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"Kursk": die Wut im Bauch
Kultur 1 3 Min. 10.11.2018 Aus unserem online-Archiv

"Kursk": die Wut im Bauch

Vinterberg erzählt in seinem Drama vom tragischen Zwischenfall mit dem russischen U-Boot K-141 aus dem Jahr 2000 – und lässt in der Gestalt des Sohnes eines Mannschaftsmitglieds die Zukunft über die Vergangenheit richten.

"Kursk": die Wut im Bauch

Vinterberg erzählt in seinem Drama vom tragischen Zwischenfall mit dem russischen U-Boot K-141 aus dem Jahr 2000 – und lässt in der Gestalt des Sohnes eines Mannschaftsmitglieds die Zukunft über die Vergangenheit richten.
Foto: Belga Prod.
Kultur 1 3 Min. 10.11.2018 Aus unserem online-Archiv

"Kursk": die Wut im Bauch

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Die besten Geschichten schreibt das Leben. Trotzdem bedarf es eines Filmemachers von Format, um sie auch entsprechend fesselnd zu erzählen. In Thomas Vinterbergs „Kursk“ kommt beides zusammen und der Zuschauer erlebt eine dramatische, wahre Begebenheit buchstäblich am eigenen Leib.

Es ist ein Gefühl, als ersticke man selbst langsam, qualvoll: So körperlich beklemmend fühlt sich der Zuschauer streckenweise bei der Gefühlsachterbahn, die ihn in „Kursk“ aus den Tiefen der Aussichtslosigkeit hin zu Höhenflügen der Wut führt. Das richtige Drama spielt sich dabei nicht allein auf der Leinwand ab. Es findet seinen Widerhall auch überaus wirkungsvoll wohl (wieder?) in der Historie eines jeden Zuschauers: Dass der Hochmut einer Hierarchiespitze am Ende der Befehlskette mit dem Blut des Fußvolks bezahlt wird, ist heutzutage – real, ebenso wie im übertragenen Sinn – leider immer öfter traurige Realität. Dass dennoch niemand sich – sei es aus Angst oder, schlimmer noch, Bequemlichkeit – mit dieser Entwicklung arrangieren sollte, ist denn auch die zentrale Botschaft von Thomas Vinterbergs Film, der zudem menschlichen Zusammenhalt, beziehungsweise Kooperation, als Ausweg aus diesem Kurs in eine gesellschaftliche Sackgasse aufweist.

Die Geschichte, die ihm hierfür als Vorwand dient, verbindet einen geradezu mathematisch stringent geführten Beweis mit großen Gefühlen. Und sie beruht auf einer wahren Begebenheit: Nach einer Explosion an Bord läuft im Jahr 2000 das russische Atom-U-Boot K-141 auf Grund der Barentssee. Statt auf das internationale Hilfsangebot zurückzugreifen, versucht die russische Marine die Überlebenden der Kursk im Alleingang zu retten – und scheitert kläglich. Am Ende sind auf 108 Metern Tiefe 118, nicht alle dem Unfall geschuldete, Tote zu beklagen.

Sauber, doch des Guten zu viel

Die Vorlage für Vinterbergs Film liefert dabei das 2002 erschienene Buch des Journalisten und früheren ITN-Moskau-Korrespondenten Robert Moore, „A Time to Die“. Nun stellt diese Art bekannten Stoffs grundsätzlich eine konkrete Frage vorab: Kann man eine Geschichte überhaupt spannend inszenieren, wenn der Zuschauer schon von Beginn an ihren Ausgang kennt? Die Antwort darauf ist ein klares Ja, wie zuletzt auch 2016 Clint Eastwood mit seinem „Sully“ bewies. Viel spannender ist an dieser Stelle also die Frage, wie man dies nun bewerkstelligt. Und auch hier scheint die Antwort recht simpel: Indem man den Zuschauer genau dort trifft wo es wehtut – mitten ins Herz.

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Drehbuchautor Robert Rodat (u. a. „Saving Private Ryan“) baut seinen Spannungsbogen dichotomisch in den genau deshalb letztlich nicht ganz stichhaltigen Gegensatz zwischen eiskalter Hierarchie und empathischer Kameraderie auf und erzählt parallel von den im Wrack gefangenen Männern und ihren verzweifelten, an Land von deren Befehlshabern alleingelassenen Frauen – verkörpert durch das Ehepaar Mikhail Averinim (Matthias Schoenaerts) und seine schwangere Frau Tanya (Léa Seydoux).

Dass der dänische Regisseur Thomas Vinterberg, Jahrgang 1969, mit Landsmann Lars von Trier, Begründer der Dogma 95-Bewegung, Geschichten in Bildern erzählen kann, weiß man bereits seit seinem „Festen“ (1998 Jurypreis beim Filmfestival von Cannes). So überrascht er hier, abgesehen von einer interessanten Filmformat-Änderung, die dem Zuschauer fast nicht auffällt, nicht wirklich durch besondere Einfälle, ja macht er es sich manchmal (z. B. mit der Anfang/Ende-Schleife in der Kirche) zu einfach, doch liefert sauberes Handwerk, das den Zuschauer gekonnt auf den emotionsgeladenen Weg von Verzweiflung bis hin zur Wut führt und so den Keim der Revolte gegen derartige Ungerechtigkeit und zugleich für mehr Mitgefühl sät.

Den moralischen Zeigefinger lässt Vinterberg dabei die (zum Glück!) gut dosiert eingesetzte Figur des Sohnes der Averinims verkörpern. Er verdeutlicht, dass alle Entscheidungen und ihre Folgen eines Tages von der Zukunft, sprich kommenden Generationen, gerichtet werden. Wenngleich der Film mit Schoenaerts und Seydoux in den Hauptrollen sowie Colin Firth, Max von Sydow, August Diehl oder Matthias Schweighöfer in Nebenrollen hochkarätig besetzt ist, schadet ihm die Wahl der (bei manchen recht holprigen) englischen Sprache als kleinster gemeinsamer Nenner. Ein Rätsel im Fall „Kursk“, das Kooperation demnach nicht nur predigt sondern anschaulich praktiziert, bleibt dabei ungelöst: Scheinbar ist mit Via Est ein in Luxemburg ansässiger Koproduzent hier am Werk – nur, dass niemand, selbst beim hiesigen Film Fund, je von diesem gehört hat.