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Literaturnobelpreis geht an Französin Annie Ernaux
Kultur 5 Min. 06.10.2022
Stockholm

Literaturnobelpreis geht an Französin Annie Ernaux

Annie Ernaux fasst Gefühle in Worte, sie schreibt Gedanken treffend, und das mit einer schönen Wut. Die Schriftstellerin bei einer Lesung bei der lit.Cologne.
Stockholm

Literaturnobelpreis geht an Französin Annie Ernaux

Annie Ernaux fasst Gefühle in Worte, sie schreibt Gedanken treffend, und das mit einer schönen Wut. Die Schriftstellerin bei einer Lesung bei der lit.Cologne.
Foto: dpa
Kultur 5 Min. 06.10.2022
Stockholm

Literaturnobelpreis geht an Französin Annie Ernaux

Annie Ernaux fasst Gefühle in Worte, sie schreibt Gedanken treffend, und das mit einer schönen Wut.

(KNA/dpa/mt) – In den vergangenen beiden Jahren hatte die Schwedische Akademie noch zwei eher überraschende Preisträger verkündet. Diesmal geht der Nobelpreis für Literatur an eine Autorin, die viele als Favoritin auf dem Zettel hatten. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux wird mit dem Literaturnobelpreis 2022 ausgezeichnet. 

Dotiert ist der Preis in diesem Jahr mit 10 Millionen Kronen (920.000 Euro). Die 82-jährige Schriftstellerin wird für „den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfernungen und kollektiven Zwänge der persönlichen Erinnerung aufdeckt“, ausgezeichnet, erklärte die Nobeljury in Stockholm.

Annie Ernaux ist die sechzehnte Französin und die siebzehnte Frau, die den Preis der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften erhält. Auf der sogenannten Longlist für den Preis standen in diesem Jahr 233 Kandidaten – welche Namen darunter waren, wurde streng geheim gehalten.   

Die Schriftstellerin hat etwas von Proust. In Gefühlen, Momenten, flüchtigen Augenblicken und der Zusammenführung des Privaten gibt es in ihrem Werk etwas, das irritiert, das an die Oberfläche kommt, das Unbehagen auslöst. Annie Ernaux fasst Gefühle in Worte, sie schreibt Gedanken treffend, und das mit einer schönen Wut. 

Dieser Preis verlangt, Zeugnis abzulegen von einer Form der Richtigkeit, und der Gerechtigkeit.

Annie Ernaux

„Ich betrachte es als eine sehr große Ehre, die mir zuteilwird, und für mich gleichzeitig als eine große Verantwortung, eine Verantwortung, die man mir gibt, indem man mir den Nobelpreis verleiht“, reagierte die Preisträgerin im schwedischen Fernsehen SVT. Sie fügte hinzu: „Das heißt, Zeugnis abzulegen von einer Form der Richtigkeit, der Gerechtigkeit, in Bezug auf die Welt“. 

Geboren 1940 im kleinen Ort Lillebonne in der Normandie, habe Ernaux schon früh mit der vielfältigen Erkundung ihrer Umgebung begonnen, erklärte die Akademie. In ihrem Werk befasse sie sich mit schwierigen Themen wie Scham, illegaler Abtreibung oder der Wahrnehmung von Konventionen. In ihrer Erinnerungsarbeit knüpfe sie an die Tradition Marcel Prousts an und führe diese zugleich in die heutige Zeit.

Für mich ist Wahrheit einfach der Name, der dem gegeben wird, was wir suchen und das sich uns immer wieder entzieht.

Annie Ernaux

„Ethnologin ihrer selbst“  

Ernaux gilt als eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen der Gegenwart.  Sie selbst bezeichnete sich einmal als „Ethnologin ihrer selbst“. Im Laufe der Jahre hat sie ein kohärentes und ehrgeiziges Werk erarbeitet. Vom Roman bis zum autobiografischen Schreiben hat sie die Form ihrer Bücher ständig weiterentwickelt, ohne aufzuhören, denselben Fragen nachzugehen. „Les Années“ erscheint als der Höhepunkt ihres Werks, in „La Honte“ beschreibt sie eine Welt des Scheins, die vielen Facetten der Heuchelei zeigt, Atmosphären, die von Reue geprägt und von Bigotterie durchtränkt sind.  

Foto: AFP

In diesem Jahr stellte Annie Ernaux zudem bei den Filmfestspielen von Cannes ihre autobiografische Dokumentation „The Super 8 Years“ vor.  

Im vergangenen Jahr war der Literaturnobelpreis an den bis dahin eher unbekannten tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah gegangen. Er wurde „für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten“ geehrt. Im Jahr davor hatte die amerikanische Dichterin Louise Glück den Nobelpreis erhalten - auch sie galt vorab nicht als eine der zahlreichen Favoritinnen und Favoriten. Ganz anders nun Ernaux: Die Französin wurde vor der Preisbekanntgabe von mehreren Literaturexperten zum engen Favoritenkreis gezählt. 

Der Literaturnobelpreis wird seit 1901 alljährlich in Stockholm vergeben, die Geehrten der vergangenen 20 Jahre im Überblick:

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