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Leonard Bernstein zum 100.
Kultur 2 3 Min. 25.08.2018 Aus unserem online-Archiv

Leonard Bernstein zum 100.

04.04.1990, Bayern, Waldassen: Leonard Bernstein dirigiert in der Basilika von Waldsassen während eines Konzertes.

Leonard Bernstein zum 100.

04.04.1990, Bayern, Waldassen: Leonard Bernstein dirigiert in der Basilika von Waldsassen während eines Konzertes.
Foto: Claus Felix/dpa
Kultur 2 3 Min. 25.08.2018 Aus unserem online-Archiv

Leonard Bernstein zum 100.

Universalgenie – dieser Begriff fällt regelmäßig, wenn von Leonard Bernstein die Rede ist. Heute wäre der Dirigent, Pianist, Komponist und Musikpädagoge 100 Jahre alt geworden.

(kna) - Nein, Leonard Bernstein war kein Mann der halben Sachen. Von früher Jugend an brannte er für die Musik. In aller Welt brillierte er als Dirigent, ab und an auch als Pianist. Er zog reihenweise Schüler heran und gewann mit seinen „Young Peoples' Concerts“ Generationen junger Leute für die klassische Musik. Und dann komponierte er auch noch: Opern und Musicals, Sinfonien und Kammermusik, Klavierstücke, Lieder und Chorwerke.

Privat schränkte sich Bernstein ebenfalls nicht ein. Sein Zigarettenkonsum war so legendär wie seine Liebe zum Whisky. Auch mit der ehelichen Treue nahm es der bisexuelle Musiker nicht genau. Vor 100 Jahren, am 25. August 1918, wurde er als Sohn jüdisch-ukrainischer Einwanderer in Lawrence, Massachusetts, geboren. Dass er Raubbau mit seiner Gesundheit trieb, war ihm wohl bewusst. „Als ich Mitte 20 war, wurde bei mir ein Lungenemphysem diagnostiziert. Mit 35 würde ich tot sein, hieß es. Dann haben sie gesagt, ich würde mit 45 sterben. Dann mit 55. Doch ich kriege das schon hin“, sagte Bernstein 1986 in einem Interview. Da war er 68 – und hatte noch vier Jahre zu leben.

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So leidenschaftlich er in der Öffentlichkeit stets wirkte – hinter der extrovertierten Persönlichkeit verbarg sich ein zerrissener Mensch. „Es war seine Tragödie, dass er, gerade weil er mit so vielen Talenten gesegnet war, immer einen Teil seines Selbst zugunsten eines anderen Teils vernachlässigen musste“, schreibt sein Biograf Humphrey Burton. Auch litt Bernstein darunter, dass seine „seriösen“ Kompositionen weit weniger Erfolg hatten als seine Musicals. Seine Karriere begann am 14. November 1943 in der Carnegie Hall mit einem Einspringen bei den New Yorker Philharmonikern.

Der legendäre Dirigent Bruno Walter sagte ab, der 25-jährige Assistent übernahm das Konzert ohne jede Probe: „A star was born“. Auch in Europa verbreitete sich der Ruf des jungen Amerikaners. 1946 bereits gastierte er in Prag und London, 1948 war er der erste amerikanische Dirigent, der im Nachkriegsdeutschland auftrat. 1948 debütierte er in Wien, 1953 an der Mailänder Scala – auf der Bühne stand Maria Callas. Parallel dazu machte er als Komponist auf sich aufmerksam: 1944 kam sein Musical „On the Town“ heraus, 1956 „Candide“, 1957 schließlich die legendäre „West Side Story“.

Ein Lehrmeister mit Hang zu außerehelichen Eskapaden

Und Bernstein lehrte: An der Uni, vor allem aber im Fernsehen, das er früh als Mittel zur Volksbildung erkannte. Legendär wurden seine „Young Peoples' Concerts“ auf CBS, bei denen er Jugendlichen auf seine unnachahmlich charmante Art Werke der klassischen Musik erklärte. Bernsteins Dirigierrepertoire kannte kaum Grenzen: Von Klassikern wie Bach, Mozart und Schumann bis zu Opern von Verdi und Wagner und Werken des 20. Jahrhunderts.

Mai 1977, Frankreich, Paris: Leonard Bernstein wollte auf seine Zigarette nicht verzichten.
Mai 1977, Frankreich, Paris: Leonard Bernstein wollte auf seine Zigarette nicht verzichten.
Foto: Horst Ossinger/dpa

Eine besondere Liebe verband ihn mit der Musik Gustav Mahlers, die er wieder fest im Konzertbetrieb verankerte. Legendär ist sein Auftritt im Ostberliner Schauspielhaus Weihnachten 1989 mit Beethovens9. Sinfonie. Als Hommage an den Mauerfall ließ er „Freiheit“ statt „Freude, schöner Götterfunken“ singen. Eine wichtige Rolle in Bernsteins Schaffen spielte der jüdische Glaube seiner Familie. So trägt seine dritte Sinfonie den Titel „Kaddish“, und die hebräischen „Chichester-Psalms“ gehören neben den Musicals zu seinen meistgespielten Werken. In den späten 1970er-Jahren durchlebte Bernstein eine schwere Krise.

Als er 1976 immer mehr Zeit mit einem Schüler verbrachte, setzte ihm seine Frau – obwohl längst leidgeprüft – ein Ultimatum: entweder er oder ich. Bernstein entschied sich für den Freund. Just da erkrankte seine Frau an Krebs. Reumütig kehrte Bernstein zurück und pflegte sie bis zu ihrem Tod 1978. Seitdem beschäftigte ihn die Frage, ob die Trennung den Ausbruch der Krankheit begünstigt hatte. Seinen Kindern freilich sind solche Vorwürfe fremd. „Es war manchmal schmerzhaft für uns“, sagte Tochter Jame mit Blick auf Bernsteins außereheliche homosexuelle Eskapaden. Zerstört aber habe er die Familie nicht: „Unsere Familie hatte eine ehrliche Nähe und Wärme. Die war so stark, dass wir einander eng verbunden blieben.“

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