4 2 Min. 29.08.2019

Luxemburger Plätze auf Spritze und Moos seziert

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Boris Loder untersucht bekannte Orte tiefschürfend mit Handschuhen, Kamera und Drucker: Wie der Fotograf in „Particles“ Luxemburger Schauplätze dokumentiert, ohne sie direkt abzubilden. Die Schau läuft noch bis zum 1. September in Neimënster.

Diese Glimmstängel, Injektionsnadeln, Tablettenblister oder Kondomverpackungen – Respekt! Alleine schon davor, dass der Fotograf Boris Loder sich für die Kunst und seine Werkidee opfert und diesen Unrat aufsammelt. 

Aber es sind eben auch genau diese wunderlichen Spuren an den verschiedenen Orten in Luxemburg und Deutschland, die der Künstler zwischen 2016 und 2019 gesucht hat; kleine, aber zentrale Zeugnisse menschlicher Präsenz oder Interaktion: Pommesgabeln auf dem Sportplatz, Kondomverpackungen an der Kirchenmauer in Hollerich, Flugscheine in unterschiedlichsten Sprachen am Findel.

Identitätsmoleküle des Alltags

Damit nicht genug. Loder entnimmt eben diesen Orten nicht nur menschliche Hinterlassenschaften. In seinen, dem Bild vorausgehenden „Skulpturen“ bindet er Materialien dieser Räume ein: Böden wie Sand und Erde, Metallreste, Baumaterialien, Glasscherben, Mauer- und Betonbruchstückchen, Naturmaterialien wie Rinden, Moose und Gras – insgesamt jeweils „Particles“, Teilchen aus dem Kosmos dieser Orte, wie schon der Titel von Loders Ausstellung im Kreuzgang von Neimënster verrät.


Die Dokumentation von Staatsempfängen war Teil von Weyrichs Arbeit als Fotojournalist.
Weyrich-Hommage: Mehr als Nostalgie
Die Fotothek der Hauptstadt schafft frische Einblicke in das schillernde, schwarz-weiße Foto-Universum des Jean Weyrich im Ratskeller.

Er verdichtet diese einzelnen, positiv wie negativ geladenen Partikel quasi zu Identitätsmolekülen in Form dieser kleinen Skulpturen; Würfel, die so auf ihre Art als pars pro toto für die Räume stehen – eine Reduktion und Essenz statt direkter Dokumentation mit einer fotografischen Aufnahme.


Allein dieser Arbeits- und Denkprozess des 37-Jährigen zur Darstellung von Begebenheiten ist schon faszinierend: Wahl der Orte, Suche nach der Vielschichtigkeit und Kontraststärke der Partikel, Zusammenstellung in der Skulptur (drei sind zur Dokumentation in der Schau zu sehen), Arrangement und Studioeinrichtung, eigentliche Fotografie, Nachbearbeitung und daraus entstehende Giclée-Prints, großformatige Bilder aus dem Tintenstrahldrucker, in Din A1 Hoch- und Querformat. 


Die Fotoreihen von Mary Frey geben einen ungewöhnlichen Einblick in den Alltag der US-amerikanischen Middle-Class in Massachusetts.
Inszenierte Wirklichkeit des American Dream
Mary Frey zeigt in ihren Fotos die Verwerfungen der Middle Class in den USA auf - und dass, obwohl ihre doch so dokumentarisch anmutendenen Bilder gestellt sind. Wie das geht, zeigt eine neue Schau im CNA.

Die ausgestellten Arbeiten sind nochmals für die Wirkung im Abteikreuzgang vergrößert worden. Hier im Verhältnis 141/99 cm; ohne Passepartout, aber mit genügend Weiß- und damit „Atemraum“ für das Motiv.

Bekannte Orte tiefschürfend untersucht

Aber eben nicht nur diese Prozesse überzeugen. Es wirkt so, als habe der studierte Geograf und Literaturwissenschaftler seine Neigungen perfekt in dieser künstlerischen Arbeit vereint. Er schafft mit dieser Verdichtung „Dichtung“ – eine Art visuelle, abstrahierende Lyrik, die mit scheinbar wenig viel ausdrückt. Loder lockt durch die vergrößerte Darstellung dieser Partikelhaufen den Betrachter, näher hinzuschauen. Dabei wirft er Aspekte auf, den so dokumentierten Raum gedanklich tiefer zu untersuchen. Tiefer und detaillierter, als es bei der „normalen“ Betrachtung eines Fotos des Findel, des Rond-Point Serra, des Ban de Gasperich oder des Mudam der Fall wäre. 


Mal traurige, mal grausame und dabei stets wahre Momentaufnahmen: Omar Mendoza einer der Patienten einer 
psychiatrischen Klinik in Barquisimeto in Venezuela.
„Niemand will unsichtbar sterben“: Die Ausstellung "Hard Truths"
Kurator und Fotograf Arthur Ollman über unerträgliche Bilder, ein brennendes Theater und Fremdschämen für Trump.

Die Teilchen entschleunigen die Betrachtung und beschleunigen den Geist. Und es bleibt ein Freiraum, den der Betrachter selbst füllen muss: Entweder muss er den Abgleich mit seiner Sicht auf bereits vertraute Orte machen – oder er stellt sich vor, wie dieser Ort wohl aussehen mag, wenn er ihn nicht kennt. Zu guter Letzt stecken in den Teilchen Alltagsgeschichten und Momentzustände. Einfach herrlich!
______
„Particles“ von Boris Loder, noch bis zum 1. September im Kreuzgang von Neimënster, Öffnungszeiten täglich von 11 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Mehr Infos unter www.neimester.lu



Lesen Sie mehr zu diesem Thema

D'Woch am Kino
Diese Woche sorgen gleich drei Thriller für Nervenkitzel. Eine französische Komödie verbreitet gute Laute.
 „Angel Has Fallen“ von  Ric Roman Waugh.
«Y'a d'la joie»
Un état d'esprit à apprendre et à défendre pour affronter la morosité ambiante.
Kultur,  Marco Lorenzini, Joie, foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
Inszenierte Wirklichkeit des American Dream
Mary Frey zeigt in ihren Fotos die Verwerfungen der Middle Class in den USA auf - und dass, obwohl ihre doch so dokumentarisch anmutendenen Bilder gestellt sind. Wie das geht, zeigt eine neue Schau im CNA.
Die Fotoreihen von Mary Frey geben einen ungewöhnlichen Einblick in den Alltag der US-amerikanischen Middle-Class in Massachusetts.
„Ist doch egal, was man lieber mag“
Der Kinderbuchautor Ulrich Hub (55) erlebt bei seinen Lesungen immer wieder, dass er von Veranstaltern freundlich, aber bestimmt darum gebeten wird, nicht aus „diesem Buch“ zu lesen. Gemeint ist „Ein Känguru wie du“.
Ausstellung „Urban Stories“.: Anatomie mit der Kamera
Von der Fotoausstellung „Urban Stories“, die aktuell in „neimënster“ im Rahmen des diesjährigen „CinEast“-Festivals gezeigt wird, erwartet man Geschichten über das heutige Stadtleben im ehemaligen Ostblock. Was man am Ende jedoch erfährt, ist etwas viel Interessanteres.
Ein herber Kontrast: Die Bilder städtischer Landschaften stehen allein schon dem historischen Ambiente des Kreuzgangs der Abtei Neumünster entgegen.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.