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Kunst am Kap des kalten Entsetzens
Kultur 4 3 6 Min. 07.08.2019

Kunst am Kap des kalten Entsetzens

Für die Reihe „Gefühlswelten“ macht Schauspieler Marco Lorenzini sein Gesicht auch zur Landschaft von Angst.

Kunst am Kap des kalten Entsetzens

Für die Reihe „Gefühlswelten“ macht Schauspieler Marco Lorenzini sein Gesicht auch zur Landschaft von Angst.
Foto: Chris Karaba
Kultur 4 3 6 Min. 07.08.2019

Kunst am Kap des kalten Entsetzens

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
Eines der intensivsten Gefühle überhaupt ist die Angst: Warum wir sie brauchen, wann wir auf sie pfeifen und wie Hitchcock, The Cure und Johann Heinrich Füssli sie zum Kunstwerk erheben. Nach der Lust Teil 2 der Fokusreihe „Gefühlswelten”.

Blut? Ja, reichlich. Schreie? Klar, und bitte schön schrill. Abgetrennte Gliedmaßen? Natürlich, immer rein damit. 

Wer daheim den Rollladen runterlässt und einen Horrorfilm anwählt, will nichts anderes als sich richtig schön gruseln. Will sich erwartungsfroh erschrecken, um sich danach bei angeschaltetem Licht pfeifend ins Schlafzimmer zu tasten.

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Der liebende Familienvater, der durchdreht und Frau und Sohn mit einer Axt zerhacken will oder das unscheinbare Muttersöhnchen, das die Blondine mit dem Messer unter der Hoteldusche abschlachtet: Filmfans streiten immer wieder gern aufs Neue, welcher Horrorfilm ihnen den größten Schauder einjagt. 

Sei es nun „The Shining“ oder „Psycho“, oder gleich ein Slasherfilm um Freddy Krueger, sabbernde Zombies, besessene Geisterkinder oder mutierte Alligatoren – bei Gruselstreifen ist es offensichtlich: Das Grauen zieht uns auch an.

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Aber wo verläuft die Grenze zwischen wohliger Angst, bei der sich ein Hugo schlürfen und seelenruhig nach der geschmolzenen Schokolade suchen lässt, die eben – parallel zum Kunstblut auf der Mattscheibe – auf die Couch getropft ist, und dem panischen Schrecken, der uns nachts an einem einsamen Bahnhof mit überreizten Sinnen und angespannten Muskeln ins Dunkel starren lässt?

Körperinternes Doping

Furcht ist mal wieder einer jener Fälle, in denen es die Evolution besser weiß. Dieses intensive Gefühl ist überlebenswichtig. Es ist dazu da, um uns in Gefahrensituationen wachsamer zu machen. Denn dann schütten die Nebennieren die Hormone Adrenalin und Noradrenalin aus, das Herz schlägt schneller und das Blut bindet mehr Sauerstoff – in ihrer Warnfunktion kann Furcht lebensrettend sein und Menschen zu körperlichen Leistungen antreiben, zu denen sie unter Normalbedingungen kaum fähig wären. Körperinternes Doping quasi. 


Kultur,  Marco Lorenzini, Lust, foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
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Die neue Fokus-Reihe „Gefühlswelten” startet mit der Lust: Begehren trägt Genuss und Erwartung, aber auch Bedrohung und Sünde in sich. Wie sich Lust auf dem Gesicht von Marco Lorenzini lesen lässt.

Wobei die Psychologie zwischen Angst und Furcht unterscheidet: Während Furcht in einer konkreten Situation von einer äußeren Gefahr ausgelöst wird, ist Angst ein diffuseres Gefühl, in das sich Neugierde, Wut, Kummer und Scham mischen können. 

Das Wort Angst stammt vom griechischen Verb „agchein“ (drosseln, würgen) und dem lateinischen Nomen „angor“ (Beklemmung, Enge) ab.

Beware; for I am fearless, and therefore powerful.
,Frankenstein', Mary Shelley  

Was dazu führt, dass die Kehle zuschnürt, sind universelle Schreckensbilder wie Tod, Einsamkeit, Verlust, Schmerzen, Krankheit oder Identitätsauflösung. Wohl darum wissend, griffen talentierte Meister des zeitlosen Erschauderns wie Edgar Allen Poe, Mary Shelley, Alfred Hitchcock, George A. Romero oder Stephen King diese dunklen Motive immer wieder erfolgreich auf. Denn unsere eigenen Ängste können uns nicht nur grausen.

Jahrhundertealte Panikattacke grüßt täglich auf WhatsApp

Zu den gemalten Meisterwerken des Grusels schlechthin gehört ein Gemälde ganz unbestreitbar. Es ist der Inbegriff einer auf Leinwand gebannten tiefen Verzweiflung. Mit „Der Schrei“ brannte Edvard Munch (1863-1944) ein fürchterliches Erlebnis in die Kunstgeschichte ein, das er im Januar 1892 bei einem Spaziergang am Oslofjord durchmachte. 

Der norwegische Maler erlitt dort eine Panikattacke, die er in weiteren, mehr oder weniger abgewandelten Versionen immer wieder zu verarbeiten suchte. Das schreiende Totenkopfgesicht im schwarzen Gewand, über dem sich am Himmel blutrote Wolken zusammenziehen, wurde als erstes Werk des Expressionismus gefeiert.


 Ein Manipulationsfehler, der in die Filmgeschichte einging: Während ihres Abschiedsmonologs zoomt Heather Donahue zu sehr auf sich, der Effekt steigerte die gruselige Wirkkraft des Moments um ein Vielfaches, war aber an sich nur eine Fehleinstellung.
Blair Witch Project: Meilenstein des Grauens
Wie „The Blair Witch Project“ vor 20 Jahren ein Filmgenre schuf, das seitdem eine Spur der Angst hinterlassen hat.

Das Gemälde inspirierte viele Künstler und fand 1984 Eingang in die Popkultur, als Andy Warhol eine Reihe von Siebdrucken auf Grundlage einer Lithografie von Munch anfertigte. Mittlerweile wird Munchs Panikattacke sogar täglich tausendfach und abertausendmal über den weltweiten Äther geschickt – als gelb-blaues Emoji spukt es im WhatsApp-Kosmos der digitalen Gefühle umher.

Weniger bekannt, aber nicht minder gruselig ist ein früher Spiderman, den der französische Symbolist Odilon Redon (1840-1916) schuf: Die Lithografie „L'araignée, elle sourit, les yeux levés“ zeigt eine rabenschwarze, behaarte Spinne, deren breites Grinsen eine feine Reihe kleiner Zähne entblößt. Da andere Figuren als Vergleichsobjekte auf dem Kunstwerk fehlen, mutiert der Achtbeiner in der Fantasie des Betrachters zum Monster. Science-Fiction-Regisseur Jack Arnold und seine Riesenspinne „Tarantula!“, die 1955 die Zuschauer in den Kinos schockte, lassen grüßen.

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Aber eine fies grinsende Spinne kennen Arachnophobiker und Anhänger dunkler Popsongs auch von Youtube oder sogar noch von MTV. Kaum eine Hitsingle des Jahres 1989 ist so gruselig wie „Lullaby“, eines der erfolgreichsten Dark-Wave-Meisterwerke der britischen Band The Cure. Im Song und im Videoclip wird Sänger Robert Smith, stilecht mit wild toupiertem Haar und geschminktem Gesicht, von einer Riesenspinne, die er selbst spielt, verzehrt. Smith singt sein Leid davon, wie ihn die Kreatur lachend umschließt und mit unzähligen haarigen Mündern verspeist: „(…) I realize with fright / That the Spiderman is having me for dinner tonight / Quietly he laughs and shaking his head / (…) / His arms are all around me and his tongue in my eyes / (…) And I feel like I'm being eaten / By a thousand million shivering furry holes / And I know that in the morning I will wake up / In the shivering cold.“

Der Song erzeugt mit seiner plastischen Beschreibung und dem düsteren Fazit, Spiderman sei immer hungrig, eine beklemmende Atmosphäre. Je nach Lesart beschreibt der Song metaphorisch das schwere Ringen mit einer Drogensucht oder die Erkrankung an einer Depression.


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Für mehr als nur ein subtiles Unwohlsein sorgt hingegen der klassizistische Maler Francisco Goya (1746-1828). Sein Werk „Saturn verschlingt eines seiner Kinder“ jagt dem Betrachter postwendend einen Schock ein. Der Blick fällt auf einen leblosen, kleinen Körper, in dessen Fleisch sich die Hände von Saturn krallen. Schließlich erblickt man die großen, gierigen und gnadenlos starrenden Augen des römischen Gottes, während dieser den Mund aufreißt, um – nach dem Kopf seines Sohnes – an dessen Arm weiterzufressen. Das Ölgemälde ist eines der 14 „Pinturas Negras“, die der Spanier ab 1820 malte. Es spart an Blut erinnernde Rottöne nicht aus und wird als Goyas Antwort auf den Schrecken und die Brutalität der napoleonischen Kriege gesehen.

Doch die vermeintlich starren Grenzen zwischen Angst und Lust an der Angst, die Goya klar einhielt, waren da schon eingerissen. Goyas Zeitgenosse Johann Heinrich Füssli (1741-1825) verband in einem seiner Werke Grusel und Lust. Füssli bereicherte damals in England die Gothic-Bewegung, indem er zu Werken von John Milton und William Shakespeare düstere oder fantasievolle Bebilderungen schuf.

Gezähmte Angst macht auch Normalos zu Helden

Weil er angeblich Opium konsumierte, um sich durch Drogentrips inspirieren zu lassen, hatte der Maler den Spitznamen „The Wild Swiss“ weg. Egal, wie er nun darauf kam, aber eindrucksvoll ist sein Gemälde „Der Nachtmahr“ allemal. Schon allein, weil es sich in all seiner auf den Effekt bedachten Theatralik einige Frechheiten herausnimmt. 

I realize with fright, that the Spiderman is having me for dinner tonight. ,Lullaby', The Cure   

Füssli malte 1790 eine Schlafende zwischen Traum und Realität. Auf ihrem Bauch sitzt ein hässlicher, lüstern dreinschauender Incubus mit dunkel unterlegten Augen, dahinter glotzt ein geblendetes Pferd, auf dem der männliche Dämon angeritten kam. Die Schlafende aber scheint in Anwesenheit des paarungswilligen Ungeheuers auf ihrem Bauch keineswegs albzuträumen, sondern wirkt wie lustvoll dahingeschmolzen. Der Blick des Betrachters wandert nicht nur über ihren wohlgeformten Körper, sondern kreuzt sehr bald die Augen des Incubus – und ertappt sich damit im Voyeurismus einer männlichen Fantasie.


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Angst wird also nicht generell vermieden. Das gilt für den Liebhaber von Vampirschmökern genauso wie für Bungeespringer. Denn gezähmte Angst macht auch Lust. Sie bedeutet, wohl dosiert und in überschaubaren Maßen, eine Auszeit vom Alltag, ein Austoben sonst eher verborgener Gefühle. Nicht zu vergessen, dass es in den Fiktionen meist die Angst ist, die Normalos in einer Art Konfrontationstherapie zu Helden und oft auch noch attraktiver macht – zumindest im Film.


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Letzten Endes liegt das Kap der Angst für alle an der gleichen Schreckensküste, nur in unterschiedlicher Höhe über dem Meeresspiegel des Tragbaren. Aber die Schwelle zwischen leckerem Schokosofagrusel und eiskaltem Todespanikhorror liegt da, wo eines der stärksten Lichter des Lebens, der Humor, hinleuchtet. 

Wenn Mia „Rosemary“ Farrow ihr grauenhaftes Satansbaby doch anlächelt, sträuben sich auf ewig die Nackenhaare. Doch wie Simon Pegg in „Shawn of the Dead“ mit seinem Zombiekumpel zockt, macht uns Lust auf eine Bloody Mary und eine Horrorkomödie – am besten „Young Frankenstein“ oder „The Fearless Vampire Killers“.


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