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„Local Craft Meets Design“: Nachhaltigkeit, Baby!
Kultur 3 Min. 07.05.2016 Aus unserem online-Archiv

„Local Craft Meets Design“: Nachhaltigkeit, Baby!

Jungdesignerin Lynn Harles arbeitet mit natürlichen Materialien, wie Pilz-Myzelen, Kaffeesatz oder Sägespänen, die sie als Abfall-Produkte von regionalen Schreinereien bezieht.

„Local Craft Meets Design“: Nachhaltigkeit, Baby!

Jungdesignerin Lynn Harles arbeitet mit natürlichen Materialien, wie Pilz-Myzelen, Kaffeesatz oder Sägespänen, die sie als Abfall-Produkte von regionalen Schreinereien bezieht.
Foto: Lynn Harles
Kultur 3 Min. 07.05.2016 Aus unserem online-Archiv

„Local Craft Meets Design“: Nachhaltigkeit, Baby!

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Eine neue Künstlergeneration mischt die Welt des Designs auf. Im Ratskeller des Cercle Cité sind ihre Arbeiten nun zu sehen.

Von Kathrin Schug

Design als schöne Produktgestaltung? Das war einmal. Die Schau „Local Craft Meets Design“ im Cercle Cité offenbart im Rahmen der DesignCity-Biennale „Design Is (Not) Art“, dass Gestaltung längst nicht mehr nur ästhetisches Äußeres bedeutet. Die Gruppenausstellung von zwölf jungen Designern zeigt, wie die neue Generation die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie gewinnbringend in ihre Arbeit integriert.

Für Lynn Harles stand am Anfang ihrer Arbeit ein Schock: Gemeinsam mit einer Expedition machte sie sich auf in die Gewässer des Nordatlantik, um die Verschmutzung der Ozeane durch gigantische Plastik-Teppiche mit eigenen Augen zu sehen. „Ich war entsetzt“, berichtet die Gestalterin, „und mir war klar, dass ich mein Wissen als Designerin einsetzen will, um an dieser Situation etwas zu verändern.“

Sarah Meyers und Laura Fügmann widmen sich einer alten Tradition aus Esch/Sauer: der Tuchweberei.
Sarah Meyers und Laura Fügmann widmen sich einer alten Tradition aus Esch/Sauer: der Tuchweberei.
Foto: Caroline Martin

Mit einer Auswahl ihrer Arbeiten ist sie in der Gruppenausstellung „Local Craft Meets Design“ vertreten, die als erste Schau im Rahmen der DesignCity-Biennale im Cercle Cité eröffnet wurde. In kleinen Petrischalen hat sie Proben der Plastikteile aus dem Atlantik ausgestellt, um Besuchern ihren Ansatz zu verdeutlichen.

Sie arbeitet heute ausschließlich mit natürlichen Materialien, wie Pilz-Myzelen, Kaffeesatz oder Sägespänen, die sie als Abfall-Produkte von regionalen Schreinereien bezieht. Sogar Bakterien spannt sie in ihre Produktlinie ein: In einem speziellen Verfahren stellt sie aus Stoffwechselprodukten der Mikroorganismen ein pergamentähnliches Material her, aus dem sie anschließend ansprechende Lampenschirme produziert. „Ich möchte erreichen, dass nachwachsende Rohstoffe mit der selben Selbstverständlichkeit Einzug in unsere Wohnzimmer halten wie einst Kunststoffe“.

Foto: Charles Baudoin

Lynn Harles' Ansatz ist vielleicht der radikalste und konsequenteste in der Gruppenausstellung. Der Trend zum nachhaltigen, ökologischen Design mit sozialer Verantwortung ist aber das gemeinsame Leitmotiv aller beteiligten Jungdesigner. Ob Lampen aus Styropor oder mit Naturfarben kolorierte Textilien – die Gestaltung denkt hier immer auch die ökologischen Folgen der Herstellung und Nutzung mit.

„Form Follows Function“ war gestern

Während über Jahrzehnte das Design-Diktum der Moderne – „Form Follows Function“ – die Gestaltung von der Seite der Nutzer her dachte, hat in den vergangenen Jahren etwas einst so bieder-ökologisch anmutendes wie Nachhaltigkeit mittlerweile die Ägide übernommen: Im Gegensatz zu rein ästhetischen Design-Ikonen wie dem iPhone spielt die Frage nach den Produktionsbedingungen nun eine zunehmend entscheidende Rolle. Ob Kinderarbeit, globale Transportwege, Dumpinglöhne in Drittweltstaaten oder die verheerende ökologische Bilanz – immer weniger Kunden wollen die Augen vor den Konsequenzen ihrer Konsumentscheidungen verschließen.

Pebble Chairs
Pebble Chairs
Foto: Olaf Recht

Wie eine solche Zusammenarbeit aussehen kann, zeigt vorbildlich die App „Francesco“, die ebenfalls in der Ausstellung präsentiert ist. Das Team um Irina Moons versucht, achtsame Konsumenten und lokale Produzenten in Luxemburg per Handy zusammenzubringen: Ob Ferien auf dem Bauernhof, Direktverkauf und Verköstigungen – die App zeigt Angebote in der Nähe, von denen man sonst wohl nicht erfahren würde. „Wir wollen den persönlichen Kontakt zwischen Herstellern und Verbrauchern wieder herstellen“, erklärt Pit Bingen, „um so auch wieder mehr Wertschätzung für die landwirtschaftlichen Produkte zu erreichen.“

Foto: Isabelle Mattern

Die Ausstellung gibt Zeugnis von der vitalen Kreativität der jungen Designer-Generation, die sich eben nicht damit begnügt, rein ästhetischen Ansprüchen zu folgen. Ihre Gestaltung bietet Wege und Möglichkeiten, den Miseren der Gegenwart mit klugen Ideen zu begegnen.

Eine erfrischende und oftmals überraschende Schau, die auch Generationen zusammenbringt: Bei der Eröffnung konnte man allenthalten ältere und jüngere Besucher trefflich über die Maßgaben von handwerklichem Können und Design diskutieren sehen. Am Ende meist versöhnt in der Erkenntnis: Sie können sich auch gegenseitig beflügeln.
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„Local Craft Meets Design“ noch bis zum 12. Juni im Ratskeller des Cercle Cité, Luxemburg. Täglich von 11 bis 19 Uhr. 

Mehr unter: www.designcity.lu


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