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Leitartikel: Stars und Sternchen
Leitartikel Kultur 2 Min. 09.02.2017

Leitartikel: Stars und Sternchen

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Die Filmindustrie ist ein Lehrbeispiel: Nur wer in Kultur investiert, kassiert Dividenden.

Heute Abend gibt die Weltpremiere von „Django“ den Startschuss zu den 67. Filmfestspielen Berlin. Auch für Luxemburg eine besondere Ausgabe, denn das Großherzogtum ist mit drei Produktionen dort vertreten. Darunter „Barrage“ von Laura Schroeder, der erste Beitrag eines Luxemburger Filmemachers, der es in die offizielle Auswahl geschafft hat. Allein dies ist schon eine reife Leistung, bei über 7 400 eingereichten Filmen zu den 399 Auserwählten zu zählen – vor allem, wenn man sich für diesen Platz im Scheinwerferlicht der Berlinale auch noch mit der ganzen Welt messen musste. Die oscarnominierte Isabelle Huppert als eine der Hauptdarstellerinnen ist da die krönende Kirsche auf dem Kuchen.

Dass Luxemburg diese Früchte nunmehr ernten kann, ist das Resultat einer langjährigen, konsequent gedachten und entschlossen durchgeführten Förderungspolitik. Seit der Gründung, 1990, des hierfür zuständigen Film Fund und seiner Restrukturierung neun Jahre später sind die von ihm vergebenen Subventionen von 1 613 919 Euro (1999) auf 35 740 235 Euro im Jahr 2015 angewachsen. Eine beträchtliche Summe, die sich jedoch in noch aussagekräftigere Zahlen zerlegen lässt.

Vor knapp dreieinhalb Jahrzehnten beschränkte sich die Filmkunst in Luxemburg auf eine Handvoll lokaler Begeisterter, die zwar mit Herzblut, doch ohne wirkliche technische und finanzielle Mittel ihrer Leidenschaft frönten; auf dem internationalen Filmparkett war das Land inexistent. Heute sind 24 Produktionsfirmen, zwei auf Virtual- und Augmented Reality spezialisierte sowie acht Animations-Studios, zehn Ton- und Postproduktionsunternehmen und acht im Filmbereich tätige Firmen ebenso begehrte wie regelmäßige Anlaufstellen für ausländische Partner aus aller Welt. Gleich drei filmorientierte BTS-Lehrgänge werden am Lycée des arts et métiers in Luxemburg und dem Lycée classique in Diekirch angeboten. Moderne Studios stehen im Kehlener Filmland zur Verfügung; in Düdelingen wird ein ähnliches Projekt in Erwägung gezogen. Nicht nur eine Menge Arbeitsplätze hängen am Film-Sektor, er eröffnet auch neue wirtschaftliche, kulturelle und somit gesellschaftliche Perspektiven.

In der Kultur gilt, genau wie in der Wirtschaft: Nur wer investiert, kassiert auch Dividenden. Dabei geht es hier um weitaus mehr als nur Geld, nämlich die Dinge, die laut einer bekannten Kreditkartenwerbung in die Kategorie „unbezahlbar“ fallen: nach außen das so dringend gewünschte „Nation (re)branding“, nach innen eine Diversifizierung der wirtschaftlichen Aktivitäten, der Aufbau eines Knowhows und letztlich auch – durch die Entwicklung der lokalen Kulturszene – eine Stärkung der nationalen Identität und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dafür brauchte es aber eine politische Vision, die sich in die Zukunft zu projizieren vermag, die eine dementsprechend langfristige Planung und deren konsequente Umsetzung unter einen Hut bringen kann.

Die Entwicklung der Luxemburger Filmindustrie ist das erfolgreichste Lehrbeispiel dafür, dass wenn Kultur nicht mehr als verzichtbare Freizeitaktivität am Rande sporadisch zur Kenntnis genommen, sondern (pro-)aktiv unterstützt wird, sich auch ein dementsprechender Erfolg einstellt. Das alltägliche Engagement der auf dem Terrain tätigen Kulturschaffenden kann nämlich nur kurzfristig das Fehlen einer stringenten Kulturpolitik und den notwendigen politischen Impetus kompensieren. Während die Wirtschaft mit ihrem Space Mining-Projekt gewagt nach den Sternen greift, kommen hier unten auf der Erde die Stars nämlich – fast schon – von selbst.

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