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Los Angeles' letzte Schlacht
Kultur 1 4 Min. 17.09.2016 Aus unserem online-Archiv
"No more tears" und "Use your illusion"

Los Angeles' letzte Schlacht

"No more tears" und "Use your illusion"

Los Angeles' letzte Schlacht

Foto: AFP
Kultur 1 4 Min. 17.09.2016 Aus unserem online-Archiv
"No more tears" und "Use your illusion"

Los Angeles' letzte Schlacht

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Am 17. September 1991 erscheinen drei extrem erfolgreiche Hardrock-Alben - eines von Ozzy Osbourne und gleich zwei von Guns N' Roses.

Am 17. September 1991 erlebt die Hardrock-Welt einen spektakulären Doppelschlag: Ozzy Osbourne bringt das extrem erfolgreiche „No More Tears“ heraus. Und Guns N' Roses veröffentlichen am gleichen Tag sogar zwei Alben: Der Doppelpack „Use your Illusion I & II“ ist geprägt von gesundem Größenwahn, sprengt allerdings auch die Bank. Rückblickend scheint es fast, als hätte Los Angeles, die Hauptstadt des Glam-Rock, seine letzten Reserven mobilisiert, um der am Horizont nahenden Grunge-Welle aus Seattle etwas entgegenzusetzen. Vergeblich, wie man heute weiß: Nur eine Woche später erschien Nirvanas „Nevermind“ auf der Szene.

Nüchtern zum Erfolg

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Ozzy hatte das Schlimmste hinter sich. Ende der siebziger Jahre körperlich und seelisch schwer geschädigt bei Black Sabbath rausgeflogen, trotz Millioneneinnahmen in den Jahren vorher komplett pleite – die Drogen, der Suff, der Lebensstil. Von der Tochter seines ex-Managers, Sharon Arden, erst wieder aufs geschäftlich korrekte Gleis gesetzt, dann geheiratet.

Mit den Dramen war danach zwar nicht Schluss, 1981 starb sein Gitarrist Randy Rhoads weil er mit einem Kleinflugzeug abstürzte, am Steuerknüppel saß der zugekokste Tourbusfahrer. Und dann war da noch der Gerichtsprozess 1986, bei dem ihm nachgewiesen werden sollte, dass ein Teenager sich wegen seines Songs „Suicide Solution“ das Leben genommen hatte (die Klage wurde abgewiesen).


James Hetfield of Metallica performs during the band's Latin America tour concert at the Jockey Club in Asuncion March 24, 2014. REUTERS/Jorge Adorno (PARAGUAY - Tags: ENTERTAINMENT)
Revolution ist harte Arbeit
Am 12. August 1991 stellte Metallicas fünftes Album "Metallica" die Heavy-Metal-Welt auf den Kopf. Doch der Erfolg war teuer erkauft.

Trotz allem hatte Ozzy es aber geschafft, zwischen 1980 („Blizzard of Ozz“) und 1991 sechs vielbeachtete Soloalben auf den Markt zu bringen. Mit „No More Tears“ war der nordenglische Proll-Hardrocker endgültig im glamourösen Los Angeles angekommen.

Und Amerika schien ihm verziehen zu haben (bis auf Texas, wo man ihm bis heute vorwirft, besoffen und in Frauenkleidern ans Nationalheiligtum El Alamo gepinkelt zu haben). Ähnlich wie sein Kollege Alice Cooper wurde er jetzt nicht mehr als böser Geist und Verderber der örtlichen Jugend gesehen, sondern vielmehr als eine Art Geisterbahnbetreiber. Für gute Unterhaltung ist Amerika immer zu haben, und Ozzy lieferte seit Jahren zuverlässig. Leider übertrieben beide Parteien ein paar Jahre später den Entertainment-Faktor mit der Reality-Soap „The Osbournes“.

 Ich bin seit fünf Monaten trocken und kann nicht beurteilen, ob die Platte gut oder schlecht ist.

„No More Tears“ ist, anders als die Vorgänger, eine modern produzierte Hardrock-Platte, deren Sound den Schritt in die Neunziger vollzieht, und die von gutem Songmaterial lebt. Bei vier Songs zeichnet zudem Ozzys Landsmann Lemmy Kilmister (Motörhead) als Co-Autor verantwortlich, der kurz vorher nach LA gezogen war. Die Band war eingespielt – obwohl Ozzy zum Durchwechseln seiner Mitmusiker neigte, war das aktuelle Lineup mit Randy Castillo am Schlagzeug und Zakk Wylde an der Gitarre schon durchgängig seit 1988 („No Rest for the Wicked“) dabei.

Ozzy selbst begann mitten in der Produktion einen Alkoholentzug, auch das sicher ein Schritt zu mehr Popularität, bekam dadurch aber Probleme mit seinem Urteilsvermögen: „Ich bin seit fünf Monaten trocken und kann nicht beurteilen, ob die Platte gut oder schlecht ist“, gab er zu Protokoll. Die Fans entschieden für ihn: „No more Tears“ verkaufte sich innerhalb der nächsten zehn Jahre alleine in den USA vier Millionen Mal („Vierfach-Platin“) - die heutigen Zahlen dürften weitaus höher liegen.

30 Songs an einem Tag

Es war wohl keine Absicht, dass am gleichen Tag mit „Use Your Illusion I & II“ eine der einflussreichsten Hard-Rock-Veröffentlichungen überhaupt anstand. Guns N' Roses hatten den Arbeitsaufwand (und ihren Drogenkonsum) falsch eingeschätzt und mussten den Termin für ihr opus magnum mehrmals nach hinten verschieben – Musiker- und Produzentenwechsel inklusive.

Axl Rose und Co. dürfte Ozzys Termin herzlich egal gewesen sein – wer 30 Songs auf einmal raushaut, schaut nicht auf die Konkurrenz. Und tatsächlich sollte sich der Größenwahn zumindest finanziell lohnen: Um Mitternacht am 17. September 1991 startete der Verkauf der beiden Alben – zwei Stunden später war in den USA die erste halbe Million verkauft. Nach einer Woche waren es 1,5 Millionen, bis heute sollen es insgesamt 35 Millionen sein. Der Doppelpack stieg auf Platz 1 und 2 in die US-Charts ein.


Dreck in der Stimme, Whisky im Blut
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Interessant: „II“ verkaufte sich von Anfang an besser als „I“, das mag an dem Dylan-Cover „Knocking on Heaven's Door“ ebenso liegen wie an „You could be mine“, das damals clevererweise der Titelsong des Kinohits „Terminator II“ wurde. „I“ dagegen enthält mit „November Rain“ den „Größenwahn im Größenwahn“ - und steht exemplarisch für Axl Roses Arbeitsweise und die Entwicklung der Band. Seit 1983 soll der Bandboss an diesem Song gearbeitet haben. Geplant waren für „November Rain“ zunächst 25 (!) Minuten Laufzeit, am Ende wurden es neun – genauso wie Rose zunächst vier Alben auf einmal statt nur deren zwei veröffentlichen wollte. Kritiker sagten damals schon: Eins hätte gereicht – und wäre als Jahrhundertalbum in die Geschichte eingegangen.

So steht „Illusion I & II“ hauptsächlich für Gigantomanie in allen Bereichen: Rund sieben Millionen Fans sehen die dazugehörige Tour, die drei Jahre dauert, fast 200 Termine umfasst und diverse Supportbands wie Soundgarden, Metallica, Faith No More, Nine Inch Nails, Skid Row, Smashing Pumpkins und Body Count mit nach oben zieht.

Allerdings: „Use your Illusion“ war auch der Anfang vom Ende, denn danach kam nur noch die merkwürdige Cover-Platte „The Spaghetti Incident“ (1993) und die wieder ewig verschobene „Chinese Democracy“ (2008).


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