Wählen Sie Ihre Nachrichten​

"Lenz" im TNL: Ungeschönte Zeitdiagnose
Intensiv und reduziert auf Büchners Text und den Hauptdarsteller: Luc Feit spielt Lenz.

"Lenz" im TNL: Ungeschönte Zeitdiagnose

Foto: Bohumil Kosthoryz
Intensiv und reduziert auf Büchners Text und den Hauptdarsteller: Luc Feit spielt Lenz.
Kultur 3 Min. 12.11.2017

"Lenz" im TNL: Ungeschönte Zeitdiagnose

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Erfolg für das Duo Feit/Feitler: Der Erzähltext über die Seelenkrankheit des Dramatikers Jakob Michael Reinhold Lenz ist im TNL zum Ereignis geworden.

Von Christian Reidenbach

Wer zuletzt Andrea Breths gefeierte Stuttgarter Inszenierung der Rihm-Kammeroper Jakob Lenz erleben konnte, der sah hier Büchners Charakterbild von 1838 ins Pathetische gewendet: Ein kolossales Bühnenbild türmte die Felsformationen des Gebirges direkt in Lenz’ beschauliche Lebenswelt und in seinen Kopf; der gequälte Mensch wurde da – in Anlehnung an Jean Paul – zum toten Christus am Kreuz, der den nihilistischen Abgesang auf die Welt mit der Größe seiner Geste erwiderte. Sein Wahnsinn wurde dem Zuschauer in allen Schattierungen und vor allem in verstörenden Klängen nahegebracht.

Einen ganz anderen Weg wählt Frank Feitlers Luxemburger Bühnenfassung, die am Freitagabend im ausverkauften TNL Premiere feierte: Sie vertraut ganz auf das Wort, auf den klaren Gedanken und die minimalistische Andeutung. Und siehe da, das Pathologische der Büchner’schen Figur wird hier kristallin, wird zum nüchternen Befund, verzeichnet mit der zitternden Nadel des Seismografen. Ihre filigranen, aber umso heftigeren Ausschläge entsprechen Lenz’ wechselhaften Gedankengängen bzw. seinem Herumirren in einer Welt, die eine leere Bühne, die ein finsterer Abgrund ist. Büchner versteht seinen Protagonisten als Verstärker; den Realismus seines gesellschaftlichen Mikroklimas schildert er mit sprachlichem Donnerhall.

Lenz (Luc Feit)
Lenz (Luc Feit)
Bohumil Kosthoryz

Eine Welt in Scherben 

Zu Anfang nichts als Schritte. Nervös, unrhythmisch, irrend. Warten in der Dunkelheit. Dann steht er da, Lenz, der Rastlose, rot besockt, aber vom Schicksal um die Zuversicht gebracht, mit Erfolg gegen seine Ängste aufbegehren zu können. Lenz, der Sturm-und-Drang-Dramatiker, der durchs verschneite Gebirge irrt und im Haus des Waldbacher Pfarrers Oberlin vorübergehend ein Obdach findet, Lenz, dessen Angst- und Glücksvisionen mit Momenten gesteigerter Klarsicht abwechseln, Lenz, der im Wahn glaubt, die Geliebte umgebracht zu haben und dessen eigener Selbstmord scheitert, dieser Lenz wird in einer Welt, die in Stücke zersprungen ist, keinen Halt und keinen Ort der Ruhe mehr finden. Luc Feit ist dieser Lenz.

Ein intellektueller Nervenspieler, dessen innere Hochspannung keine schauspielerische Kraftmeierei braucht, um intensiv zu sein. Mit den Worten baut er Szenen und Landschaften, duftig-zarte, filigrane Sinngebilde über dem nihilistischen Abgrund.

Brillanter Hauptdarsteller

Hochkonzentriert folgt ihm das Publikum bis in die kleinsten Details. Dass ihm die Textvorlage dabei die Distanz der dritten Person abverlangt, ermöglicht Feit Wechsel von der unmittelbaren Figurenrede in den Ton des Chronisten oder des erzählenden Unterhalters, vom wohltuenden Abstand in die radikale Intensität. Sieben Eimer voller Eisscherben bilden seine einzigen Requisiten, markieren Raumgrenzen und bieten den überhitzten Nerven willkommene Abkühlung.

Abrupte Szenenwechsel vom Gebirge ins Pfarrhaus, in sein Quartier im Schulhaus, in eine Hütte im Nachbarort malen sich allein auf dem von innen her verlöschenden oder aufleuchtenden Gesicht des Schauspielers ab. Dank Feitlers subtiler Regie entfaltet sich hier eine Monologkunst in höchster Vollendung; Stille ist bei ihr nicht nur Thema des Textes, sondern wird auch zum integralen Bestandteil der Inszenierung.

Lenz (Luc Feit)
Lenz (Luc Feit)
Bohumil Kosthoryz

Spiel am Abgrund der Moderne 

Wenn Lenz im Zentrum des Monologs eine Tirade gegen den Idealismus anschlägt, dann wird er zugleich dem jungen Büchner zum Sprachrohr, der hier die Literatur auf eine ungeschönte Zeitdiagnose verpflichtet. So liefert sein Text zugleich die Pathologie einer Moderne, deren Gott tot, deren christlicher Glaube nur noch als schlechtes Gewissen präsent ist. Lenz’ Ängste sind die Ängste des säkularisierten und auf sich allein geworfenen Menschen schlechthin.

Dank Luc Feits virtuosem Spiel klingen sie erstaunlich aktuell, gerade auch im Hinblick auf eine Gegenwart, in der Lebenssinn sich auf Selbstverwirklichung beschränkt und notwendig auf immer stärkere Individualisierung der Lebens- und Sinnentwürfe hinausläuft, während die großen Erzählungen ausbleiben. Ungerührt lässt das keinen. Großer Jubel im Publikum für Darsteller und Regieteam. 

______
Weitere Vorstellungen am 16. und 17. November, jeweils 20 Uhr im Théâtre National du Luxembourg, Karten (20 Euro) unter Tel. 47 08 95-1 oder 

www.tnl.lu