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Liebe und andere defekte Beziehungen
Kultur 1 2 Min. 06.10.2018

Liebe und andere defekte Beziehungen

Katharina Thalbach (r.) spielt in Sandstern Anna, die sich liebevoll um Oktay kümmert.

Liebe und andere defekte Beziehungen

Katharina Thalbach (r.) spielt in Sandstern Anna, die sich liebevoll um Oktay kümmert.
Foto: Tarantula
Kultur 1 2 Min. 06.10.2018

Liebe und andere defekte Beziehungen

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Zwölf Jahre hat Yilmaz Arslan keinen eigenen Film mehr veröffentlicht. Mit Sandstern erzählt der einst mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnete Regisseur zudem auch als Drehbuchautor die tragikomische Geschichte eines jungen Einwanderers und der Suche nach dem Glück.

Die Darbuka ist eine der Konstanten. Der Klang der Bechertrommel, die Oktay (Roland Kagan Sommer) aus seiner türkischen Heimat nach Deutschland mitnimmt, stützt ihn, hilft ihm, den steinigen Weg zu gehen, den er gehen muss.

Der Sommer 1980 markiert für den Zwölfjährigen den Neuanfang in einem völlig neuen kulturellen Kontext, ab dem der Zuschauer ihn begleiten darf. Er kommt nach Deutschland, die Großmutter, bei der er in der Türkei aufgewachsen ist, kann sich nicht mehr ihn kümmern. Den Eltern, die zum Arbeiten schon Jahre zuvor ausgewandert sind, hat sich der Junge entfremdet.

Und schnell wird klar, dass seine Erzeuger ihm nicht das Heim bieten können, das er sich vielleicht erhofft hat. Im Gegenteil: Nicht nur, dass seine Eltern ihn in seinen Problemen nicht verstehen können. Sie entfernen sich voneinander, was den Jungen kaum eine engere Bindung schaffen lässt. Der Vater lässt seiner hübschen Frau Drogen und Partys mit andern Männern durchgehen – die Trennung steht längst im Raum. Dann die Ankunft in der Schule, ein System, das nicht zur echten Integration und Förderung fähig scheint.

Doch es gibt für ihn Halt: Beziehungen und das, was als Erinnerung von ihnen übrig bleibt.

Beziehungen, wie die zur Nachbarin Anna (Katharina Thalbach), die ihn nach einem rassistischen Angriff von Mitschülern schützt und ihm letztlich hilft, sich nach und nach nicht nur an die deutsche Sprache zu gewöhnen, sondern auch mit ihren Lebensweisheiten beiseite steht. Doch wie auch seine später ihm begegnenden menschlichen Ankerpunkte sind diese Beziehungen defekt, nie ganz rund und auf Dauer tragend.

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Der Regisseur wirft seinen Helden in immer neue Herausforderungen zwischen pubertärem Heranwachsen und Identitätssuche, lässt ihn an seiner sich herausschälenden Krankheit fast scheitern und in brechenden Rahmenbedingungen verzweifeln. Symbolisch bleiben dem Jungen nur seine Erinnerungen und ein paar Objekte wie das Bild aus Annas Wohnung, das von seiner Mutter gefertigte Armbändchen oder eben das Darbuka-Spiel.

Zudem führt er neben diesen Szenen aus der Jugend Oktays Blenden zum erwachsenen Mann ein, der er geworden ist. Der, gespielt von Erdal Yildiz, erzählt aus dem Off das skurrile und surreal-orientalische Märchen eines Beduinen, der einem Stern folgt. Ein filmischer Rahmen, wie sich schließlich herausstellt.

Menschlichkeit und ihre Widerstände

Der Trailer zu dem, von der ganzen Crew intensiv gespielten Film wirft Motivlinien bzw. Themen auf, die zumindest beim ersten Anschauen nicht unbedingt direkt im Kopf so durchbringen, weil eher die Einzelszenen wirken: „die große Sehnsucht nach Freiheit“, „der Reiz des Verbotenen“ und „die Lehre vom Loslassen“.

Das trifft nur bedingt den Bogen, den Arslan spinnt. Ein Freiheitsdrang seines Portagonisten ist so nicht zu spüren, vielmehr die Sehnsucht nach Menschlichkeit trotz aller Widerstände, das Weitergehen nach dem Scheitern und die stille Hoffnung, dass von dem, was wir zurücklassen müssen, lernen und stärker werden.

Wer den Lebenslauf von Arslan durchliest, könnte den Eindruck gewinnen, dass der Regisseur, Produzent und Drehbuchautor, der seinen Film zusammen mit der Luxemburger Firma Tarantula und ihrem belgischen Ableger produziert hat, aus den eigenen Lebenserfahrungen schöpft und filmisch aufarbeitet. Schließlich musste auch er erst einmal in Deutschland an- und zurechtkommen, wuchs in einem Internat für körperlich eingeschränkte Kinder auf.

Das klingt insgesamt sehr melancholisch, aber eben gerade das Komische bei aller Tragik setzt sich durch. So ist Sandstern letztlich ein ruhig erzählter, tiefer Film, dessen besonderer Humor und seine Wärme überzeugen.